Alibijuden und die Israelkritik

Wie Schweizer Juden sich instrumentalisieren lassen.

«Werden instrumentalisiert.» Demonstration der Organisation «Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden zwischen Israel und Palästina».

«Werden instrumentalisiert.» Demonstration der Organisation «Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden zwischen Israel und Palästina». Bild: Keystone

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Eine der absonderlichsten Verirrungen deutscher Juden während der Gewaltherrschaft der Nazis war der 1921 gegründete «Verband nationaldeutscher Juden», dem knapp viertausend Juden angehörten, die «bei offenem Bekennen ihrer Abstammung sich mit deutschem Wesen und deutscher Kultur so unauflöslich verwachsen fühlen, dass sie nicht anders als deutsch empfinden und denken können». Die Selbstverleugnung dieser Juden gipfelte in der vom Verband unterstützten Veröffentlichung eines Pamphlets mit dem Titel «Die Greuelpropaganda ist eine Lügenpropaganda, sagen die deutschen Juden selbst», welches Pressemitteilungen und Zuschriften jüdischer Organisationen und Persönlichkeiten sowie offiziöse Statements von Hitler, Göring und Goebbels enthielt.

Durch die nationalistischen Loyalitätsbekundungen von Juden gegenüber dem NS-Regime sollte die negative ausländische Berichterstattung über die Verbrechen der NS-Diktatur entkräftet werden. Die obskure Broschüre ist wohl eine der groteskesten Auswüchse dessen, was Theodor Lessing in seinem 1930 erschienenen Buch «Der jüdische Selbsthass» beschreibt, in dem er den jüdischen Antisemitismus als «psychopathologisches Problem» erkennt und anhand von Beispielen belegt.

Heute hat der jüdische Selbsthass wieder Hochkonjunktur. Fast täglich werden in den Medien Juden herumgereicht, die als vermeintlich «authentische jüdische Stimmen» den Staat Israel desavouieren sowie die Errungenschaften und politischen Prozesse der einzigen pluralistischen Demokratie im Nahen Osten schlechtreden. Diese im Fachjargon als «Alibijuden» gehandelten «nützlichen Idioten» sind sich nicht zu schade, sich denjenigen anzudienen, die sich durch die einseitige Verurteilung Israels (durch einen Juden) von der Vergangenheit zu entschulden suchen, indem sie Juden als Täter anklagen und Israels Verhalten mit dem der Nazis gleichsetzen («Die Israelis machen mit den Palästinensern dasselbe wie die Nazis mit den Juden»).

Servile Unterwürfigkeit

Sie werden von den Redaktionen gezielt ausgewählt, um als selbstgeisselnde Gebrauchsjuden das auszusprechen, was ihre Interviewpartner nicht zu sagen wagen, weil Kritik an Israel angeblich ein Tabu ist. Dabei wird betont, dass diese jüdische Kritik – und sei sie noch so hanebüchen – per Definition nicht falsch sein kann, da die Kritiker schliesslich Juden seien. «Ich kann mir nicht vorstellen, wie man behaupten kann, dass eine Ausstellung, die von Israelis gemacht wird, als antiisraelisch oder antisemitisch aufgefasst werden kann», so Andrea König, Leiterin des Zürcher Kulturhauses Helferei über die dort veranstaltete und vom Schweizer Aussendepartement (EDA) mit fünfzigtausend Franken finanzierte Fotoausstellung der linksradikalen israelischen NGO «Breaking the Silence», die mit anonymen, nachweislich falschen «Bekenntnissen» israelischer Soldaten die israelische Armee im Ausland diskreditiert.

Königs verquerer Argumentation folgend, könnte der ehemalige stellvertretende Bundesvorsitzende der NPD und Landtagsabgeordnete von Mecklenburg-Vorpommern, Udo Pastörs, mit seiner radikalen Kritik an der deutschen Bundesregierung, von der er behauptet, sie hätte aus Deutschland eine «Judenrepublik» gemacht, a priori nicht Unrecht haben, da er Deutscher ist. Man stelle sich vor, internationale Medien würden ausschliesslich Extremisten von links bis rechts zu Wort kommen lassen, um die innenpolitische Situation Deutschlands zu beleuchten. Dass auch ein Jude oder Israeli seiner Landesregierung gegenüber radikale Ansichten hat, die ebensowenig zutreffen wie die von Pastörs, scheint sich dem Verständnis der «legitimen Israelkritiker» zu entziehen. Vor allem das Schweizer Fernsehen, das Juden entweder als schläfengelockte ultraorthodoxe Fundamentalisten oder rechtsnationalistische israelische Kriegstreiber porträtiert, greift oft und gerne auf diese jüdischen «Kronzeugen» zurück (vorzugsweise Holocaustüberlebende oder wenigstens Nachkommen), um seine gebührenfinanzierte Diffamierung Israels voranzutreiben. So durfte Jochi Weil (eigentlich Peter, aber Jochi klingt jüdischer) in einem Tagesschau-Bericht über den Sechstagekrieg einmal mehr seine abgestandene Anekdote zum Besten geben, wie er im Kibbuz vom Saulus zum Paulus wurde, als israelische Soldaten erzählt haben sollen, sie hätten wehrlose Araber erschossen. Belege? Keine.

Bereits am Zürcher Fundraising-Event des «National Committee for UNRWA in Switzerland» war Weil mit einer entwürdigenden Zurschaustellung jüdischen Selbsthasses aufgefallen. Es war beschämend zu sehen, wie diese moralisch verwirrte Karikatur eines Juden sich an der Podiumsdiskussion bei UNRWA-Direktor Pierre Krähenbühl und Manuel Bessler (DEZA) anbiederte und den beiden nach ihrem Israel-Bashing mit serviler Unterwürfigkeit seine «Solidarität» aussprach.

Entfremdung allenthalben

Neben der Regisseurin Stina Werenfels, dem Schweizermacher Rolf Lyssy, «Aktionskünstler» Thomas Meyer oder dem ehemaligen NZZ-Nahostkorrespondenten Arnold Hottinger (ein undercover Alibijude), ist es hauptsächlich die Schweizer Organisation «Jüdische Stimme für Demokratie und Gerechtigkeit in Israel/Palästina» (JVJP), die sich für die Legitimierung antiisraelischer Positionen in den hiesigen Medien instrumentalisieren lässt. Vor allem JVJP-Mitglied Shelley Berlowitz scheint die auf Juden und Israel angewendeten Doppelstandards nicht einordnen zu können.

Berlowitz arbeitet als Beamtin in Zürich für die «Fachstelle für Gleichstellung», verteidigt aber ausgerechnet die von der Weltgemeinschaft mit Milliarden alimentierten Palästinenser, die im Gazastreifen Frauen steinigen, Ehrenmorde begehen, Homosexuelle lynchen und in der West Bank die Rechte der Zivilbevölkerung systematisch verletzen. Berlowitz paktiert zudem mit dem Hilfswerk der evangelischen Kirchen Schweiz (Heks), das wegen seinen antiisraelischen Kampagnen bereits mehrfach in der Kritik stand. Das Heks initiierte bei der Migros die «Kauft nicht beim Juden»-Kennzeichnung von israelischen Waren und betreibt entgegen des Heks-Stiftungszwecks politische Agitation gegen Israel, indem mit Steuer- und Spendengeldern radikal antiisraelische NGOs finanziert werden.

Anlässlich seines letztjährigen Vortrags im Rahmen der Themenabende «Palästina» im reformierten Kirchgemeindehaus Neumünster in Zürich, präsentierte der damalige Heks-Direktor und ehemalige Leiter der Immobilien Basel-Stadt, Andreas Kressler, zwei Israel-Landkarten, die den «palästinensischen Landverlust seit 1949» illustrieren sollen. Dieselben Karten, eine manipulative und historisch falsche «Beweisführung» für Israels vermeintliche «Landnahme», werden seit Jahren von radikal antiisraelischen Propagandisten und antisemitischen Verschwörungstheoretikern als verleumderische Anklage gegen Israel missbraucht.

Der amerikanische Wissenschaftsverlag McGraw-Hill Education nahm ein Geschichtsbuch vom Markt, nachdem ein Blogger aufgedeckt hatte, dass es diese Karten enthält. «Eine wissenschaftliche Überprüfung ergab, dass die Karten unseren akademischen Standards nicht genügen», so Catherine Mathis, Sprecherin für McGraw-Hill Education. Den Standards des Heks hatten diese, von Journalisten als «Piktogramm für historische Analphabeten» bezeichneten Karten offensichtlich genügt.

Trotz eindeutiger Beweislage behauptete Berlowitz in der jüdischen Wochenzeitung Tachles, die Heks-Karten seien nicht identisch mit den Karten des McGraw-Hill Geschichtsbuchs, was jedoch mit Fotos des Kressler-Vortrags widerlegt werden konnte (Kressler weigerte sich, für einen BaZ-Artikel seine Powerpoint-Präsentation zur Verfügung zu stellen). Den assimilierten Duldungsjuden der Israelitischen Gemeinde Basel (IGB) muss bezüglich jüdischen Selbsthasses ebenfalls ein schlechtes Zeugnis ausgestellt werden. Wenn IGB-Präsident Guy Rueff in der BZ-Basel sagt, die Gemeinde stünde dem Nahostkonflikt «neutral gegenüber» und er bedauere, dass «wir Juden, das Judentum» sehr oft «mit Israel gleichgesetzt» würden, dann haben sich die Basler Gemeindejuden erheblich davon entfernt, was es heisst, Jude zu sein.

Die Identifikation mit der 3000-jährigen Geschichte des jüdischen Volkes erschöpft sich im wöchentlichen Pflichtgang in die Synagoge. Wenn Rueff weiter ausführt, die IGB hätte «als Juden in der Stadt des ersten Zionistenkongresses zwar eine besondere Verbindung zu Israel», man verstünde sich jedoch als «Schweizer und Basler Juden», dann ist das zweifelsohne ein lobenswertes Beispiel von Integration, es bleibt aber ein schaler Beigeschmack, der an Theodor Lessings «emanzipiertes Kulturjudentum» erinnert, dessen Assimilationsversessenheit ihm stets suspekt war.

Quelle des Selbsthasses

Dass Juden sich antiisraelisch oder antijüdisch positionieren, hat eine lange Tradition, denn dem Judentum anzugehören, war nicht erst zu Zeiten der Nazis ein Todesurteil. Die neutestamentarische Diffamierung der Juden als Jesusmörder (Deizid), Feinde aller Menschen (Paulusbrief) und Kinder des Teufels (Johannes Evangelium), begründete ein 2000-jähriges Martyrium, während dem die Juden für so ziemlich jedes Übel auf der Welt verantwortlich gemacht wurden und das im Holocaust seinen vorläufigen Höhepunkt fand. Oft wurden sie vor die Wahl gestellt, zum Christentum zu konvertieren, auszuwandern oder ermordet zu werden.

Unzählige gläubige Juden und solche, die aus Armut das Land nicht verlassen konnten, wurden umgebracht, viele wanderten aus. Andere traten zum Christentum über, um das eigene Leben und das ihrer Angehörigen zu retten. Da aber die berüchtigte «Judeninquisition» die Redlichkeit der übergetretenen Juden anzweifelte, landeten die meisten trotz Konversion auf dem Scheiterhaufen. Verstreut über die gesamte Welt, berichteten die Diaspora-Juden von der mörderischen Verfolgung in ihren Heimatländern. Dieses Trauma, aus Überlebensangst nicht dem Judentum angehören zu wollen, sich von ihm zu distanzieren und es schlechtzureden, ist bis heute tief in der jüdischen Erinnerung verankert und eine massgebliche Quelle des jüdischen Selbsthasses.

Nun könnte man argumentieren, das Judentum kennzeichne seit jeher dialektisches Denken, Kritik und der Grundsatz, alles hinterfragen zu dürfen. Frommen Juden war das Talmudstudium vorgeschrieben, in dessen Rahmen die Religionsgesetze analysiert wurden, indem man zwei entgegengesetzte Thesen so lange diskutierte, bis man sich auf einen Kompromiss einigte. Deshalb erstaunt es auch nicht, dass die heftigsten Kritiker des Judentums, aber auch Israels, aus dem Judentum selbst kommen. Das Problem ist jedoch, dass die hiesigen Alibijuden ihre Kritik eben nicht in Israel äussern, sondern denjenigen, die ihren Antisemitismus als Israelkritik camouflieren, ermöglichen, sich dabei auf Juden zu berufen.

Die Anbiederungsversuche des «Verbands nationaldeutscher Juden» trugen bei den Nazis keine Früchte. Nachdem die jüdischen nützlichen Idioten ihren Zweck erfüllt hatten, wurde der Verband am 18. November 1935 verboten, seine Mitglieder vertrieben oder umgebracht. Das sollten sich die heutigen Alibijuden zu Herzen nehmen, die es zulassen, dass man sich ihrer bedient, um Israel zu delegitimieren. So sehr sie sich auch für diejenigen verbiegen, deren Vorfahren ihre Vorfahren ermordeten – sie werden immer das bleiben, was sie waren und sind: Juden. Oder um es mit Johann Wolfgang von Goethe zu sagen: «Was klagst du über Feinde? Sollten solche denn je werden Freunde, denen das Wesen, wie du bist, im Stillen ein ewiger Vorwurf ist?» (Basler Zeitung)

Erstellt: 27.07.2017, 07:26 Uhr

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