Das Nacktfoto – Eine Anleitung für Probleme

Während sich der TV-Abgeordnete Francis Underwood mit Nacktfotos abzu­sichern versucht, verschickt diese der Badener Stadtammann Geri Müller freimütig seiner Bekanntschaft. Die Geschichte lässt eigentlich nur eine Erklärung zu.

Kevin Spacey (rechts) alias Francis Underwood nutzte Nacktfotos in der TV Serie «House of Cards» weitaus cleverer als Geri Müller im echten Leben.

Kevin Spacey (rechts) alias Francis Underwood nutzte Nacktfotos in der TV Serie «House of Cards» weitaus cleverer als Geri Müller im echten Leben. Bild: Keystone

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Francis J. Underwood, der demokratische Abgeordnete in der amerikanischen Erfolgs-Serie «House of Cards», ist ein pragmatischer Mann. Als er beschliesst, eine sexuelle Beziehung zu einer Journalistin ein­zugehen, macht er von ihr mit seiner Handykamera ein paar Nacktfotos. Er macht es, um sich abzusichern. Mit den Bildern, so sein Gedanke, verfügt er über ein probates Druckmittel, sollte die Frau je versuchen, ihn zu erpressen. Das Nacktfoto benutzt Underwood als Machtinstrument, das ihn die Beziehung mit der jungen Frau kontrollieren, die Unwägbarkeiten einer ausserehe­lichen Beziehung abfedern lässt.

So einfach ist die Sache aber selbst im Film nicht. Francis Underwood verliert die Kontrolle über die Journalistin Zoe Barnes. Irgendwann weiss sie zu viel über seine Intrigen und Drecks­geschäfte – so stösst er sie vor die Washingtoner U-Bahn.

Die Geschichte von Geri Müller (53), dem grünen Nationalrat und Badener Stadtammann, geht anders: Sie ist schweizerischer, weitaus harm­loser, aber auch merkwürdiger. Müller pflegte eine sexuelle Beziehung zu einer 21-jährigen Bernerin. Im Februar erst hatte er die Frau kennengelernt, offenbar im virtuellen Raum; in einem Kontaktforum, einer Dating-Plattform, wie auch immer. Später ist man sich persönlich begegnet. Geri Müller ­etablierte mit ihr einen Sex-Chat.

Aus dem Bundeshaus, aus seiner Badener Amtsstube und offenbar auch auf seiner jüngsten Iran-Reise, aus der Sphäre der Ayatollahs, schickt er der Frau anzügliche Nachrichten, unterlegt mit Bildern von sich und seinem Geschlechtsorgan.

Eine Selbstauslieferung

Während sich der Abgeordnete Underwood mit Nacktfotos abzu­sichern versucht, verschickt diese der Badener Stadtammann freimütig seiner Bekanntschaft. Mit seinen Sexbildern aus dem Büro gibt er ihr eine Waffe in die Hand, die diese jederzeit gegen ihn hätte abfeuern können. Es ist eine Selbstauslieferung.

Man ist ein sexuelles Wesen, klar, und sexuelle Erregung schränkt, wo zuweilen Vorsicht geboten ist, rationales Verhalten ein. Angesichts des umfangreichen Sex-Chats von Müller handelt es sich bei ihm aber nicht um eine Unvorsichtigkeit in der Hitze des Gefechts, eher um eine organisierte Form von Sexualität.

Selbstverständlich darf man in der Badener Amtsstube Sex haben, auch auf der Toilette, auf dem Parkplatz, im Lift, wo es eben beliebt – aber man sollte sich nicht erwischen lassen. Ein Politiker, der seine sexuellen Handlungen während der Arbeit aber gar selber dokumentiert und die Distribution der Bilder übernimmt, handelt irritierend fahrlässig und geistesvergessen.

Viel ist zu lesen, wie Teenager über den Umgang mit neuen Medien auf­geklärt werden müssten, zumal vor den Gefahren von Nackt-Selfies. Auch Geri Müller, so scheint es, hätte man sensibilisieren müssen.

Ein Kommunikationsberater in den USA würde Müller nun zur Selbstbezichtigung raten: Auf die Knie gehen, unter Tränen etwas von «nie wieder» und «ich war ein anderer» stammeln. Selbsterkenntnis fühlen oder vorspielen: Wie tief war ich gesunken.

Ein politisches Amt eröffnet Freiheiten, es schränkt aber auch ein. Zum eigenen Schutz etwa ist es ratsamer, sich nicht auf Online-Kontaktbörsen herumzutreiben, geschweige denn sich mit digitalisierten Sex-Fotos selber kompromitierbar zu machen. Gewisse Gelüste, so sie denn vorhanden sind, sollten sich öffentliche Personen versagen. Ein Preis der Popularität.

Kein grosser Staatsmann

Sexskandale von Politikern, bei denen unvorsichtiges Verhalten eine Rolle spielt, rufen nach Erklärungen. Menschen mit sehr viel Erfolg und Macht können dazu neigen, sich selbst zu überschätzen. Man denke etwa an Silvio Berlusconi oder an Bill Clinton.

Geri Müller jedoch ist Badener Stadtammann, kein Frank Underwood und kein grosser Staatsmann. Ein Mann mit eingeschränkter Macht und beschränkten Möglichkeiten. Hatte er sich überschätzt, dann wäre diese Selbstüberschätzung bar jeder realen Grundlage.

Die Geschichte, merkwürdig genug, lässt eigentlich nur eine Erklärung zu: Müller hat sich dämlich verhalten. Er hat seine Sexualität bei der Arbeit ausgelebt, sie aufgenommen, verschickt und sich potenziell erpressbar gemacht. Irgendwann wurde ihm das selber bewusst. Dann übte er seinerseits auf die Frau Druck aus. Die Angelegenheit entglitt ihm.

Jetzt muss er auf die Knie. Das sind die Mechanismen der Öffentlichkeit. (Basler Zeitung)

Erstellt: 19.08.2014, 09:55 Uhr

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