Chemikalie mit tödlichem Potenzial

Die Schweiz erlaubte die Ausfuhr von Isopropanol nach Syrien, obwohl damit Giftgas hergestellt werden kann. Antworten auf die wichtigsten Fragen.

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Eine Schweizer Firma hat im Jahr 2014 rund fünf Tonnen Isopropanol ins Bürgerkriegsland Syrien geliefert und der Export wurde offiziell vom Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) abgesegnet. Wie bedenklich ist es, dass diese Chemikalie auch für die Herstellung des Nervengases Sarin verwendet wird? Antworten zu den wichtigsten Fragen.

Was ist Isopropanol?

Die leicht flüchtige und farblose Flüssigkeit ist ein handelsübliches Lösungsmittel, das in vielen Reinigungs- und Desinfektionsmitteln gebraucht wird und ihnen den charakteristisch beissenden Geruch verleiht. Die Chemikalie kann auch als Verdünnungsmittel für Farben oder zur Herstellung von Pharmazeutika verwendet werden. In Europa können Zivilisten Isopropanol ohne weiteres erwerben. Neben den zivilen Einsatzmöglichkeiten kann Isopropanol allerdings auch für die Herstellung des Giftgases Sarin verwendet werden.

Wie wichtig ist Isopropanol bei der Herstellung von Sarin?

Sarin kann auf verschiedene Arten synthetisiert werden. Isopropanol ist bei der sogenannten amerikanischen Methode einer der wesentlichen zwei Bestandteile des letzten Herstellungsschritts. Im militärischen Einsatz erfolgt dieser Schritt, während die Rakete bereits in der Luft und auf dem Weg ins Ziel ist, wie Chemiker Markus Zennegg von der Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) auf Anfrage erklärte. Dabei reagieren relativ reines Isopropanol und eine zweite Substanz innert wenigen Sekunden – und bei dieser Reaktion wird das Sarin hergestellt.

Allerdings ist Isopropanol verglichen mit der zweiten Substanz eine «Allerweltschemikalie», so Zennegg. Die zweite Substanz, sogenanntes Methylphosphonsäuredifluorid, sei um einiges schwieriger herzustellen. Obwohl auch hier die Zutaten relativ einfach erhältlich seien, brauche man für die Synthese Fachwissen und die richtigen Materialien. «Das ist nicht einfach so machbar», so der Chemiker.

War die Ausfuhr von Isopropanol nach Syrien illegal?

Die Chemikalie war und ist zu keinem Zeitpunkt weder von den schweizerischen Güterkontrolllisten noch von den Anhängen der Syrien-Sanktionsverordnung erfasst gewesen, erklärt das Seco in einer Medienmitteilung. Isopropanol sei auch nicht auf den Chemikalienlisten des Chemiewaffenübereinkommens (CWÜ) aufgeführt. Trotzdem: Die Sicherheitspolitische Kommission des Ständerats will nun überprüfen, ob der Export tatsächlich gesetzeskonform war und ob Handlungsbedarf besteht.

Der Export des Isopropanols wurde vom Seco im November 2014 gutgeheissen. Das Seco erachtete den vom Schweizer Exporteur deklarierten Verwendungszweck zur Herstellung von Pharmazeutika als plausibel. Dem Seco seien damals und auch heute keine Hinweise vorgelegen, dass der Empfänger – ein privater syrischer Pharmahersteller – Verbindungen zum syrischen Regime unterhält. Heutzutage würde eine solche Ausfuhr allerdings «höchstwahrscheinlich unterbunden».

Hat die Schweiz denn das EU-Exportverbot nicht übernommen?

Die EU verbietet die Ausfuhr von Isopropanol in einer Konzentration von über 95 Prozent nach Syrien seit Juli 2013. Die Schweiz hat die EU-Sanktionen gegenüber Syrien zwar vollständig übernommen. Das Seco hat die Exportbewilligung gegenüber dem SRF damit gerechtfertigt, dass das EU-Exportverbot nur dann gelte, wenn man davon ausgehen müsse, dass der Stoff für Massenvernichtungswaffen verwendet werde. Und, wie erwähnt, erachtete das Seco den angegebenen Verwendungszweck als plausibel.

Hier zeigt sich auch der Unterschied zum Fall Belgien: Dort müssen sich drei Unternehmen ab kommenden Monat vor Gericht verantworten, weil sie insgesamt 168 Tonnen Isopropanol nach Syrien exportiert haben sollen. Allerdings haben es diese Firmen gemäss Medienberichten verpasst, die Chemikalie auf ihren Zollerklärungen überhaupt aufzuführen. Ob das exportierte Mittel tatsächlich die meldepflichtige Konzentration von 95 Prozent hatte, wird derzeit geklärt. Ihre Kunden seien Privatunternehmen aus Syrien und dem Libanon, die vor allem Farben und Lacke herstellen, erklärten die Unternehmen.

War zum Zeitpunkt der Bewilligung in Syrien bereits Sarin eingesetzt worden?

Ja. Die ersten Berichte über einen möglichen Einsatz von Giftgas stammen gemäss der «Gemeinschaft für Rüsungskontrolle» vom Dezember 2012. Im Jahr danach gab es immer wieder Berichte weiterer Giftgas-Angriffe.

Eine unabhängige UNO-Untersuchung bestätigte den Einsatz von Sarin erstmals direkt mit Umgebungs- und Blutproben nach den verheerenden Giftgasangriffen auf Ghuta vom 21. August 2013, bei denen je nach Quelle zwischen 281 und 1729 Menschen starben. In den Monaten danach vernichtete eine Mission der UNO und der OPCW die bekannten Chemiewaffen-Vorräte des syrischen Regimes. Im Mai 2014 bestätigte die Mission unter anderem «die Zerstörung der gesamten angegebenen syrischen Bestände von Isopropanol». Die Lager von Privatunternehmen für die Herstellung von Pharmazeutika sind dabei gemäss dem Seco nicht zerstört worden.

Zurzeit der Seco-Bewilligung im November 2014 war also ohne Zweifel bekannt, dass im Syrienkrieg Sarin eingesetzt worden war.

(Mit Informationen der Nachrichtenagentur SDA.) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.04.2018, 19:23 Uhr

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