No Interview

Wir sprachen mit No-Billag-Initiant Olivier Kessler. Das Gespräch fand statt – erscheinen wird es nicht.

Wollte dann doch nicht. Olivier Kessler ist ein agiler und aufmerksamer Gesprächspartner.

Wollte dann doch nicht. Olivier Kessler ist ein agiler und aufmerksamer Gesprächspartner. Bild: Florian Bärtschiger

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Olivier Kessler, der Mann hinter der No-Billag-Initiative, spricht kaum mit Medien. Sein letzter grosser Auftritt war in der «Arena» des Schweizer Fernsehens. Die Sendung machte Schlagzeilen wegen der verbalen Giftpfeile, die zwischen ihm und Moderator Jonas Projer hin- und herflogen. Auch zugegen war Doris Leuthard. Kessler fragte sie im Verlauf der Sendung vorwurfsvoll, was denn eigentlich ihr Menschenbild sei. Die Bundesrätin wich aus. Die Frage blieb unbeantwortet.

Kessler wollte über Grundsätzliches sprechen. Denn bei der No-Billag-Initiative geht es für ihn um mehr als nur die 365 Franken Jahresgebühren.

Kessler gehört zu einem losen, libertären Netzwerk, das immer mehr in die Öffentlichkeit drängt – und am 4. März nicht nur gegen Billag-Gebühren antritt, sondern Teile davon auch gegen die Finanzordnung 2021. Nicht nur die SRG, auch der Staat soll zurückgebunden werden. Kessler sollte uns mitnehmen auf einen Spaziergang durch seine Schweiz. Wir rechneten mit keiner Zusage.

Andere Zeitungen, die sich mit ihm treffen wollten, erhielten Absagen. Mit der Zeit wollte er nicht sprechen, worauf er als Verschwörungstheoretiker verunglimpft wurde. Die Aargauer Zeitung zeigte sich düpiert, weil Kessler sich nicht zurückmeldete, ja nicht einmal ihre Fragen per E-Mail beantworten wollte. Umso mehr waren wir überrascht, dass wir ihn treffen konnten, am Montag vor einer Woche, um 11 Uhr, im Hotel Hyatt, in Zürich. Ein 5-Sterne-Haus, das in jeder beliebigen Luxusmeile dieser Welt stehen könnte.

Kein zweites Mal

Kessler erschien pünktlich. Er trug einen gefütterten Wintermantel, draussen schneite es. Die Lobby strahlte einzig durch ein künstliches Kaminfeuer etwas Wärme aus.

Das Gespräch war launig und nie langweilig. Wir fragten zum Einstieg: «Was haben Sie als Letztes im SRF gesehen?» Die Frage war harmlos, die Antwort sachlich: Es sei die «Arena» zur Finanzordnung 2021 gewesen. Kessler spricht überlegt, seine Sätze sind druckreif. Er sagte, seinen eigenen Auftritt zusammen mit Leuthard habe er kein zweites Mal gesehen, und erklärte, warum es zwischen ihm und Projer eskalierte. Kessler war hellwach, nutzte jede Gelegenheit, um einmal mehr für seine Initiative zu werben.

Das Gespräch gewann an Fahrt. Er sprach von der Bevormundung der Bürger, von der Selbstbestimmung des Einzelnen, aber auch vom antiaufklärerischen Menschenbild der No-Billag-Gegner. Um das Gesagte etwas fassbarer zu machen, wollten wir vom 31-Jährigen schliesslich wissen, wie sein Weltbild aussieht: Sollten Drogen legalisiert, die Post liberalisiert werden? Braucht es die freie Schulwahl?

Dabei wurde rasch klar, wie das mit der Selbstbestimmung des Einzelnen gemeint war: Kesslers Schweiz ist ein Minimalstaat, der mit dem heutigen Sozialstaat wenig bis gar nichts gemein hat. Mit solchen Etiketten müsse man aber aufpassen, gab er zu bedenken.

Kein Kompass

Kessler sprach vom Rückgrat, das man als Initiant brauche, von den Zückerchen, die einem die politischen Gegner anbieten würden. Es gelte bei alle dem standhaft zu bleiben. Kompromisse zu machen, das sei für ihn keine Option, es gehe ja schliesslich um Überzeugungen. Kessler ist kein Mann der Mitte.

Warum er aus der Jungen SVP ausgetreten ist, wollten wir wissen. Wegen seines Berufs, antwortete er. Das Liberale Institut, bei dem er heute als Vizedirektor arbeite, sei eine gemeinnützige Stiftung, die sich von Parteimitgliedschaften abgrenze. Kessler hat sich für den Job entschieden. Mit seinem Freiheitsdrang hätte er auch in die FDP gepasst, deren Slogan einst «Mehr Freiheit, weniger Staat» war. Das stimme, sagte Kessler. Heute sei die FDP halt eher «Mehr Staat, weniger Freiheit». Das würde man auch bei der No-Billag-Abstimmung wieder sehen. Er wisse nicht, was mit dieser Partei geschehen sei. Es sei traurig, dass die Partei keinen Kompass mehr habe.

Eine löbliche Ausnahme seien jedoch die Jungfreisinnigen. Einzelne von ihnen sind denn auch Teil des libertären Netzwerks der Schweiz – und engagieren sich aktiv für die No-Billag-Initiative.

Kessler war während des Gesprächs stets um Differenzierung bemüht. Er will sich nicht in ein Links-rechts-Schema einordnen lassen. Seine politische Achse verläuft zwischen Etatismus und Freiheit.

Keine Einsicht

Nach einer guten Stunde verabschiedete man sich schliesslich mit einem freundlichen Handschlag, das weitere Vorgehen schien geklärt, das Interview auf einem guten Weg. Kessler entschwand in die Strassen des Zürcher Bankenviertels.

Viele Freiheiten nahm sich Kessler dann beim Gegenlesen des Interviews. Er hat es komplett umgeschrieben. In der Lobby des «Hyatts» machte er klare Ansagen – seine überarbeiteten Antworten könnten aus innerstädtischen PR-Büros stammen. Nicht nur die etwas pikanteren Passagen waren neu formuliert, er strich auch die Fragen zu seiner politischen Sozialisierung. Unserer Bitte, bei den Korrekturen möglichst den Umfang des Interviews zu respektieren, wurde auf diese eher ungewöhnliche Weise nachgekommen – und so das Prinzip eines Interviews gleich mitausgehebelt.

Dabei kennt Kessler das Geschäft. Er war von Oktober 2015 bis August 2016 als Chefredaktor bei der Schweizerzeit tätig, deren Herausgeber der ehemalige SVP-Nationalrat Ulrich Schlüer ist. Dort schrieb er Texte wie «SRG: Realitätsverweigerung oder Eigennutz?», «Asylchaos in Deutschland» oder «Warum Sozialisten die wahren Ausbeuter der Arbeiterklasse sind».

Keine Kompromisse

Zu den Schweizer Medien hat Kessler ein ambivalentes Verhältnis. Es gäbe in diesem Land sicher gute Journalisten, denen es um die Wahrheit gehe und die kritisch gegenüber allen Seiten seien. Seine Erfahrung in diesem Abstimmungskampf sei aber, dass bewusst Sachverhalte falsch dargestellt und einem oft Wörter in den Mund gelegt würden. Nach dem Gespräch sagte er uns, dass er neben seinem Vollzeitjob nicht die Zeit habe, alle Anfragen zu beantworten, worauf die Journalisten dann teilweise verärgert reagierten und Unsinn schreiben würden.

In unserem Fall nahm er sich viel Zeit, wohl zu viel Zeit. Seine komplett überarbeitete Version konnten wir nicht akzeptieren – und er wollte selbst eine Kompromissfassung, die Teile seiner Nachbesserungen aufnahm, nicht publiziert wissen. Das Interview durfte schliesslich nicht gedruckt werden. Der E-Mail-Verkehr mit ihm versiegte.

Olivier Kessler hat wohl gespürt, wie sein gezeichnetes, libertäres Menschenbild in der breiten Öffentlichkeit aufgenommen werden könnte. Eine ungefilterte Fassung davon wollte er der Leserschaft der BaZ so kurz vor der No-Billag-Abstimmung offenbar nicht zumuten.

Der Spaziergang durch die Schweiz des Olivier Kessler dürfte selbst ihm etwas ungeheuer geworden sein. (Basler Zeitung)

Erstellt: 20.02.2018, 07:21 Uhr

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