Sozialarbeiter sollen loslassen lernen

Von der Kesb verfügte Betreuung ist teuer – bleibt der Erfolg aus, muss sie gestoppt werden.

Früherkennung ist entscheidend. Bei Verdacht auf häusliche Gewalt hilft der Hausbesuch, das Risiko für die Opfer rascher richtig einzuordnen.

Früherkennung ist entscheidend. Bei Verdacht auf häusliche Gewalt hilft der Hausbesuch, das Risiko für die Opfer rascher richtig einzuordnen. Bild: Keystone

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Kerim Saidi* lebt seit gut zehn Jahren in der Schweiz. Die Probleme begannen, als der Tunesier 2014 in seine alte Heimat reiste, um die 26 Jahre jüngere und ihm unbekannte Aziza* zu heiraten. Kurz nach der Rückkehr in die Schweiz kam das erste und eineinhalb Jahre später das zweite Kind des Paares zur Welt. Der mittlerweile 50-Jährige verdient als Reinigungskraft monatlich nur rund 3500 Franken – nicht genug, um als Familie davon leben zu können. Doch statt seine Frau bei der Arbeitssuche zu unterstützen, sperrt er sie zu Hause ein und schlägt sie.

Ende 2016 verprügelt Saidi sie derart, dass die Polizei Aziza und ihre Kinder ins Frauenhaus bringt. Die Justiz sowie die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) schalten sich ein – was für die Wohngemeinde der Familie finanzielle Konsequenzen hat: Diese hat seither über 500 000 Franken für Frauenhäuser und andere Institutionen – darunter ein Kinderheim – sowie für sozialpädagogische Familienbegleitung ausgegeben.

Astronomische Kosten

Inzwischen leben die Kinder wieder bei ihrem Vater. Weil die Mutter aber immer noch in einer Institution untergebracht ist, wo man ihr laut Berichten der Betreuer beizubringen versucht, mehr auf ihre Kinder und weniger aufs Handydisplay zu schauen, braucht Kerim Saidi weiter Unterstützung. Konkret heisst dies sozialpädagogische Familienbegleitung für 136 Franken pro Stunde. Weil die Rückplatzierung der Kinder gemäss Behörden eine Ausnahmesituation darstellt, ist eine sechsmonatige Intensivphase vorgesehen. Kostenpunkt: rund 8000 Franken pro Monat.

Weil der Vater nicht nur unter der Woche, sondern oft auch an den Wochenenden arbeitet, muss die Gemeinde zudem monatlich Krippenkosten von rund 3000 Franken plus 3800 Franken für eine Nanny übernehmen. Da erscheinen die 650 Franken bescheiden, die die Gemeinde an Fahrtkosten zu berappen hatte, um das ältere der beiden Kinder vom Kinderheim in den Kindergarten zu chauffieren. Nötig wurde der Fahrdienst laut den Behörden, weil der Vater seine Kinder erst ein paar Wochen nach Schulbeginn bei sich aufnahm und man dem Kind zwei Kindergarteneintritte ersparen wollte. Da die Eltern auf Sozialhilfe angewiesen seien, vermerkt die Gemeinde in der Kostengutsprache, könne kein Elternbeitrag erhoben werden.

Familienbegleitung ist ein Zweig der Sozialarbeit, der in den letzten Jahren stark gewachsen ist – was auch mit der steigenden Zahl von Flüchtlingen und Migranten zu tun hat. Dass häusliche Gewalt bei ihnen oft ein Thema ist, zeigt nicht nur eine Studie des Kriminologen Martin Kilias. Auch die Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften kam unlängst in einer Studie zum Schluss, dass schwere Gewalt vor allem bei Migranten aus Sri Lanka, Brasilien und Afrika zum Erziehungsstil gehört. Die Aarburger Sozialvorsteherin Martina Bircher sagt, mit der steigenden Zahl von Flüchtlingen und vorläufig Aufgenommenen aus Eritrea hätten in ihrer Gemeinde auch die Kindes- und Erwachsenenschutzfälle zugenommen.

Zwar deckt sich dies mit den Erfahrungen mancher Kesb, man spricht jedoch nur hinter vorgehaltener Hand darüber. Man wolle den «Hass auf Migranten nicht schüren», sagt ein Sozialarbeiter. Auch gibt es keine schweizweiten Statistiken zum Anteil der Migranten an den Kesb-Fällen.

Massnahmen dauern oft Jahre

Klar ist indes, dass Beratungsfirmen, die Familienbegleitungen anbieten, von Problemfamilien wie den Saidis profitieren. Die meisten dieser Firmen sind Privatunternehmen, finanziert werden sie jedoch faktisch komplett durch Steuergelder, denn die Auftraggeber sind fast ausschliesslich die Kesb.

Bei der Beurteilung, ob eine Massnahme fortgesetzt werden muss, stützen sich die Behörden auf die Berichte der Familienbegleiter, in deren Interesse eine Fortführung des Auftrages ist. Gibt es denn keine Erfolgskontrolle? «Doch», sagt Diana Wider, Generalsekretärin der Kokes. Die Abkürzung steht für die Konferenz für Kindes- und Erwachsenenschutz, das Verbindungsorgan zwischen den kantonalen Aufsichtsbehörden im zivilrechtlichen Kindes- und Erwachsenenschutz, das unter anderem die Zusammenarbeit unter den Kantonen und mit dem Bund fördert.

In den meisten Fällen sei ein Beistand eingesetzt, der jährlich oder alle zwei Jahre Rechenschaft bei der Kesb darüber ablegen müsse, ob die gesetzten Ziele erreicht worden seien. «Bei Familienbegleitungen überprüft die zuständige Kesb oder der Beistand die Fortschritte sogar alle drei Monate», so Wider. Dass jene, die an den Massnahmen verdienen, die Aufträge absichtlich verlängern, sei nicht möglich. «Eben weil es sich bei der Kesb um Fachbehörden mit spezifischem Wissen handelt, würde dies durchschaut.» Zudem verhindere das Gesetz eine Endlostherapie. Denn wenn eine Massnahme das gesetzte Ziel nicht erreiche, dann sei sie nicht verhältnismässig und müsse aufgehoben werden. Dennoch dauern die Massnahmen wie im Fall Saidi oft jahrelang und bringen – von aussen betrachtet – wenn überhaupt, dann nur geringe Veränderungen.

Es sei zwar schwierig zu sagen, wie lange beispielsweise eine Familienbegleitung nötig sei, erklärt Andrea Lanfranchi, Professor an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik Zürich. Der Kinderpsychologe, der das Nationalfondsprojekt Zeppelin (siehe Box) leitete, das rund 130 Familien in Risikosituationen bei der frühkindlichen Förderung unterstützte, plädiert jedoch für die Familienbegleitung. «Wie unsere Studie gezeigt hat, ermöglichen Hausbesuche einen tieferen und umfassenderen Einblick in die Situation einer Familie.» So liessen sich Krisen früh erkennen und man könne schneller handeln. Lanfranchi betont, es sei wichtig, diese Massnahmen sehr gut zu überprüfen. «Ohne nennenswerte Fortschritte kommt der Punkt, an dem die Begleitung abgebrochen werden muss, weil sie aus Gründen des Kindswohles, aber auch aus Kostengründen nicht mehr zu verantworten ist.»

Hilfe nicht um jeden Preis

Was kommt nach dem Abbruch einer Massnahme? Sollen für Migranten dieselben Standards wie für Schweizer gelten, muss der Staat eingreifen und zu welchem Preis? «Ja», findet Lanfranchi, «im Sinne von Beratungsangeboten und Prävention. Der Staat muss die Anpassung ermöglichen.» Wenn die Einsicht fehle, seien manchmal kreative Lösungen nötig.

Das kann auch die Rückkehr ins Heimatland sein. So wie im Falle einer Südafrikanerin, die nach ihrer Heirat mit einem Schweizer ihre zwei halbwüchsigen Söhne nachgezogen hatte. «Die Buben kamen mit der Freiheit hier nicht klar und begannen zu delinquieren», so Lanfranchi. Nachdem alle Bemühungen nicht gefruchtet hätten, sei man mit der Mutter übereingekommen, dass die Söhne bei Verwandten in Südafrika leben sollen.

«Manchmal muss man die Leute auch einfach ziehen lassen», sagt Kokes-Generalsekretärin Diana Wider. «Sie müssen möglichst selbstbestimmt leben können, auch wenn dabei Fehler passieren.» Dies zu akzeptieren, sei eine der Herausforderungen für die Kesb und die Beistände. Loszulassen sei gerade für Fachpersonen aus dem Sozialwesen oft schwierig. «Dieser wichtige Lernprozess ist aber nun im Gange.»

* Namen der Redaktion bekannt (Basler Zeitung)

Erstellt: 12.10.2018, 07:47 Uhr

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