Andreas Thiel – Im Namen der Aufklärung?

Ein Kabarettist will die Wahrheit über den Koran verbreiten. Seine Auslegung ist dabei so naiv und verrengt wie die eines Islamisten – am Tiefpunkt der Islam-Debatte.

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Roger Schawinski und Andreas Thiel wollten am Montagabend über den Koran sprechen (siehe Infobox links). Das funktionierte nicht wirklich. Die Unterhaltung verkam in kürzester Zeit zu einem Austausch gegenseitiger Beleidigungen, wie sie im gebügelten Schweizer Fernsehen kaum zu hören sind.

Unterschiede gab es in der Tonalität: Schawinski beleidigte emotional und beherzt. Thiel beleidigte kalt und ­automatisch. Nach der Sendung gab es zwei Verletzte: Schawinski fühlte sich «antisemitisch attackiert», Thiel grob beschimpft.

«Arschloch» hiess Schawinski ­seinen Gast nach der Sendung vom Montag, als die Kamera abschwenkte. «Mehrmals», klagt Thiel, «einmal» sagt Schawinski, immerhin. Auf 20min.ch entschuldigte sich der Moderator. Nicht für die Fahrigkeit, sondern dafür, auf eine Ausstrahlung der Sendung nicht verzichtet zu haben. Was aber war passiert und wie kam es, dass ein Kabarettist und ein Allround-Journalist im Fernsehen über den Islam dilettieren wollten?

Thiel, der eifrige Islamschüler

Andreas Thiel las den Koran, dreimal, wie er stets betonte. In der Welt­woche veröffentlichte er Ende November einen Artikel, in dem er seine Lektüreerlebnisse wiedergab. In ausdauerndem Fleiss hatte er be­­lastendes Material gesammelt, um den Propheten seiner Schlechtigkeit zu überführen. Mohammed, so sein Befund, sei ein primitiver Wüstling: Sklaventreiber, Kinderschänder und Massenmörder. Maschinengewehrartig feuerte Thiel die entsprechenden Suren als Belege ab. «Der Koran» prangte gross auf der Titelseite der Weltwoche (der Buchstabe «o» war eine Bombe) – «Die Bibel der Gewalt».

So vernichtend klar Thiels Urteil, so vage war die Prämisse des Artikels. Thiel bemüssigte sich, gegen eine gespenstisch-unsichtbare indirekte Rede anzuschreiben: «Die Gewalt­exzesse mordender Muslime hätten nichts mit dem Koran zu tun. Die Heilige Schrift sei friedlich und voller Güte.» Bloss, wer hat dies behauptet? Wer sagt, dass Mohammed der grosse Friedensstifter war?

Koran und Kalaschnikow

Thiels Zugang zum Koran ist etwa so verengt und naiv wie der eines ­Islamisten. Ähnlich liesse sich auch das Alte Testament auf Grausamkeit abtasten – so viel kritische Selbsterkenntnis ist dem Komödianten aber nicht vergönnt. Thiels Ausführungen sind bar jeder historischen Kontextualisierung. Bei allem Versperren, ein Müsterchen seiner Textexegese aus der Sendung Schawinski: «Wenn du den Koran liest und daran glaubst, dann fängst du an, andere Leute umzubringen.» Koran und Kalaschnikow – eine Symbiose. Thiels Welt ist ganz einfach.

Kritik widerfuhr dem Irokesen sogar aus der Weltwoche. «Kein intellektuelles Glanzlicht», befand Medien-Kolumnist Kurt W. Zimmermann. Einzig der unter René Lüchinger ängstlich gewordene Blick scheint sich im Windschatten der Weltwoche für einmal ein Mütchen gefasst zu haben: «Steht das in eurem Koran?» titelt er auf der ersten Seite zum Bericht über den brutalen Anschlag auf eine Schule in Pakistan von dieser Woche – und ­verrät gleichermassen fehlendes Gefühl für die Situation und fürs Blattmachen.

Thiels Artikel verursachte innerhalb von drei Wochen erheblich Aufregung. Zuerst deckten verletzte Muslime den Autor mit Morddrohungen ein – vor der Weltwoche-Redaktion patrouillierte zeitweise ein privater Sicherheitsdienst. Klar, dass Thiel die Gefahr als Zeichen für seine treffsichere Koran-Analyse nahm. Dann kamen Islam­wissenschaftler wie Thomas Widmer vom Tages-Anzeiger, die Thiels Sätze wogen und für allzu leicht befanden, schliesslich der Fernsehauftritt bei Giacobbo/Müller und bei Schawinski. «Was war der Sinn dieses Artikels?», stellte Schawinski die entscheidene Frage. Es blieb ein Ruf in die Wüste. Thiel reagierte mit Gegenfragen oder kehrte Schawinskis Kritik eins zu eins auf den Moderator um. Es schien wohlvorbereitete Strategie.

«Hast du ‹Mein Kampf› gelesen?»

Die Gesprächshaltung war kindischer Trotz: Verweigerung ohne einen Anflug von Originalität. Thiel fand die Triggerpunkte, um Schawinski in Rage zu bringen: Lenkte die Aufmerksamkeit auf dessen jüdische Herkunft, mokierte sich penetrant über Schawinskis Eitelkeit, Egozentrik und Beruf. Dieser hasst es, als «Boulevardjournalist» bezeichnet zu werden.

«Du bist Jude, oder? Bist du eher ein Papier-Jude oder ein Agnostiker- Jud oder ein gläubiger Jud?», fragte Thiel unvermittelt. Nach zwei Minuten schon hatte Schawinski die Contenance verloren. Später fragte ihn Thiel: «Hast du ‹Mein Kampf› gelesen? Hast du das toll gefunden?» – eine bemerkenswerte Frage an einen, dessen Familie den Holocaust in der Schweiz überlebte. Schawinski seinerseits bezeichnete Thiel wiederholt als «Rassist» und «Hetzer» zum Religionskrieg. «Auf­hetzen tut Mohammed», meinte Thiel, «wenn ich darüber die Wahrheit schreibe, dann ist meine Motivation Aufklärung.» Thiel erachtet seinen Artikel als Wahrheit. Auch hier enttarnte er sich selbst als Fundamentalist, ein Fundamentalist seiner selbst.

Hinter diesem Aufklärungsgedanken versteckte sich Thiel. Der zuweilen bis aufs Äusserste gereizte Schawinski verlor in seiner Aufregung immerhin nicht den moralischen Kompass: «Du wirfst dem Islam vor, er sei intolerant, hasserfüllt und fundamentalistisch – das bist du eben auch.»

Verzerrte Aufklärung

Man kann nicht einfach naiv fragen, worum es in einem Text geht. Man muss auch nach der Funktion fragen. Die Inszenierung und Unausgewogenheit von Thiels Artikel in der Weltwoche gibt starke Hinweise darauf, dass Thiels Text einzig der Provokation und Diskreditierung der Muslime im Allgemeinen dient. Sie sind kollektiv gefährlich, oder im Mindesten Idioten oder Kranke – wer sonst läuft einem Sklaventreiber und Kinderschänder hinterher?

Genauso wie Thiel den Islam verzerrt, verzerrt er auch die Aufklärung, in deren Dienst er sich wähnt. Als ­Lektüre sei ihm «Nathan der Weise» von Gotthold Ephraim Lessing empfohlen. Bitte auch mindestens dreimal lesen und dann einen Artikel in der Weltwoche schreiben!

Schawinski muss sich die Kritik gefallen lassen, dass er bei Gesprächen über Religion regelmässig zu emotional wird: Das war vor Kurzem schon bei Nicolas Blancho aka Abu Ammar AbdUllah so. Aber warum sich entschuldigen? Schawinskis Einsatz, auch der ­emotionale Einsatz, ist stets gross. Da droht gelegentlich Absturz, aber oft ergeben sich auch Fernsehmomente, an die man sich später noch erinnern kann. Man wünschte sich, das Fern­sehen würde mehr verunglücktes Programm ausstrahlen. Es ist ehrlicher, wenn auch nicht immer erbaulich. (Basler Zeitung)

Erstellt: 19.12.2014, 12:01 Uhr

Zum nachsehen: Schawinski vs. Thiel

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