Automaten-Fahrer greifen zum Schaltknüppel – es hagelt Kritik

Wenn Lenker mit Automaten-Prüfung handgeschaltete Autos fahren, steigt das Unfallrisiko. Dies zeigt eine Studie. Auch Fahrlehrer und Unfallexperten warnen.

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Junglenker und -lenkerinnen sind deutlich öfter in Unfälle verwickelt als jene mit längerer Fahrpraxis. Der Bundesrat möchte deshalb die Anforderungen für einen Führerausweis erhöhen. So sollen unter 25-Jährige nur noch dann zur Fahrprüfung zugelassen werden, wenn sie während mindestens zwölf Monaten Fahrpraxis gesammelt haben und wenn sie mindestens zwei Lektionen bei einem Fahrlehrer besucht haben.

Gleichzeitig schlägt der Bundesrat aber auch vor, dass Lenker, welche die Prüfung mit einem Fahrzeug mit Automatikgetriebe absolviert haben, neu auch handgeschaltete Autos fahren dürfen und umgekehrt, wie der «Blick» schreibt. Diese Änderung wird jedoch scharf kritisiert. «Es ist gefährlich, wenn jemand, der üblicherweise einen Automaten fährt, ein handgeschaltetes Auto lenkt», sagt Bruno Schlegel, Fahrlehrer und Präsident der Fachkommission Auto des Schweizerischen Fahrlehrerverbands. Gerade in Notsituationen hätten sie die Pedalerie nicht im Griff und gefährdeten andere Verkehrsteilnehmer.

Wie schwierig die Umstellung von einem automatischen zu einem handgeschalteten Getriebe ist, beobachtet er regelmässig, wenn Lenker von ihrem Garagisten ein Ersatzfahrzeug bekommen. Dann fahren sie ruckelnd und rumpelnd vom Parkplatz und lassen dabei wie in der ersten Fahrstunde die Kupplung spicken. Nach Schlegels Erfahrung brauchen gute Schüler mindestens vier bis fünf Fahrstunden, um sich auf ein handgeschaltetes Auto umzustellen, alle anderen mehr.

Auch Fahrlehrer Ivo Schmitt zeigt sich im «Blick»-Interview empört. «Kommt diese Regelung durch, wird der Verkehr massiv gefährlicher. Wenn jemand nur auf dem Automatikgetriebe fahren gelernt hat und plötzlich schalten muss, sind Unfälle vorprogrammiert.»

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Bei der Beratungsstelle für Unfallverhütung ist man ebenfalls äusserst skeptisch. Eine australische Studie habe gezeigt, dass Fahrer, die ihre Prüfung auf einem Fahrzeug mit automatischer Schaltung abgelegt hätten, ein erhöhtes Unfallrisiko aufwiesen, wenn sie ein handgeschaltetes Auto lenkten, sagt Marc Bächler, Leiter der Medienstelle. Diese Fahrer seien durch Kuppeln und Schalten stärker abgelenkt. Dass Autos mit automatischem Getriebe gefördert würden, begrüsse man jedoch, denn das diene der Verkehrssicherheit. Welche Stellung die Fachstelle zur gesamten Vorlage beziehe, sei noch offen.

Weniger Sicherheit für Junge

Zwar will der Bundesrat mit der Revision der Führerausweisvorschriften erreichen, dass Junge sicherer fahren. Sein Vorschlag könnte aber genau den gegenteiligen Effekt erzielen: «Gerade Junge fahren oft handgeschaltete Autos», sagt Schlegel. Viele hätten wenig Geld und kauften sich eine – handgeschaltete – Occasion. Würde der Vorschlag des Bundesrats umgesetzt, können sie es sich einfach machen und die Prüfung mit einem Automaten absolvieren, nachher aber ihr handgeschaltetes Auto fahren.

Weshalb aber denkt das Bundesamt für Strassen (Astra) überhaupt daran, die heutige Regelung aufzuheben? Der Vorschlag kam aus der Arbeitsgruppe, welche sich mit der Revision der Führerausweisvorschriften befasste, wie sein Sprecher Thomas Rohrbach sagt.

Mittlerweile existieren ein halbes Dutzend verschiedene Getriebearten. Mit der laufenden Elektrifizierung sei der Übergang vom klassischen mechanischen Getriebe zum automatischen fliessend, Elektroautos hätten gar nur noch einen Vor- und einen Rückwärtsgang. «Mit der heutigen Regelung müssten wir konsequenterweise zu jeder Getriebeart eine Prüfung machen.» Nach Ansicht Rohrbachs ist es nicht so schwierig, eine Kupplung zu bedienen. Bis Ende der Vernehmlassung am 26. Oktober will sich das Astra nicht inhaltlich zur Vorlage äussern.

Viele handgeschaltete Autos im Verkehr

«Das Problem der unterschiedlichen Getriebearten wird am Ende der Markt lösen», sagt Bruno Schlegel. Irgendwann würden die Hersteller gar keine handgeschalteten Autos mehr produzieren, später auch keine Automaten mehr, wie man sie heute kennt – dann würden die Autos selber fahren.

Schlegel beobachtet schon heute, dass mehr Lenker auf einem Automaten fahren lernen wollen. «Es ist aber noch viel zu früh, die heutige Regelung aufzuheben», sagt er. Noch seien viele handgeschaltete Autos im Verkehr und so kämen auch Lenker, die einen Automaten besässen, in die Situation, ein handgeschaltetes Auto zu fahren, das Geschäftsauto etwa oder dasjenige eines Bekannten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.08.2017, 15:50 Uhr

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