Daniel Vischer ist gestorben

Zum Tod des Zürcher Nationalrats mit Basler Wurzeln veröffentlichen wir ein altes Porträt erneut. Darin erzählt er über sein Leben und seine Krankheit.

Daniel Vischer war im Nationalrat alles andere als ein Hinterbänkler.

Daniel Vischer war im Nationalrat alles andere als ein Hinterbänkler. Bild: Tanja Demarmels

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Vor beinahe drei Jahren haben wir über Daniel Vischer in der Basler Zeitung ein grosses Porträt veröffentlicht. Grundlage waren zwei längere Gespräche. Damals hatte uns Daniel Vischer in der Espressino-Bar, im Untergrund des Zürcher Hauptbahnhofs, aus seinem Leben erzählt. Und obwohl er Basel verliess und rebellierte, lautete eine seiner Bilanzen: «Man bleibt derjenige, als der man geboren wurde, das Leben lang.»

Das Porträt hiess damals «Prophet des Unglücks». Vischer erzählte, wie er Zeit seines Lebens eine hypochondrische Angst vor dem Krebs hatte, bis er schliesslich da war. Vischer war mit seinem Leben versöhnt – «ich habe keinen Hass auf meine Biografie» –, aber er hätte gern noch länger gelebt, melancholisch-heiter, wie er war. Davon wie einnehmend er war, erzählt der Schluss dieses Porträts: «Er ist ein struktureller Pessimist und ein historischer Optimist. Er glaubt an das Glück und den kollektiven Fortschritt der Menschen und an sein eigenes ­Unglück. Er ist ein Mensch, der lachend ruft: «Nietzsche kam und sagte, Gott ist tot, und dann kam Foucault und sagte, der Mensch ist tot.» Vischer ist grossartig. Belesen, gescheit, mit einem Hang zur Skurrilität, rhetorisch brillant – in Bern eine singuläre Erscheinung.»

Prophet des Unglücks

Die Espressino-Bar ist ein Ort für Menschen, die verloren gingen oder verloren gehen möchten. Ein Hafen, in den Tiefen des Shopvilles, scheinbar notdürftig unter einer Rolltreppe eingerichtet, die zur Haupthalle des Zürcher Bahnhofs führt. Die Stimmung ist immer gleich, ob es draussen regnet, ob die Sonne scheint. Fenster gibt es nicht. In diesem depressiven Stollen sitzt Herr Daniel (64), wie ihn die Bedienung nennt, beinahe täglich und sagt vor sich hinkichernd: «Es ist gemütlich da.»

Dann ist es so, als wäre er für einen Moment verschwunden. Die Pendler ziehen beidseitig an ihm vorbei, unbeachtet im Strom liest Vischer die Tageszeitungen. Einzig die Bedienung weiss, dass Herr Daniel der wichtigste Gast überhaupt ist, der grüne Nationalrat. Wie geht die Geschichte, die ihn hierhin, in den Untergrund führte?

«Ewiger Karfreitag» in Basel

Vischer ist in Basel aufgewachsen, in einer «unheilvollen Ecke», wie er selber sagt. Da, wo sich der südbadische Pietismus und der Calvinismus zu einer für den Menschen heimtückischen Mixtur entwickelt hat. Ein Ort als «ewiger Karfreitag», als klopfte einem jemand permanent auf die Schulter und fragt: Bist du genug? Hast du dich gut verhalten? Eher nicht, oder? Herr Daniel schlägt sich auch mit diesen Fragen herum. Die innere Anklage sei das Schlimmste überhaupt. «Ich wäre lieber Katholik, weil ich immer ein schlechtes Gewissen habe, einem Leistungsethos nicht zu genügen.» Was muss ein Mensch unter diesen Befürchtungen vom Tod erwarten? Rational nichts, sagt Vischer, gefühlt «irgendetwas». Was ist dieses ­Etwas? «Es ist eine Angst vor der Rache Gottes» – Vischer lacht, wie immer, wenn es ernst wird. Er schiebt die Sorgen weg, mit Heiterkeit.

Anfänglich hätte man in seiner Familie zu Tisch noch gebetet, weniger aus religiösem Gefühl denn als Ritual. Der Protestantismus sei in seinem Milieu auch Ausdruck der Vornehmheit gewesen, sagt Vischer, «man sah sich ein wenig als auserwählt an». Vischer gehört zum Basler Daig, zu jenen etwa acht Familien, die die Geschicke von Basel führten und der Überzeugung waren, das gehöre sich so. Zuweilen hört sich Vischer auch wie ein Bürgerlicher an: «Man bleibt derjenige, als der man geboren wurde, das Leben lang.» Er nennt das «psychogenetische Prägung». Natürlich ist auch er, wie alle Linken Ende der 60er-Jahre, aus der Kirche ausgetreten. Die Prägung durch die Familie, die Tradition, die Religion – all das kann aber auch ein Mann, der wie er die Revolution suchte, nicht einfach ablegen. Man bleibt derjenige, der man war. Leben als Vischer mit V

Jeder Vischer mit V macht ein Studium

Die Erwartung war da, dass man Karriere macht. «Mein Vater fand, jeder Vischer mit V macht die Matur und ein Studium.» Es war eine privilegierte Kindheit, aber ohne Bedienstete, Swimmingpool, ohne Villa am Meer – «wir haben nicht jeden Tag Steaks gegessen, blöde gesagt». Bescheiden? «Bescheiden wäre trotzdem ein dummes Wort.» Der Vater war Anwalt, Professor, eine Zeit lang auch Rektor der Uni Basel. Er war, was man eine Kapazität nennt. Die Mutter, eine geborene Sarasin, ist gelernte Krankenschwester. Ein Bruder und eine Schwester wurden dem Erstgeborenen zur Seite gestellt, der – wegen der Privilegien – lieber der Jüngste gewesen wäre.

Generell findet Vischer, Basel sei damals offener gewesen als heute. Was ihn stört ist der «Bebbi-ismus», die Basler Variante des Sauglattismus, die im FCB und der Fasnacht gipfelt. «Das Basler Feeling ist einfach komisch», sagt er. In keiner anderen Schweizer Stadt käme es den Bürgern heute noch in den Sinn, Menschen aus anderen Kantonen blöd anzumachen. In Basel aber könne dies geschehen. Irgendwann liessen sich Vischers Eltern scheiden und die Mutter zog zwischenzeitlich nach Frankreich.

Daniel Vischers Arbeitsethos liess zu wünschen übrig. Matura mit Ach und Krach. Die Teenager-Jahre als eine gelebte Décadence und Bummelei. «Wenn uns die Schule gestunken hat, gingen wir in den Spielsalon zum Flippern.» ­Jeden Mittag stand er auf dem Barfüsserplatz, wie alle anderen Gymnasiasten, die etwas auf sich hielten, zum «Träff». Da schaute man, dass man am Samstag an eine Party eingeladen wurde, und zog enttäuscht von dannen, wenn man übergangen wurde. Dramen einer Jugend. Und da war bereits dieses Entschwindungsgefühl, wie es Vischer nennt, das ihn schon in seiner Jugend befiel. «Man hat plötzlich das Gefühl, man sei nicht mehr da.» Als würde man verschweben. Nur wohin? In die Luft? Man verschwindet nicht ganz, aber ist auch nicht da, unheimlich irgendwie. Eine Krankheit? «Eine Angst.»

Krebs. Schock

Zeit seines Lebens hatte er die hypochondrische Angst, Krebs zu bekommen. Vor zehn Jahren war es so weit, er war da. Vischers Grundgefühl war schon immer: Nach Glück kommt Unglück. Das sei seine Erfahrung. «Aber man legt die eigene Erfahrung ja auch so aus, dass sie aufgeht.» – Vischer lacht – «diese Einstellung ist nicht sehr vorteilhaft».

Nach einer Generaluntersuchung ruft der Arzt an und will nicht um den heissen Brei herumreden: Krebs. Schock: «Sie denken, Sie können das psychisch gar nicht überleben, aber dann geht es doch» – er kichert vor sich hin –, schlimmer als die Angst sei manchmal die Angst vor der Angst. Es folgt die Behandlung und ein neues «Lebens­feeling», ein neues «Lebensprogramm» beginnt. Das heisst: «Sie sind eingespannt. Wenn Sie dann wissen, jetzt ist es bald finito, ist das Gefühl vermutlich wieder anders. Ich bin in der Phase der Hoffnung, des Prestierenkönnens.» Von Offenheit hält Vischer allgemein nicht viel, das habe er auch seinem Onkologen gesagt. Bitte nicht ständig die Lebenserwartung ausrechnen! Über den Krebs, über das Entschwinden möchte er eigentlich gar nicht reden. «Ich bin eher der Typ Verdränger.» Vischer sagt: «Ein Problem überlagert immer das andere.»

Entschwindungsgefühle sind seit zehn Jahren kaum mehr ein Thema. 1968 war schliesslich die Zeit des politischen Erwachens. Teach-ins auf dem Petersplatz mit 3000 Menschen, Merve-Heftchen, Brecht und Enzensberger, Marx und Hegel. 1969 dann die Tram-Demonstrationen in Basel, Baumbesetzungen folgten, um die Abholzung von Bäumen am City-Ring zu verhindern. Vischer hockte auf den Ästen, wochenlang, versorgt mit Getränken und Wolldecken, die ihm das sozialistische Bodenpersonal reichte. So politisch war er damals aber noch nicht, ihn zog es vor allem zum Theater.

Zuerst Statist, dann Lebenskrise

Zuerst war er eine Leiche, dann ein Soldat – als Statist auf der Bühne des Theaters Basel, sagen musste er nichts. 1968 startete die Ära Düggelin am Basler Theater und aus der «verstaubten Provinzbühne» sei ein In-Treff geworden. Eineinhalb Jahre arbeitete Vischer als Regieassistent am Haus. Das sozialkritische Basler Theater bot den Linken einen Identifikationsplatz und die National-Zeitung war ihre Institution. Es war die Zeitung, von der Vischers Grossvater sagte, sie sei ein «Saublatt». Der Daig las die Basler Nachrichten.

Vischers letzter Akt beim Theater: «eine Lebenskrise». Ein Schauspieler hatte ihm die Freundin ausgespannt. ­Vischer ging, sauer, verletzt. Und jetzt kamen die Jahre des Nichts, des Horror Vacui, oder? «Ich war Berufsfunktionär, das ist nicht nichts. Ich war angestellt bei der Poch!» Zur Erinnerung: Die Progressiven Organisationen der Schweiz, eine marxistisch-leninistische Gruppierung, die 1977 in Streitigkeiten unterging. «Wir glaubten nicht an den schweizerischen Weg in den Sozialismus», sagt er. Eine Revolution in der Schweiz hätte er sich aber gleichwohl gewünscht, damals in den 70er-Jahren. Wäre das gut herausgekommen? «Ich weiss nicht, es ist ja nicht passiert.»

In Kuba, in Pyongyang

Mit 24 Jahren reiste er dann nach Kuba, später auch nach Nordkorea. Wenn Vischer vom Realsozialismus ­erzählt, wechselt er ins «Schwank»-Genre. Oder war das einfach nur der normale sozialistische Wahnsinn? In Kuba: Vischer arbeitet am Morgen am Pressluftbohrer, am Nachmittag pflückt er Beeren, alles für die Weltrevolution. «Es war ein Riesen-Pfadilager.» Die Poch gab ihm den Auftrag, mit der KP Kuba Kontakt aufzunehmen. Ein lächerliches Unterfangen, wie Vischer heute bilanziert.

1978 reiste er schliesslich nach Pyongyang, zu den Feierlichkeiten des 30. Jahrestags der Republik Nordkorea. Hier immerhin Treffen mit Kim Il-Sung: «Ich glaube, ich musste ihm nicht die Hand geben, weil ich nicht so wichtig war. Der Personenkult war too much!» Von der DDR hielt er nicht viel, wie er sagt, auch wenn immer mal wieder ­Gegenteiliges behauptet wird. «DDR-­Typen gingen mir immer auf die Nerven, das waren pfadfinderartige Sektenfiguren.» Sozialismusfazit: «Es hätte vielleicht eine weltpolitische Wendung gegeben, wenn sich China und Russland nicht entzweit hätten – das war unsere Theorie.»

Doch noch ein Studium

Erst mit 30 Jahren (Vischer würde hier korrigierend sagen: 29-einhalb) fing er in Zürich mit dem Jus-Studium an. Einer der besseren Entscheide seines Lebens, sagt Vischer und orakelt: «Ich wäre sonst mein ganzes Leben von der Partei abhängig gewesen, womöglich mitsamt der Poch zugrunde gegangen.» Aus Daniel Vischer war also doch noch etwas Solides geworden und sollte noch mehr werden. Am liebsten wäre er ja Terroristenanwalt geworden, wie Jacques Vergès, der Saddam Hussein und Slobodan Milosevic vor Gericht vertreten hatte. Im Dunstkreis der Potentaten leben, das hätte ihm gefallen – war aber mit der politischen Tätigkeit nur schwer vereinbar.

2003, nach 18 Jahren im Zürcher Kantonsrat, wurde er in den Nationalrat gewählt. Viel später, als er sich das vorgestellt hatte. Wenn er heute zurückblickt, dann sagt er aber, «ich weiss nicht, ob meine Ehe überlebt hätte, wenn ich schon Anfang der 90er-Jahre gewählt worden wäre». Denn da waren seine beiden Kinder noch klein und das Pendeln beschwerlicher.

Swissair – Unglück und Glück zugleich

Im Wahlkampf um das Mandat in Bern drang der Leistungsethos wieder durch. Vischer machte aus der Wahl eine Schicksalsfrage: «Wenn ich es nicht schaffe, bin ich gescheitert» – nicht nur in der Kampagne, nein, im Leben, überhaupt. Sein Glück war das Unglück der Swissair. Seit 1993 war er Präsident der Gewerkschaft VPOD Luftverkehr, die sich für die Anliegen der Arbeitnehmer in der Aviatikbranche einsetzt. 2001, mit dem Grounding, rückte er schliesslich in den medialen Fokus. Ein Zufall, wie in seinem Leben vieles Zufall gewesen sei, meint Vischer. Was denkt wohl der heute 90-jährige Vater über die Karriere seines Sohnes? «Er denkt sicher, wenigstens hat er irgendetwas erreicht.» Matura, Studium, Nationalrat.

«Man ist innerlich immer unzufrieden», sagt Vischer, «mit dem Weltengang, mit der persönlichen Entwicklung.» Aber ganz entspannt sagt er auch: «Ich habe keinen Hass auf meine Biografie.» Er war letztlich doch kein Rebell, der sich befreien musste. Er war schon immer ziemlich frei und alles ­andere ist eben «psychogenetisch», das bringt man nicht mehr weg.

Philosoph der Traurigkeit

Auf seinem Nachttisch liegen fünf Bücher, die er abwechselnd und meist nicht abschliessend konsultiert. Einen langen Atem hat er nicht. Wenn er Lust auf etwas Pessimistisches hat, dann liest er Emil Cioran, den rumänischen Philosophen, der den Melancholikern eine Heimat gibt: «Ich weiss überhaupt nicht, weshalb wir hienieden etwas tun, warum wir Freude und Bestrebungen, Hoffnungen und Träume haben müssen. (...) Es gibt keinerlei Argumente für das Leben.» Gute Nacht: So tönt Cioran. Nach zwei Treffen mit Vischer in Bern im «Chez Edy» und in der ­Espressino-Bar frage ich mich, wieso mir Vischer so sympathisch ist. Über die Medien fand ich ihn immer eher schwierig. Seine Trompetenstimme ging mir irgendwie auf die Nerven, auch seine Nonchalance. Vielleicht ist es all dies: Er ist ein struktureller Pessimist und ein historischer Optimist. Er glaubt an das Glück und den kollektiven Fortschritt der Menschen und an sein eigenes ­Unglück. Er ist ein Mensch, der lachend ruft: «Nietzsche kam und sagte, Gott ist tot, und dann kam Foucault und sagte, der Mensch ist tot.» Vischer ist grossartig. Belesen, gescheit, mit einem Hang zur Skurrilität, rhetorisch brillant – in Bern eine singuläre Erscheinung.

Wird er sich 2015 nochmals zur Wahl stellen? «Es ist fifty-fifty. Tendenz eher: kandidieren. Es hängt auch vom Gesundheitszustand ab. Der ist jetzt gut, toi, toi, toi!», feuert Vischer seinen eigenen Körper an.

Vischer und sein Lebensthema

Zurzeit ist er daran, sein eigenes ­Leben zu sammeln, er will eine Autobiografie schreiben: Die Entwicklung der Schweiz mit ihm als Beteiligter, seit der Schwarzenbach-Initiative. «Es ist mir weniger ein Bedürfnis, eine Geschichte zu erzählen, als etwas zum Abschluss zu bringen.» Da ist Vischer wieder bei seinem Lebens-Thema. Er muss etwas zum Abschluss bringen.

Aufbruch von der Espressino-Bar, und zurück ans Licht. Vischer nun mit modischer Schirmmütze und seinem ­typischen Gang: aufrecht, ja schon fast in Rücklage. Dann steigt er in den 31er- Bus, lacht, und hebt den rechten Daumen hoch, «super». (Basler Zeitung)

Erstellt: 19.01.2017, 22:36 Uhr

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