«Baby, Baby versteht man doch überall»

Ein Schweizer Grenzwächter muss sich vor Gericht für die erlittene Totgeburt einer Syrerin verantworten. Er soll ihr nötige medizinische Hilfe verweigert haben.

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Es habe sehr deutliche Zeichen geben, dass es seiner Frau nicht gut gehe, sagte am Mittwoch der Ehemann einer Syrerin vor dem Militärgericht. Die hochschwangere Frau hatte im Sommer 2014 bei einer Rückschaffung durch die Schweiz ihr Kind verloren.

Er sei kein Gynäkologe, aber er habe gesehen, dass seine Frau geblutet und starke Schmerzen gehabt habe, sagte der Mann als Zeuge vor dem Militärgericht. Seine Frau sei vor Schmerz fast ohnmächtig geworden und habe sich gewunden. Er habe die Schweizer Grenzwächter, die die Flüchtlingsgruppe begleiteten, am Bahnhof Brig bestimmt drei-, viermal auf Englisch auf die gesundheitlichen Probleme seiner Frau aufmerksam gemacht.

Die Schwester der damals Hochschwangeren spreche kein Englisch, habe jedoch immer wieder «Baby, Baby» wiederholt. «Das kann man doch in jeder Sprache verstehen», sagte der Mann vor Gericht.

Keine ärztliche Hilfe

Sie sei im achten Monat schwanger gewesen, erklärte seine Ehefrau, die stets höflich und mit ruhiger und fester Stimme sprach, auch wenn sie die teilweise intimen Fragen zur Geburt und zum Durchlebten sichtlich bewegten.

Einer Frau im achten Monat könne man eine Schwangerschaft ansehen. Ausserdem habe sie eine weisse Hose getragen, durch die das Blut durchgedrungen sei, schilderte sie. Weshalb man ihr keine ärztliche Hilfe zukommen liess, habe man ihr nicht gesagt. Sie habe auf ihrer Pritsche geweint und Schmerzenslaute von sich gegeben. Neben ihr seien ihre Kinder und die Schwester gewesen, auch sie hätten alle geweint. Wann die Frau letztmals Bewegungen des Ungeborenen im Bauch gespürt hatte, konnte sie nicht mehr genau sagen.

Wortlos wieder gegangen

Der Ehemann demonstrierte vor Gericht, wie ein Grenzwächter kurz im Raum vorbeischaute, in dem die Schwangere auf einer Pritsche lag, und dann wortlos wieder ging. Ob es sich um den nun angeklagten Grenzwächter handelte, könne er nicht mehr sagen.

Warum man seiner Frau die verlangte ärztliche Hilfe nicht zukommen liess, habe ihnen niemand gesagt. Um seine Frau in Brig zum Zug nach Italien zu transportieren, habe er um eine Bahre gebeten, aber keine erhalten. So habe er seine Gemahlin zum Zug getragen.

In Domodossola hätten die Behörden dann sofort reagiert. Innert zehn Minuten sei ein Krankenwagen gekommen, berichtete der Mann. Das Verhalten der Grenzwächter in Brig wollte der Mann nicht weiter kommentieren. «Jeder muss für seine Taten selber Rechenschaft ablegen», sagte er . Doch Hilfe sei nicht nur etwas Gesetzliches, sondern auch etwas Humanitäres, betonte der Ehemann. Er selber hätte in einem solchen Fall geholfen.

An Grenze gestoppt

Die Syrerin war zusammen mit ihren Kindern, dem Ehemann und ihrer Schwester sowie einer ganzen Gruppe weiterer Flüchtlinge unterwegs nach Frankreich. An der schweizerisch-französischen Grenze wurde die Gruppe gestoppt. Mit Bussen wurden die Flüchtlinge nach Brig gebracht, wo sie dann auf einen Anschlusszug nach Italien warten mussten.

Vor dem Militärgericht 4 steht der damalige Teamchef der Grenzwächter, die für die Rückschaffung der Flüchtlingsgruppe zuständig waren. Ein Führungsbericht aus dem Jahr 2015 attestierte dem Mann gute bis sehr gute Leistungen. Er sei als Chef fordernd gewesen. Der Mann ist heute in anderer Funktion tätig. Es gilt die Unschuldsvermutung. (kaf/sda)

Erstellt: 22.11.2017, 14:16 Uhr

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