Luftwaffe im Sinkflug

Die Armee hat immer weniger Flugzeuge. Wenn es so weitergeht, kann sich die Schweiz bald nicht mehr verteidigen.

Bereit zur Landung: Die F/A-18 ist das modernste Flugzeug der Armee – und wenn die Politik nicht vorwärtsmacht, könnte es noch lange Zeit das letzte bleiben, das die Schweiz beschafft hat.

Bereit zur Landung: Die F/A-18 ist das modernste Flugzeug der Armee – und wenn die Politik nicht vorwärtsmacht, könnte es noch lange Zeit das letzte bleiben, das die Schweiz beschafft hat. Bild: Keystone

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Im Jahr 1966 nahm die Luftwaffe (damals Flugwaffe) 58 Mirage III in Betrieb. Zu diesem Zeitpunkt umfasste die schweizerische Militärflugzeugflotte, nebst den Mirage III, 220 Vampire, 250 Venom und 160 Hawker Hunter. Ende der 1960er-Jahre war man der Auffassung, knapp 700 Kampfflugzeuge seien für eine glaubwürdige Luftverteidigung des Landes erforderlich. Heute diskutieren wir darüber, ob wir den Schutz unseres Luftraumes dereinst 20, 30 oder sogar 50 neuen Flugzeugen übertragen sollen.

Wie kam es zu diesem Sinkflug der Schweizer Luftwaffe in den vergangenen 50 Jahren?

Im Gefolge der Mirage-Beschaffung ereignete sich die sogenannte Mirage-Affäre. Es kam zu Kostenüberschreitungen, verursacht durch technische Änderungswünsche der Schweiz. Die Mirage III S war aber ein hervorragendes Flugzeug; die Aufklärer (Mirage III RS) wurden erst 2003 ausgemustert. Gleichzeitig ist hier das erste Anzeichen des Niederganges zu erkennen, denn man hielt es nicht für nötig, die Mirage III RS zu ersetzen. Dadurch verfügt unsere Luftwaffe seit 2003 über keine eigentliche Aufklärung aus der Luft mehr, die insbesondere weit über die Grenze hinaus von entscheidender Bedeutung sein kann.

Nullentscheid des Bundesrats

1972, nach der Mirage-Affäre, entschied das Eidgenössische Militärdepartement (heute VBS), dass die nächste Kampfflugzeuggeneration ausschliesslich für die direkte und indirekte Feuerunterstützung der Erdtruppen eingesetzt werden müsse. Evaluiert wurden der A-7 Corsair II der Firma Ling-Temco-Vought, der ab 1965 bei der US Navy als Flugzeugträger-gestütztes, leichtes Unterschall-Angriffsflugzeug im Einsatz war, sowie der Dassault Milan S, eine geplante Weiterentwicklung der Mirage III. Dieser Vergleich ist kaum nachvollziehbar: Der Milan S war als Hochleistungsflugzeug konzipiert, während der A-7 etwa dem damals schon in der Schweiz im Einsatz stehenden Hawker Hunter entsprach.

Am 9. September 1972 kam es zum sogenannten Nullentscheid des Bundesrats, das heisst, weder der Corsair noch der Milan wurden erworben. Dafür beschaffte die Schweiz zwei Serien von je 30 gebrauchten Hawker Hunter, ein Flugzeug, das zu diesem Zeitpunkt nicht mehr auf der Höhe der Zeit war. Dieser Nullentscheid war ein grosser Schritt hin zum Niedergang.

1976 beschloss das Parlament die Beschaffung von insgesamt 72 Northrop F-5. Dieser setzte sich in der Evaluation gegen den F-4 Phantom II, den Dassault Mirage F1 und den Saab JA 37 Viggen durch. Auch dieser Entscheid ist nicht nachvollziehbar, denn die drei ausgeschiedenen Flugzeuge waren dem F-5 alle weit überlegen (wenn auch teurer). Der F-5 wurde damals in der Fachpresse als «kostengünstiges [zweitklassiges] Flugzeug für arme Partnerstaaten der USA» beschrieben. Im Jahr 1981 erwarb die Luftwaffe zusätzliche 32 F-5E und sechs F-5F. Man wollte unbedingt 110 Flugzeuge anstelle von etwa 60 bis 80 Stück eines der Gegenangebote. Die Beschaffung des F-5 (statt eines wirklich leistungsfähigen, europäischen Jagdflugzeuges wie Mirage F1 oder Viggen) war ein weiterer Schritt Richtung Abgrund.

Am 7. März 1988 genehmigte der Bundesrat den Antrag des Rüstungsausschusses, die Hauptevaluation für ein neues Kampfflugzeug mit den Typen F-16C/D und F/A-18C/D durchzuführen. Die Kandidaten Saab JAS-39A/B Gripen und Dassault Mirage 2000 schieden damit aus. Im Mai 1989 orientierte Bundesrat Kaspar Villiger die Militärkommissionen. Er legte grossen Wert darauf, das Endziel von etwa 100 Hochleistungsflugzeugen zu nennen. Im Frühjahr 1992 stimmten beide Kammern des Parlaments der Beschaffung von 34 F/A-18C/D zu (von einer späteren zweiten Tranche und 100 Flugzeugen war keine Rede mehr). Gleichzeitig mit der Schweiz beschaffte Finnland weitgehend identische 57 F/A-18C und 7 F/A-18D.

Die Anzahl von 34 Flugzeugen entstand nicht als Folge einer Bedrohungsanalyse, sondern wegen des Kostendaches von 3 Milliarden Franken. Es ging munter weiter nach unten: Zwar hatte man (im Gegensatz zum F-5) ein ohne jeden Zweifel ausgezeichnetes Flugzeug beschafft, aber die schrittweise Weiterbeschaffung auf das von Bundesrat Villiger vorgegebene Ziel von 100 Hochleistungsflugzeugen wurde «vergessen». Der Hornet ist ein «F/A»-Flugzeug, trotzdem wurde die Erdkampfunterstützung (das «A» von «F/A») bis heute nicht realisiert – auch 2017 scheiterte sie im Nationalrat!

Unredliche Argumentation

Im Januar 2007 gab das VBS bekannt, dass die vier Flugzeughersteller Boeing (F/A-18E/F), Dassault (Rafale), EADS (Eurofighter) und Gripen International (Saab JAS-39E Gripen) eingeladen wurden, erste Offerten für einen Teilersatz der Tiger-Kampfflugzeuge einzureichen. Die Flugerprobung würde voraussichtlich in der zweiten Jahreshälfte stattfinden. Effektiv fanden sie dann erst 2008 statt. Boeing zog im Anschluss seine Offerte für den F/A-18E/F zurück. Die sorgfältig durchgeführte Evaluation wurde nur durch Lecks öffentlich bekannt. Schade, denn sie ist auch für die kommende zweite Runde interessant. Das Resultat war keine Überraschung: Rafale auf Platz eins, dann der Eurofighter, als dritter der JAS-39E Gripen.

Drei Jahre später entschied der Bundesrat, 22 Gripen E zu kaufen, mit der Begründung des Tiger-Teilersatzes. In Wirklichkeit hätte es um den schrittweisen Ersatz des F/A-18C/D gehen müssen und um die Forderung nach einem Hochleistungsflugzeug.

Die Argumentation mit dem Preis war unredlich: Mit der letzten Offerte lag Dassault im Bereich des Gripen. Zudem hatte Frankreich ein sehr umfassendes Begleitpaket angeboten (Benützung des gesamten französischen Luftraumes, aller Rafale-Basen, aller Schiessplätze, wenn gewünscht Unterhalt, wenn gewünscht alle Simulatoren etc., wenn gewünscht auch für den Hornet). Dies alles direkt ab Schweizer Flugplätzen – ohne die aufwendigen und kostspieligen Arbeiten und Transporte, die anfallen, wenn zum Beispiel in Skandinavien geflogen wird.

Der Rafale war insgesamt nicht nur die beste, sondern auch die günstigste Lösung! Es ist bemerkenswert, dass der Bundesrat das Volk nie über das Gesamtangebot «Frankreich plus Dassault» informiert hat. Hingegen wurde ein fragwürdiges Finanzierungsmodell auf die Beine gestellt: Es sollten über zehn Jahre je 300 Millionen Franken zurückgestellt werden, um die geforderten drei Milliarden finanzieren zu können.

Dazu war ein Gesetz erforderlich, das – weil nicht Rüstungsprogramm – dem fakultativen Referendum unterlag, das dann auch prompt ergriffen wurde. Am 18. Mai 2014 lehnte die Stimmbevölkerung mit 53,4 Prozent der Stimmen nicht etwa den Gripen E als solchen ab, sondern das vorgeschlagene Finanzierungsmodell für ein Flugzeug.

Nun sind wir bald ganz unten angekommen: Zum ersten Mal wurde eine Flugzeugvorlage vom Volk abgelehnt, wegen eines untauglichen Finanzierungsmodells und fragwürdigen Verhaltens des VBS. Umfragen zufolge ist anzunehmen, dass zahlreiche Armeebefürworter die Vorlage ablehnten, weil sie zwar ein Flugzeug, aber eben nicht den Gripen E wollten.

Nach mehreren Zwischenfällen wissen die Bürger, dass zeitweise nur ganz wenige F/A-18 einsatzbereit sind und dass der F-5 hoffnungslos veraltet ist. Einsätze rund um die Uhr werden erst ab Ende 2020 möglich sein. Das hat alles nicht zur Vertrauensbildung beigetragen, sondern im Gegenteil zum Eindruck, dies alles sei gar nicht so wichtig, es gehe ja auch ohne (wie schon «bewiesen» mit der nicht mehr vorhandenen Luftaufklärung und Erdkampfunterstützung).

Im Mai 2017 erschien der Expertenbericht «Luftverteidigung der Zukunft», der vier Optionen präsentiert (55 bis 70, 40, 30 respektive 20 Flugzeuge), mit welchen «das vom Bundesrat angestrebte Leistungsniveau der Luftwaffe mit unterschiedlichen Ausprägungen und damit verbundenen Risiken umgesetzt werden kann». Damit ist wohl klar, dass wir von höchstens 30 Flugzeugen reden, nachdem laut diesem Bericht offenbar sogar 20 ausreichend wären. Für eine effektive, glaubwürdige Verteidigungsfähigkeit dürften aber 100 Hochleistungsflugzeuge (70 neue Flugzeuge und 30 aufdatierte F/A-18C/D mit Erdkampffähigkeit) ein absolutes Minimum darstellen – wir hatten früher für diese Aufgabe fast 700 Kampfflugzeuge. Nun rächt sich, dass man 1975 den zweitklassigen F-5 und 1992 den zwar erstklassigen Hornet, aber in viel zu kleiner Stückzahl, beschafft hat und seither nichts mehr.

Die Vorstellung der neuen Kampfflugzeug-Evaluation Ende Mai 2017 war unprofessionell. Aus meiner Sicht ist diese Beschaffung schon jetzt gefährdet. Wir sind nun am Ende angekommen, nach dem F/A-18 wird die Schweiz keine Kampfflugzeuge mehr besitzen, wenn nicht endlich mit aller Deutlichkeit und rasch vorgegangen wird:

> Es fehlt ein sicherheitspolitischer Bericht, der auf 30 bis 40 Seiten eine strategische Beurteilung der Lage vornimmt und die wesentlichen Schlüsse darlegt.

> Es fehlt eine brauchbare und konkrete Bedrohungsanalyse, aus der sich ein möglichst klarer Bedarf an Flugzeugen ableiten lässt.

> Es fehlt eine brauchbare und konkrete Bedrohungsanalyse, aus der sich ein möglichst konkretes Heer – nach der Übergangslösung «Weiterentwicklung der Armee» (WEA) – ableiten lässt.

> Es fehlen bislang überzeugende Finanzierungsmodelle für die immer wieder vor sich hingeschobenen und nun tatsächlich anstehenden umfangreichen Beschaffungsbedürfnisse für die Luftwaffe (inklusive der auch aufgeschobenen bodengestützten Luftverteidigung Bodluv) und das Heer.

> Es fehlt nach wie vor eine verständliche, stufengerechte und glaubwürdige Kommunikation.

Zu wenig Flugplätze

Die Luftwaffe ist doppelt gefährdet: einmal, weil seit vielen Jahren zu wenig Flugzeuge beschafft werden, aber auch, weil still und leise Flugplatz um Flugplatz stillgelegt wurde. Die verbliebenen Basen Payerne, Meiringen und – mit Einschränkungen – Emmen reichen für eine glaubwürdige Luftwaffe nicht aus.

Unsere ganze Armee ist nun ernsthaft gefährdet. Zudem sollte sie sich möglichst rasch von der Übergangslösung WEA lösen und wieder auf einen bedrohungsgerechten, notwendigen Gesamtbestand (personell und materiell) aufgestockt werden.

Der nächste Krieg in und rund um Europa wird kommen, in einer neuen Gestalt und mit neuen Mitteln. Umso mehr müssen wir dann in der Lage sein, uns zu verteidigen und Land und Leute zu schützen. Muss es denn wirklich sein, dass die Schweiz wie 1870, 1914 und 1939 für den nächsten Krieg wieder nicht bereit sein wird?

Ob wir uns auch aus diesem Kriege werden heraushalten können, steht freilich auf einem anderen Blatt geschrieben. Ohne eine wirklich glaubwürdige Armee ist es ein sehr wagemutiges Unterfangen.

Peter Schneider ist ehemaliger Chefredaktor der Allgemeine Schweizerische Militärzeitschrift, Oberst im Generalstab ausser Dienst und Vizepräsident von Pro Militia. (Basler Zeitung)

Erstellt: 03.10.2017, 07:43 Uhr

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