Mit Grippe in den Notfall

Patientenzunahme auf den Notfallstationen: GLP fordert höhere Kostenbeteiligung.

Gestiegene Anspruchshaltung. Das Notfallzentrum des Basler Universitätsspitals verzeichnet seit 2010 eine Patientenzunahme von 11'000 Personen.

Gestiegene Anspruchshaltung. Das Notfallzentrum des Basler Universitätsspitals verzeichnet seit 2010 eine Patientenzunahme von 11'000 Personen. Bild: Roland Schmid

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Die Notfallstationen in den Spitälern haben immer mehr zu tun. So verzeichnet das Notfallzentrum des Basler Universitätsspitals seit 2010 eine Patientenzunahme von damals rund 42'000 Personen auf rund 53'000 im letzten Jahr. Im Notfallzentrum des Berner Inselspitals hat sich die Zahl der Patienten laut Chefarzt Aristomenis Exadaktylos in den letzten zehn bis 15 Jahren von 25'000 auf rund 50'000 sogar verdoppelt. Zwar sind beim Kantonsspital Baselland auf die Schnelle keine exakten Zahlen verfügbar. Doch laut Brigitte Emmenegger, Leiterin Marketing und Kommunikation, stelle man auch an den drei Standorten Bruderholz, Laufen und Liestal mehr Notfallpatienten fest.

Nationalrat Thomas Weibel (GLP, ZH) beobachtet die Entwicklung mit Sorge. Weil die Anzahl der Konsultationen in Spitälern deutlich stärker zugenommen hat als in den Arztpraxen, geht er davon aus, dass viele Patienten wegen Bagatellen den Notfall aufsuchen. Dem pflichtet Christophe Kaempf vom Krankenversicherungsverband Santésuisse bei. Eine Entwicklung, die höhere Kosten und damit höhere Prämien zur Folge hat. «Spitäler arbeiten im ambulanten Bereich wesentlich teurer als niedergelassene Ärzte in einer Praxis», so Kaempf. So koste eine Konsultation im Spital 422 Franken, beim Spezialisten 248 Franken, beim Grundversorger hingegen nur 164 Franken.

Der Grund sei die Infrastruktur in den Spitälern sowie deren 24-Stunden-Bereitschaft. «Auch werden dort pro Patient mehr Untersuchungen durchgeführt als in der Hausarztpraxis», so Kaempf. Laut einer wegweisenden Studie aus dem Jahr 2002 hätten 80 Prozent der Patienten problemlos durch den Hausarzt betreut werden können. Deshalb fordert Nationalrat Weibel in einer Motion, die Kostenbeteiligung der Patienten sei so zu erhöhen, dass es uninteressant werde, Bagatellen in den Notfallstation behandeln zu lassen.

Gesteigerte Anspruchshaltung

«Die Idee der Kostenbeteiligung ist sicher prüfenswert», sagt Brigitte Emmenegger. Es seien jedoch noch viele Fragen offen. «Was ist, wenn ein Patient aus Kostengründen nicht in den Notfall geht und plötzlich ein schwerwiegendes medizinisches Problem hat?» Bei den angefragten Spitälern mag man ohnehin nicht von Bagatellfällen sprechen. Zwar habe die Zunahme der Patientenzahlen in den letzten Jahren vor allem in den hausärztlichen Notfallpraxen der Spitäler stattgefunden, wo tendenziell leichte, nicht lebensbedrohliche Fälle behandelt würden, sagt Brigitte Emmenegger. Aus sogenannten Bagatellfällen seien schon lebensbedrohliche Notfälle geworden. «Wir haben nicht Angst, dass zu viele Bagatellfälle bei uns landen. Wir haben Angst, dass uns ein vermeintlicher Bagatellfall wegstirbt», erklärte auch Roland Bingisser, Chefarzt am Notfallzentrum des Basler Universitätsspitals unlängst der Basler Zeitung.

Die Gründe dafür, dass auch leichtere Fälle in den Notfallstationen landen, sind vielfältig. Sicher, es gäbe Ausländer, die noch nicht lange hier leben und deshalb das Schweizer Hausarztmodell zu wenig kennen würden, sagt Aristomenis Exadaktylos. Für den Chefarzt greift diese Erklärung jedoch zu kurz. Ebenso für Brigitte Emmenegger: Basierend auf dieser Annahme habe das Kantonsspital Baselland vor rund einem Jahr eine Aufklärungskampagne lanciert, was jedoch kaum zu einer Reduktion in der Notfallstatistik geführt habe.

Bundesrat lehnt Motion ab

Exadaktylos begründet die Zunahme eher mit einer grundsätzlich gestiegenen Anspruchshaltung der Patienten. «Viele Leute sagen sich, dass sie angesichts des Versicherungssystems bei einem gesundheitlichen Problem rund um die Uhr Anspruch auf den vollen medizinischen Service haben.» Dass immer mehr Leute den Notfall aufsuchten, liegt für den Berner Chefarzt nicht zuletzt am Mangel an Hausärzten.

Exadaktylos bezweifelt, dass nur die gestiegenen Notfallkonsultationen zu einer Kostenexplosion führten – zumal Hausärzte ihre Patienten oft zum Röntgen ins Spital schickten oder bei komplexen Fällen, wie sie bei älteren Patienten häufig seien, an Spezialisten überwiesen. «Zu berücksichtigen ist, dass der Spezialist bei uns, sollte er denn hinzugezogen werden müssen, im Konsultationspreis inbegriffen ist.»

Zudem haben viele Spitäler auf die steigenden Patientenzahlen im Notfall reagiert und würden sogenannte hausärztliche Notfallpraxen betreiben. Der Bundesrat lehnt in seiner Motionsantwort eine höhere Kostenbeteiligung der Patienten ab. Dies würde dazu führen, dass in der Praxis zwischen echten und unechten Notfällen unterschieden werden müsse. «Es dürfte viele Fälle geben, bei denen medizinisch umstritten ist, ob es angemessen war, eine Notfallstation aufzusuchen.» Auch könne es später zu höheren Kosten führen, wenn Versicherte aus finanziellen Gründen auf eine Behandlung verzichteten. Der Nationalrat wird sich allenfalls in der Herbstsession mit dem Vorstoss befassen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 08.08.2017, 07:22 Uhr

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