«Das Volk hat längst nicht immer recht»

Alt-Bundesrat Kaspar Villiger spricht im Interview über Kampfjets und Putins Höhen- und demokratische Tiefflüge.

«Werden wegen der Guillotine-Klausel die andern bilateralen Verträge hinfällig, würde die Lage für uns dramatisch.»: Kaspar Villiger, der Mahner.

«Werden wegen der Guillotine-Klausel die andern bilateralen Verträge hinfällig, würde die Lage für uns dramatisch.»: Kaspar Villiger, der Mahner. Bild: Dominik Plüss

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Herr Villiger, am 18. Mai stimmen wir über den Kauf von 22 Gripen ab. Bei der letzten Kampfjet-Vorlage vor 21 Jahren – damals leisteten wir uns 34 F/A-18 – waren Sie Militärdirektor. Sind die beiden Urnengänge vergleichbar?
Nicht direkt. In den ersten Umfragen sah es für uns gar nicht gut aus. Mit einem fulminanten Endspurt konnten wir den F/A-18 dann doch noch ins Ziel fliegen. Diesmal verläuft der Abstimmungskampf deutlich ruhiger und auch weniger emotional.

Liegt das daran, dass es damals nicht nur um den F/A-18, sondern auch um Sinn oder Unsinn der Armee ging?
Ganz klar. Die damalige Abstimmung stand noch stark unter dem Eindruck der Armeeabschaffungs-Initiative von 1989. Heute ist die Armee akzep­tierter und bei der Abstimmung geht es primär um den Flieger, nicht um die Armee.

Heiss diskutiert wird heute, ob der Gripen der richtige Flieger ist. Kochte die Typenfrage auch damals hoch?
Nein, denn der F/A-18 war unbestritten der beste Flieger. Umstritten war vielmehr der Preis. Die 34 F/A-18 kosteten 3,5 Milliarden Franken. Viel zu teuer, monierten die Gegner. Ihnen kamen da die im letzten Moment lancierten Gegenofferten der unter­legenen Anbieter gelegen.

Das ist diesmal nicht anders.
Natürlich nicht. Das ist das ganz normale Spiel bei solch teuren Beschaffungen. Mit Querschüssen muss man da rechnen.

In der ersten Umfrage deutete alles auf ein Nein hin. Weshalb konnten Sie die Abstimmung gleichwohl gewinnen?
Weil es uns, erstens, gelang, die Reihen zu schliessen und gut zu mobilisieren. Für mich unvergesslich ist die «Demo» auf dem Bundeshausplatz (30 000 Schützen jubelten Villiger zu, Anm. d. Red.). Und weil wir, zweitens, den Leuten klarmachen konnten: Wenn wir eine Luftwaffe wollen, brauchen wir ein glaubwürdiges Flugzeug. Die Zeit der Mirage war abgelaufen und mit dem Tiger allein konnten wir den Luftraum unmöglich schützen. Er war nie ein wirkliches Hochleistungsflugzeug.

Ich erinnere mich noch gut an die Abstimmungs-«Arena» im Fernsehen. Sie nahmen ein Blatt zur Hand, auf dem mit Filzstift Pfeile gekritzelt waren. Der Gegner (Pfeil von rechts) könne, sagten Sie, den Schweizer Piloten (Pfeil von links) orten, bevor «unser Pilot überhaupt etwas vom Angriff merkt». War dies der Moment, als Sie spürten: So schaffen wir es?
Im Moment weiss man das nicht. Ich war bis zuletzt unsicher. Am Abstimmungssonntag wurde unsere Tochter konfirmiert. In der Kirche war ich sehr nervös. Ich bat einen Bekannten, er solle mal in meiner damaligen Wohngemeinde, Pfeffikon, anrufen und fragen, ob die Stimmen schon ausgezählt seien. Dort sah es gut aus und das gab mir den ersten Lichtblick.

Einen solchen Lichtblick will auch Ueli Maurer erleben. Er tourt dafür derzeit wie eine wilde Hummel durch die Schweiz. Waren solche «Tours de Schiss» Blick zu Ihrer Zeit auch üblich?
Natürlich. In einer Demokratie ist der direkte Kontakt mit der Bevölkerung enorm wichtig. Nur so spürt man, wo der Schuh drückt, was die Leute beschäftigt, wie die eigene Politik wirkt. Man steht an solchen Anlässen zwar bisweilen im Gegenwind, aber das hält einen auch nahe beim Volk. (Schüttelt den Kopf.) Heute hört man oft die Kritik: Der Bundesrat tritt vor Abstimmungen zu oft auf, er sollte sich zurückhalten. Das ist falsch. Als Bundesrat braucht man das direkte Feedback.

Der Abstimmungskampf um den Gripen wird von der Krim-Krise überschattet. Überrascht Sie, dass eine solche Eskalation in unserer Nähe möglich ist?
Wir leben in einer Welt, in der Sachen passieren, die wir nicht erwarten – und in der Dinge, die wir erwarten, nicht passieren. Ich muss ehrlich zugeben: Die Krim zählte ich nicht zu jenen Konfliktherden, bei denen ich eine Eskalation erwartet habe. Aber eben: Krisen kommen oft nicht dort, wo man sie erwartet.

Haben Krisen auch Sie auf dem linken Fuss erwischt?
Mehrmals sogar. Sowohl die Swissair- als auch die Holocaust- oder Fichen-Krise kamen überraschend. Trotzdem mussten wir rasch reagieren.

Überraschen uns Krisen, weil wir träge werden, wenn es uns zu gut geht?
Ein betagter Onkel von mir pflegte bei seinen Besuchen zu sagen: «Wenn es dir gut geht, musst du besonders aufpassen. Denn dann läufst du Gefahr, selbstzufrieden zu werden.» In der Schweiz geht es uns derzeit so gut, dass viele Leute den Eindruck haben: Das alles ist selbstverständlich. Das macht mir Sorgen. Ich spüre Signale, die mich sehr nachdenklich stimmen.

Welche Signale?
Nehmen Sie die AHV-Plus-Initiative des Gewerkschaftsbundes. Für mich ist es schlicht nicht nachvollziehbar, dass eine Kraft, die ernst genommen werden will, im heutigen Umfeld eine Initiative startet, um die AHV zu erhöhen – wenn man genau weiss, was in den nächsten Jahren auf uns ­zukommt. Die Zinsen werden tief ­bleiben, die Lebenserwartung wird weiter steigen. Da muss man kein ­Prophet sein, um zu sagen: Höhere Renten liegen schlicht nicht drin. Oder nehmen Sie die Abzocker-Initiative. Sie ist ein Fehlentscheid, der zwar emotional nachvollziehbar ist, der aber negativere Auswirkungen haben wird, als wir heute annehmen.

Der Entscheid ist verkraftbar.
Das mag sein. Doch wenn man sieht, was noch alles in der Pipeline ist, wird einem ganz mulmig. Mindestlohn-, Einheitskrankenkassen-, Ecopop-, Spekulations-Stopp-, Bedingungsloses-Grundeinkommen-Initiative. Jede Initiative für sich alleine könnte man vielleicht noch verdauen. Doch nehmen Sie mal an, einige davon würden angenommen.

Ihre Mimik lässt mich Böses erahnen.
Dann hätte ich grösste Bedenken für die wirtschaftliche Zukunft unseres Landes. In letzter Zeit hat die Berechenbarkeit der Schweiz – einer unserer grossen Trümpfe! – schon erheblich gelitten. Wir müssen aufpassen, dass wir das Bewusstsein für die Tatsache nicht verlieren, dass der Wohlstand täglich neu erkämpft werden muss und dass andere alles tun, um konkurrenzfähiger zu werden als wir. (Lacht trocken.) Und in dieser Situation glauben wir, uns Sachen leisten zu können, die unsere Konkurrenz­fähigkeit massiv schwächen. Die Frage, wie Wohlstand geschaffen und erhalten werden kann, ist übrigens das Hauptthema meines Buches.

Was läuft falsch? Versagt die Politik?
Es sind mehrere Faktoren, die da zusammenspielen. Die Sättigung durch den Wohlstand ist einer, Fehlverhalten in der Wirtschaft ein zweiter. Lohn­­­exzesse und Krisen à la Swissair und UBS haben die Wirtschaft ein rechtes Stück Glaubwürdigkeit gekostet. Da muss die Wirtschaft klar über die Bücher. Und, ja, auch die ­Politik ist nicht unschuldig. Für einige Politiker, so scheint mir, ist heute die Eigenprofilierung wichtiger als die Problemlösung. Wenn Volksinitiativen nicht lanciert werden, um Probleme wirklich zu lösen, sondern um Wähler zu generieren, und wenn diese Initiativen häufig nicht zu Ende ­gedacht sind, läuft einiges falsch. Das sind Signale, die man ernst nehmen muss und die zur Vorsicht mahnen. Mir machen diese Entwicklungen Sorgen. Politik und Wirtschaft tun gut daran, sich zu überlegen: Machen wir noch alles richtig?

Das Machen setzt das Können voraus. Die bürgerliche Mitte, vorab FDP und CVP, war jahrzehntelang die einende Kraft im Land. Von dieser Kraft ist nur noch ihr Schatten übrig.
Es stimmt, es gibt heute fast keine politische Kraft mehr, die den politischen Willen eines breiten Teils des Volkes repräsentativ abbilden kann. Das führt zu einer Zersplitterung der Parteienlandschaft. Das hat auch mit der zunehmenden Komplexität der Wirklichkeit zu tun. Dafür können die Parteien nichts. Für grosse Parteien ist es schwieriger geworden, gross zu bleiben.

Die SVP zeigt, dass es geht.
Die SVP ist über eine reine Oppositionsstrategie gross geworden. Das gibt mir zu denken. Sorgen bereitet mir die zunehmende Zersplitterung vor allem der Mitte. Das macht es schwieriger, die Kräfte zu bündeln und tragfähige Lösungen zu finden. Eine der ganz grossen Herausforderungen der nächsten Jahre wird es beispielsweise sein, die Sozialwerke für die nächste Generation tragfähig zu machen.

Mehrere Versuche sind kläglich gescheitert. Sind Sie noch guten Mutes, dass es gelingt, bevor es zu spät ist?
(Zögert.) Ich hoffe es, aber ich bin auch skeptisch. Wir wissen seit gut 20 Jahren, dass wir auf ein Problem zulaufen. Damals hätte man die Sozialwerke noch mit relativ schmerzlosen Massnahmen sichern können. Doch man schaute lieber weg.

Weshalb?
Die Finanzierung der AHV wird «erst» in 10, 15 Jahren schwierig. Das scheint weit weg. Und was weit weg ist, verdrängt der Mensch gerne. Zudem entschärfte die Zuwanderung bis jetzt das Problem: Die Ausländer, die bei uns Beiträge zahlen, sorgen dafür, dass die AHV später in die roten Zahlen abtaucht.

Was lässt Sie dennoch hoffen?
Die Erfahrung. Als die Bundesfinanzen in den 90er-Jahren aus dem Ruder liefen, glaubten viele auch nicht an eine schnelle Lösung. Dank Schuldenbremse und Sparpaketen bekamen wir die Finanzen in den Griff. Die Schweiz hat im Lauf ihrer Geschichte mehrfach bewiesen, dass sie im entscheidenden Moment zusammensteht, die Ärmel hochkrempelt und eine Aufgabe gemeinsam löst. Deshalb hoffe ich, dass es auch bei den Sozialwerken gelingen kann, die Kräfte zu bündeln. Vielleicht wäre ein Runder Tisch wie beim ersten grossen Sanierungspaket vor einigen Jahren ein methodischer Lösungsansatz. Denn im Grunde müssten alle politischen Kräfte ein Interesse an sicheren Sozialwerken haben.

Eine «Herkulesaufgabe» nennen Sie es in Ihrem Buch. Eine ebensolche sehen Sie nach dem Ja zur Masseneinwanderungs-Initiative auf Diplomaten und Politiker zukommen. Sie sprechen sogar von «Schock».
Das war das Resultat für mich, denn es hat das Potenzial, für unser Land enorm schwierig zu werden. Ob unsere Diplomaten so genial sind und die EU derart voll guten Willens ist, eine Lösung zu finden, mit der man den Volkswillen umsetzen kann und die gleichzeitig mit dem Freizügigkeitsabkommen kompatibel ist, bezweifle ich. Sollten wegen der sogenannten Guillotine-Klausel die andern bilateralen Verträge hinfällig werden, würde die Lage für uns dramatisch.

Es gibt auch andere Märkte.
Es ist richtig, durch neue Märkte die Risiken besser zu streuen. Aber es ist eine Illusion zu glauben, wir könnten damit gravierende Verluste auf europäischen Märkten kompensieren. Der europäische Markt ist und bleibt für uns zentral. Ich dachte, das sehen die Leute. Ich habe mich getäuscht. Der Zufallsentscheid – nichts anderes ist es, es muss mir niemand mit dem deutlichen Volkswillen kommen – fiel auf die falsche Seite. Nun können wir einfach darauf hoffen, dass es gelingt, Lösungen zu finden, welche die schlimmsten Befürchtungen nicht wahr machen.

Nach dem Nein zum EWR hat man auch Lösungen gefunden.
Das stimmt. Ich erlebte die Ausarbeitung der Bilateralen I und II als Bundesrat hautnah mit. Es war ein viel schwierigerer Weg, als viele Leute glauben, und er stand mehr als einmal kurz vor dem Absturz. Wir hatten ein paarmal Glück und die EU lenkte am Schluss ein.

Wird die EU auch diesmal einlenken?
Ich weiss es nicht. Derzeit kann ich mir eine Lösung nur schwer vorstellen, denn die Personenfreizügigkeit ist für die EU fast nicht verhandelbar.

Mit der Mindestlohn- und der Ecopop- Initiative sind weitere «brandgefährliche Vorlagen», wie Sie es nennen, im Anzug. Stösst die direkte Demokratie an ihre Grenzen?
Jede Demokratie ist derzeit herausgefordert. Schauen Sie sich in Europa um: Es sind alles früher wirtschaftlich erfolgreiche Demokratien, die jetzt mit riesigen Problemen kämpfen. Der Blick zeigt zudem: Parlamentarische Demokratien sind nicht weniger anfällig auf emotionale Verzerrungen als unsere direkte Form. Unser Modell war bisher erfolgreicher und hat den entscheidenden Vorteil, dass es den Bürger einbindet. Die Menschen sind so zufriedener.

Zufriedenheit ist das eine, wirtschaftlicher Erfolg das andere. Es fällt auf, dass derzeit gelenkte Demokratien und Autarkien sehr gut unterwegs sind. Warum?
Eine gelenkte Demokratie, wie es China ist, kann vieles schneller umsetzen. Entscheide müssen nicht durch die politischen Mühlen, Volksabstimmungen gibt es nicht. Allerdings bestehen in solchen Ländern nach wie vor grosse wirtschaftliche und soziale Ungleichgewichte. Zudem: Je besser sich ein Land wirtschaftlich entwickelt, desto mehr Leute sind gebildet und kennen die Welt. Sie werden so politisch kritischer, hinterfragen das eigene System und wollen mehr mitreden. Der Arabische Frühling hat doch genau dies gezeigt: Die Menschen wollen sich nicht länger gängeln lassen, kämpfen für mehr Rechte.

In dieses Bild will Wladimir Putin nicht so recht passen. Überrascht es Sie, dass der Kreml-Chef derart stark auf der Weltbühne agieren kann?
Ja, das hat mich überrascht. Nicht von Putin als Person, er ist ein Machtmensch. Aber Russland war in einem recht vernünftigen demokratischen Rank, und ich finde es sehr schade, dass es nun diesen Rückschritt macht.

Woran liegt das?
Sicher spielt auch verletzter Nationalstolz mit. Die Russen prägten die Weltbühne lange – und waren plötzlich niemand mehr. Dank Putin glauben sie, wieder jemand zu sein. Aber seine Politik ist nicht nachhaltig. Letztlich muss sein Land mit der übrigen Welt kooperieren, wenn es die Rohstoffe verkaufen und den Wohlstand weiterentwickeln will.

Die Schweizer Wirtschaft …
… macht einen Top-Job, das muss auch einmal gesagt sein, sonst ginge es dem Land nicht derart gut. Natürlich passierten Fehler, und das ist ärgerlich. Aber es sind und bleiben Einzelfälle. Nichtsdestotrotz muss sich die Wirtschaft bemühen, noch weniger Fehler zu machen, sich korrekt zu verhalten, ethische Codes einzuhalten und fair zu agieren. Gleichzeitig muss die Wirtschaft besser kommunizieren, muss klarer aufzeigen, was sie für das Land leistet. Ich höre immer wieder: Die KMU sind unser Rückgrat. Das stimmt. Aber: Ein Viertel unseres Wohlstands erarbeiten die börsenkotierten Unternehmen mit ­ihren Zulieferern. Wenn wir sie nicht mehr haben, ist es vorbei mit der herausragenden Stellung der Schweiz.

Von der Wirtschaft erwarten Sie, dass sie ihre gesellschaftliche Verantwortung wahrnimmt. Tun es auch die Bürger?
Ich denke schon. Rund ein Drittel der Schweizer nimmt an sämtlichen Abstimmungen teil. Ich kenne kein anderes Land, in dem sich eine derart grosse Gruppe ständig mit Politik befasst. Das müssen wir uns unbedingt bewahren. Als direkte Demokratie sind wir darauf angewiesen, dass sich die Bürger interessieren und engagieren. Sie entscheiden in Sachfragen mit, und das setzt voraus, dass sie sich mit den Themen auseinandersetzen und Verantwortung übernehmen. Sonst werden sich Entscheide wie jener im Februar häufen – und das wäre für unser Land brandgefährlich. Demokratie, das sind nicht nur Rechte und Freiheiten; Demokratie, das sind auch Pflichten. Das kann man den Jungen nicht oft genug sagen.

Sie nennen das Ja zur SVP-Initiative einen falschen Entscheid. Kann das Volk überhaupt falsch entscheiden?
Natürlich. Das Volk hat längst nicht immer recht. Was es entscheidet, ist aber verbindlich, das zweifle ich nicht an. Aber es kann mich niemand zwingen, ein Resultat für richtig zu halten. Für mich geht es nun darum, das Beste aus einem falschen Resultat zu machen.

Sie könnten sich den Parlamentariern anschliessen, die eine Wiederholung der Abstimmung verlangen.
Das Volk hat entschieden, und das gilt es zu akzeptieren. Alles andere wäre eine Respektlosigkeit gegenüber dem Entscheid.

In der EU spielt man die gleiche Platte bisweilen auch mehrmals – in der Hoffnung, dass die Iren, Schotten und anderen Widerstandskämpfer beim zweiten, dritten oder vierten Anlauf einknicken, pardon, klüger werden.
Das goutiert der Schweizer nicht. Ich fürchte sogar, dass ein solcher Schuss nach hinten losgehen könnte.

Als ich Ihr Buch las, dachte ich bisweilen: Hat Villiger einen PR-Vertrag mit Autor und Nobelpreisträger Daniel Kahnemann? Sie verweisen unzählige Male auf sein Buch «Schnelles Denken, langsames Denken». Was fasziniert Sie daran?
Kahnemanns Buch befasst sich damit, wie wir funktionieren. Er weist auf Fehlschlüsse unseres Hirns hin, die uns angeboren sind. Die Lektüre führte dazu, dass ich meine eigenen Spon­tanreaktionen heute kritischer beurteile. Sehen Sie, ich habe Tagebücher geschrieben. Wenn ich darin lese, stelle ich fest, dass ich das eine oder andere ganz anders in Erinnerung habe, als es wirklich war. (Lacht.) Das passiert auch anderen – sie kontrollieren es einfach nicht und wissen nicht, dass Erinnerung und Wirklichkeit zwei Realitäten sein können.

Sie schreiben Tagebuch?
Ja, seit Langem.

Weshalb?
Ich schreibe gerne und beim Schreiben ist man gezwungen, systematisch zu denken und die Gedanken auf den Punkt zu bringen. Als mir in den 90er-Jahren bewusst wurde, dass wir in der Finanzpolitik so nicht weiterkommen, dass wir die Schuldenfrage institutionell lösen müssen, schrieb ich über Nacht meine Gedanken auf und übergab sie am Morgen Amts­direktor Ulrich Gygi mit der Bitte, Vorschläge auszuarbeiten. Daraus gingen das Haushaltsziel 2001 und später die Schuldenbremse hervor, mit der wir unsere Finanzen in den Griff bekamen.

Was ist das Tagebuch für Sie?
Ein Speicher der Erinnerungen. Ich erlebte derart viel Interessantes, dass ich es festhalten wollte. Viele der Einträge sind rein subjektive Betrachtungen. Deshalb sind die Tagebücher auch nur für mich, ich werde sie nicht publizieren. Irgendwann gehen sie ins Bundesarchiv und werden, vielleicht, 30 Jahre später freigegeben.

Lesen Sie in den Tagebüchern?
Den ganzen Stoss habe ich seit meinem Rücktritt 2003 einmal gelesen. Nun will ich es ein zweites Mal tun.

Das Swissair-Tagebuch …
… ist bereits im Bundesarchiv.

Half Ihnen das Tagebuchscheiben, die Krise besser zu meistern?
(Zögert.) Mag sein. Es passierte in dieser Zeit derart viel, dass ich wichtige Ereignisse einfach schriftlich festhalten wollte. Das war eine verrückte Zeit. Einige Stunden vor Ablauf gewisser Fristen hatten wir das Geld zur Schaffung der Swiss noch nicht beisammen. Hätte es nicht geklappt, wäre Kloten heute ein Regionalflugplatz mit nur wenigen Direktflügen zu den globalen Wirtschaftszentren, mit gravierenden wirtschaftlichen Folgen.

Sie haben in Ihrer Karriere mehrere Krisen miterlebt. Welche war die härteste?
Schon die Swissair-Krise. Vor allem auch, weil wir bis zwei Stunden vor dem Grounding noch glaubten, wir könnten es verhindern. Aber auch die UBS- oder die Fichen-Affäre waren gewaltige Herausforderungen. Wenn man am Morgen im Nationalrat sitzt, die Zeitung aufschlägt und da in grossen Lettern prangt: «Muss Villiger heute zurücktreten?», dann ist das nicht nichts. Das nagt an einem.

Wie gingen Sie damit um?
Ich versuchte, mir möglichst schnell ein klares Bild zu verschaffen. Denn die schwierigste Phase in einer Krise ist die Zeit, in der man das Problem selber noch gar nicht beurteilen kann und in der man nicht weiss, ob einem die eigenen Leute auch wirklich die ganze Wahrheit sagen. In dieser Zeit schläft man bisweilen schon schlecht.

Sind Sie Masochist?
Nein. Ich litt zwar bisweilen unter falschen Anschuldigungen, aber ich lernte das zu ertragen und liess mich nicht zu Fehlreaktionen verleiten. Krisen sind immer auch interessante Herausforderungen.

Immer wieder kamen Sie als Feuerwehrmann …
… und werden, wenn es nach einem halben Jahr noch immer Glutnester hat, auf einmal zu den Brandstiftern gezählt. Das muss man ertragen ­lernen.

Auch die Familie?
Es gab Momente, in denen sich meine Frau und meine Kinder kaum mehr in der Öffentlichkeit zu zeigen wagten. Das sind Momente, in denen man sich schon überlegt: Was tue ich eigentlich meiner Familie an? Ich hatte das Glück, dass die Familie das sehr gut mitgetragen hat. Das war für mich extrem wichtig. Ich kam oft mit einem mürrischen Gesicht nach Hause und meine Frau sagte bloss zu mir: Reg dich ab, geh Velo fahren. (Lacht.) Ich bin inzwischen über 40 Jahre verheiratet. Das sagt alles.

Nur Sie sagen nicht alles: Warum weigern Sie sich partout, eine Biografie zu schreiben?
Wenn man über sein eigenes Leben schreibt, kommt man schnell in die Versuchung, es etwas besser darzustellen, als es in Wirklichkeit war. Vielleicht hat man das Gefühl, da und dort hätte man schon etwas mehr Anerkennung verdient, und das kompensiert man dann. Ich traue selber keiner Autobiografie und sagte mir: Das will ich dem Land nicht antun.

Gibt es gar keine Biografie, der Sie trauen?
(Überlegt lange.) Nein … oder doch: der Biografie von Jean-François Bergier über Wilhelm Tell.

Sein Leben liegt weit zurück …
… Es ist nicht einmal sicher, ob es Tell überhaupt gegeben hat. Aber das Buch ist gut.

Was zeichnet Ihr Leben aus?
Ich sollte einmal mein Leben für einen Anlass auf eine Kurzformel bringen, so entstand die Gleichung: E (Ergebnis) = M (Mensch) + I (Institution) + K (Kultur) + Z (Zufall).

Sie glauben an Zufälle?
Sicher. In meinem Leben spielten Zufälle eine enorme Rolle. Wäre ein Bauer namens Amrhyn nicht Präsident des Bauernverbands des Kantons Luzern geworden, hätte ich es nicht zum Bundesrat gebracht.

Bitte?
Als Amrhyn Bauernverbandspräsident wurde, trat er wegen der Belastung aus dem Grossrat zurück. Als erster Ersatzmann rutschte ich nach, und das eröffnete mir eine politische Karriere, die sonst nicht stattgefunden hätte. Denn nach den Grossratswahlen wäre ich nie mehr zu einem Wahlkampf angetreten. Der Mensch neigt dazu, das, was zufällig passiert, kausal zu erklären. Dann kommen die Geschichten zustande, die nicht wahr sind, aber plausibel klingen.

Ist die Geschichte wahr, dass sich die Schweiz im Ausland schlecht verkauft?
Überhaupt nicht. Unsere Diplomaten leisten Top-Arbeit. Wenn ich die bilateralen Verhandlungen anschaue, muss ich sagen: Chapeau. Natürlich, wir könnten manchmal selbstbewusster auftreten. Aber die Schweiz hat im Ausland, das sehe ich auf meinen Reisen, noch immer ein Top-Image. Manchmal ist das Image sogar besser, als wir es verdienen. Wir sind für viele nach wie vor ein Paradies.

Sehen wir uns einfach zu schlecht?
Ein Bonmot besagt: Das einzige Land, in dem die Schweiz ein schlechtes Image hat, ist die Schweiz selber. Das hat etwas. (Basler Zeitung)

Erstellt: 30.04.2014, 10:01 Uhr

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Kaspar Villiger
Pendler zwischen Wirtschaft und Politik.
Essays und Reden

Stämpfli Verlag, 2014, 39 Franken.

Pendler zwischen zwei Welten

Kaspar Villiger (73) wuchs im luzer­nischen Pfeffikon auf, studierte Ma­­schinenbau und übernahm nach dem Tod seines Vaters Mitte der 60er-Jahre die Leitung der Zigarrenfabrik Villiger. Er erweiterte das Portfolio des Unternehmens und kaufte eine Fahrradfabrik in Buttisholz hinzu.

Seine politische Karriere startete Villiger 1972 als Luzerner Grossrat. Zehn Jahre später rückte er für Erwin Muff in den Nationalrat nach. Als Elisabeth Kopp 1989 wegen einem politisch ungeschickten Anruf an ihren Mann als ­Bundesrätin zurücktreten musste, war Villiger zur Stelle. Als Militärdirektor flog er 1993 die letzte grosse Flieger-Vorlage (die Beschaffung von 34 F/A-18 für 3,5 Milliarden Franken) ins Ziel. 1996 wechselte Villiger ins Finanzdepartement. In seine Amtszeit als «Säckelmeister» fallen unter anderem die Swiss­air-Krise, die Sanierung der Bundesfinanzen und die Lancierung der Schuldenbremse.

Nach seinem Rücktritt als Bundesrat (2003) verschwand Villiger zuerst von der Bildfläche, trat dann aber 2009 als neuer Verwaltungsratspräsident der ins Schlingern geratenen UBS wieder ins Rampenlicht. Dass er sich dieses Amt «antut», verstanden viele nicht. Er selbst sagt, dass ihn die Zeit bei UBS «doch einiges an Reputation» gekostet habe. Missen möchte er die drei Jahre bei der UBS dennoch nicht.

Kaspar Villiger ist verheiratet, Vater von zwei Kindern und wohnt heute in der Nähe von Bern. Vor wenigen Tagen ist sein neues Buch «Pendler zwischen Wirtschaft und Politik. Essays und Reden» erschienen. (thw)

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