«Beim Minergie-Standard werden fragwürdige Materialien verbaut»

Der Holzbauer Markus Mosimann übt scharfe Kritik am Minergie-Baustandard. Die obligatorische Zwangslüftung und die eingesetzten Materialien sind ihm ein Dorn im Auge. Er fordert ein Umdenken.

Alternativ: Das Ein-Ofen-Haus setzt auf Holz, verzichtet auf eine automatische Lüftung und kommt mit einem Holzofen im Wohnraum aus.

Alternativ: Das Ein-Ofen-Haus setzt auf Holz, verzichtet auf eine automatische Lüftung und kommt mit einem Holzofen im Wohnraum aus. Bild: Andreas Fahrni

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Die Schweiz steht vor grossen energiepolitischen Herausforderungen. Die angestrebte Energiewende mit dem Verzicht auf neue Kernkraftwerke kann nur gelingen, wenn der Energieverbrauch drastisch sinkt. Dazu will Bundesrätin Doris Leuthard den Hebel auch bei der Energieeffizienz von Gebäuden ansetzen. Hier hat sich der Minergie-Standard als ökologische Bauform etabliert. Zu Unrecht, sagt Holzbautechniker Markus Mosimann. Er ist Inhaber des Holzforums, einem Betrieb, der auf Nullwachstum setzt, und Mitautor von «Das Holzhaus der Zukunft». Er kritisiert: «Beim Minergie-Standard werden fragwürdige Materialien verbaut, die man als Sondermüll bezeichnen muss.» Zudem sei die vorgeschriebene automatische Lüftung eine reine Zwängerei.

Herr Mosimann, die angekündigte Energiewende muss Ihr Holzbauer-Herz höher schlagen lassen.
Die Richtung stimmt. Allerdings dreht sich die Diskussion heute zu einseitig um die Betriebsenergie. Jeder redet davon, wie viel Energie ein bewohntes Haus verschlingt, und niemand von der Energie, die vorher in den Bau gesteckt wurde. Leider ­interessiert sich auch der Minergie-Standard viel zu wenig für die graue Energie, die beim Bauen anfällt. Doch genau hier liessen sich gewaltige Energiemengen einsparen.

Ein Minergie-Hausbesitzer sieht sich kaum als Energieverschwender.
Natürlich nicht. Er selber verbraucht ja für den Betrieb auch wenig Energie. Doch es braucht, soll die Energiewende gelingen, einen globalen ­Ansatz. Dazu müssen wir den Hebel bei der grauen Energie ansetzen. Tun wir das nicht, betrügen wir uns selbst. Nehmen Sie ein Minergie-Haus: Hier dürfen Sie auch Materialien ver­bauen, die in der Herstellung extrem energieintensiv sind. Diesen Mehraufwand an Energie kann ein Haus während seiner ganzen Lebensdauer von 60 Jahren nicht mehr einsparen.

Machen Sie nun nicht aus einer kleinen Energie-Maus einen riesigen Elefanten?
Absolut nicht. Die Zahlen sind gigantisch. Allein der CO2 lässt sich mit der richtigen Materialwahl um den Faktor fünf senken. Es macht einen gewaltigen Unterschied, ob die Umwelt beim Hausbau mit 75 000 oder nur mit 15 000 Kilo belastet wird. Bei der grauen Energie sind die Unterschiede ebenfalls gewaltig. Ein Beispiel: Heute wird Polystyrol, Sagex also, als häufigster Dämmstoff verbaut. Seine Herstellung verschlingt 30 Mal mehr Energie als die Produktion von Cellulosefasern.

Ihre Aussage steht im krassen Widerspruch zum ökologischen Image, das der Minergie-Standard hat.
Das ist so und ich gehe noch einen Schritt weiter: Wer einem Kunden sagt, mit einem Minergie-Haus bekomme er ein topökologisches Haus, führt ihn an der Nase herum. Beim Minergie-Standard werden nicht nur fragwürdige Materialien verbaut, die man schlicht als Sondermüll bezeichnen muss. Damit das Haus überhaupt bewohnbar ist, muss man obendrein eine Zwangslüftung einbauen. Man stelle sich vor: Das Raumklima muss über eine energiefressende Lüftung, die das Raumklima nachweislich verschlechtert, reguliert werden – und das nennt sich dann ökologisch. Das ist absolut stossend.

Im Minergie-Jargon heisst dies Komfortlüftung. Was stört Sie daran?
Die Achillesferse am System ist, dass es ohne Zwangslüftung keine Zertifizierung gibt. Das wäre nun nicht weiter schlimm, denn Minergie ist ein privates Label. Man kann es nehmen oder man kann es lassen. Problematisch wird es jedoch dann, wenn die Gemeinden Minergie als Standard vorschreiben, im Glauben daran, sie tun etwas Gutes. Leider greift diese Unsitte immer mehr um sich.

Andere nennen es ein logisches System. Man baut Häuser, die möglichst keine Energie verlieren, also dicht sind, und lüftet sie kontrolliert, um nicht beim Luftaustausch Energie zu verlieren.
Zugegeben, auf den ersten Blick erscheint das System logisch. Doch es wären weder Dampfsperren noch Zwangslüftung nötig, wenn man anders bauen würde. Die Dampfsperren, meist Plastikfolien, braucht es nur, weil die verbauten Materialien die Feuchtigkeit nicht regulieren können. In einem solchen Raum hält man es nur mit einer Zwangslüftung aus – oder wenn man dauernd die Fenster öffnet. Insofern macht die Zwangslüftung Sinn. Das Problem ist, dass es überhaupt keinen Sinn macht, solche Häuser zu bauen.

Das heisst?
Man sollte beim Bau auf Materialien setzen, die keine Wärme verlieren und die Feuchtigkeit selber regulieren können.

Nun folgt sicher das Hohelied des Holzbauers auf den Werkstoff Holz.
Warum auch nicht? Holz hat ideale Eigenschaften zum Wohnen. Es gibt keinen einzigen Baustoff, der weniger Energie verbraucht, bis er fertig verbaut ist. Holz muss man nicht herstellen, man muss es nur bearbeiten.

Ich sehe schon: Sie lassen kein gutes Energie-Haar am Minergie-Standard.
Das stimmt nicht ganz. Minergie hat die wirre Diskussion der 1990er-­Jahre, was energieeffizientes Bauen ist, zivilisiert. Dafür bin ich dankbar. Bis dahin konnte jeder sein Haus als Niedrigenergiebau anpreisen. Das Problem ist, dass der Minergie-­Standard untrennbar mit der ­ Zwangslüftung verknüpft ist. Das ­blockiert jedwede Weiterent­wicklung.

Stört Sie nicht einfach, dass Minergie-Bauten zum Teil subventioniert werden?
Doch, aber nicht, weil es Minergie-Bauten sind. Wer in der privilegierten Situation ist, ein Haus bauen zu können, sollte dafür nicht auch noch Geld bekommen. Die Mittel sind falsch eingesetzt. Zudem stört mich, weil man hier etwas als ökologisch verkauft, das wirklich nicht ökologisch ist.

Was wäre Ihr Ansatz?
Man muss das Thema Gesamt­energiebilanz ähnlich angehen wie seinerzeit den Katalysator beim Auto. Man hat ihn nicht vorgeschrieben, sondern einfach strenge Vorschriften erlassen. Das hat gewirkt und hat der Industrie gleichzeitig den Spielraum gelassen, andere Antriebe zu ent­wickeln. Gleich ist es beim Bauen. Schreiben wir den Minergie-Standard vor, verhindern wir neue und vielleicht bessere Lösungen. Das ist stossend. Ich plädiere stattdessen dafür, dass man den Energieverbrauch von Bau und Betrieb addiert und einen Grenzwert definiert, der nicht überschritten werden darf.

Klar, denn da sind Sie mit Ihren Häusern fein raus. Sie bauen mit Holz und verzichten auf aufwendige Technik. In der Maximalvariante, dem Ein-Ofen-Haus, steht gerade noch ein einzelner Holzofen im Wohnzimmer. Das tönt nach letztem Jahrhundert.
(Lacht.) Das waren auch die Bedenken der ersten Interessenten. Mittlerweile stehen 35 Häuser. Dank mo­dernsten Techniken gibt es kaum Wärmeverluste und es lässt sich ­komfortabel mit einem einzigen Ofen leben.

Fragt sich nur, was man unter Komfort versteht.
Das ist ein Grundsatzentscheid, den jeder für sich fällen muss. Für mich ist ein komfortables Haus nicht eines, bei dem ich von New York aus mit dem Handy die Storen rauf- und runterlassen kann. Für mich ist Komfort, wenn ich mich beim Betreten wohlfühle, das Haus gut riecht und Wärme ausstrahlt. Das gibt ihm Sinnlichkeit. Es gibt immer mehr Leute, die sich auf dem Weg zum Haus nicht als Erstes in der Plättli-Ausstellung verirren, sondern sich überlegen, wie ein verregneter Sonntag zu Hause aussehen soll. Sie definieren die Werte, die sie ihren Kindern vermitteln wollen, und nicht das Lavabo, das sie den Besuchern zeigen wollen. Der Hausbau wird so zum Nestbau. (Basler Zeitung)

Erstellt: 23.08.2012, 10:03 Uhr

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