Das stört die Schweizer am Gesundheitssystem

Schlechte Spitäler bestrafen und weniger Solidarität mit Aids-Kranken. Eine Umfrage zeigt, welche Konsequenzen der Kostendruck hat.

Fehlende Tranparenz: Viele Patienten wünschen sich mehr Daten zur Qualität eines Spitals.

Fehlende Tranparenz: Viele Patienten wünschen sich mehr Daten zur Qualität eines Spitals. Bild: Christian Beutler/Keystone

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Wer ins Spital muss, hat eigentlich schon genug Sorgen. Dass er sich auch noch Gedanken darüber machen muss, ob die Klinik Qualitätsvorschriften einhält oder Eingriffe ohne Erlaubnis durchführt, ist mehr als ärgerlich. Der neue Gesundheitsmonitor des Berner Meinungsforschungsinstituts GFS zeigt: Diese Ängste beschäftigen die Schweizer Bevölkerung mehr denn je. Erstmals will deshalb eine Mehrheit der Befragten (62 Prozent), dass qualitativ gute Spitäler von der öffentlichen Hand finanziell belohnt werden – und schlechte bestraft.

Bei der repräsentativen GFS-Umfrage wurden 1210 Personen aus der ganzen Schweiz nach ihrer Meinung zum Gesundheitssystem befragt. 82 Prozent von ihnen möchten die Qualitätsdaten kennen, bevor sie sich für ein Spital entscheiden. Und drei Viertel glauben, dass das Öffentlichmachen dieser Daten für bessere Behandlungen sorgen würde.

Margrit Kessler von der Schweizerischen Stiftung SPO Patientenschutz findet auch, dass es in diesem Bereich «dringend» mehr Transparenz brauche. «Beim Spitaleintritt muss der Patient Verantwortung abgeben. Er selbst kann die Qualität ja nicht alleine überprüfen.» Es sei deshalb verständlich, wenn er sich Druck von aussen durch die Regierung wünsche.

«Verwirrende Informationen»

Allerdings ist das leichter gesagt als getan, denn «Informationen ohne die richtige Einordnung können für die Patienten verwirrend sein», sagt Kessler. Ein Beispiel: Je öfter ein Spital eine bestimmte Operation durchführt, desto routinierter sind die Ärzte. Doch angenommen, eine kleines Spital macht pro Jahr 25 Operationen, durchgeführt von immer denselben zwei Ärzten. «Dann», sagt Margrit Kessler, «kann man trotz wenigen OP in diesem kleinen Spital eine bessere Qualität erwarten als in einem grossen Spital, in dem 50-mal operiert wird, aber von 10 verschiedenen Ärzten.» Es gehe also nicht nur um hohe Fallzahlen, sondern auch um eine sinnvolle Verteilung des Know-how.

Es sei nicht einfach, Qualitätsdaten von Spitälern zusammenzustellen, die für die Patienten auch anwenderfreundlich seien. «Wer zum Beispiel die Sterblichkeitsrate in einem Spital recherchiert, kommt damit nicht weit», sagt Kessler. «Das führt im Endeffekt nur dazu, dass Spitäler ihre Patienten zum Sterben in Pflegeheime abschieben, damit sie in der Statistik nicht auftauchen.» Und: Wenn man nicht einmal mehr in einem Spital sterben dürfe – wo dann? Sinnvoller sei es, sich beispielsweise über die Infektionsrate in einem Spital zu informieren.

Die Angst vor Überforderung mit den unübersichtlichen Daten zeigt sich auch beim Gesundheitsmonitor: 59 Prozent der Befragten glauben, dass mehr Transparenz über die Spitalqualität verwirren würde.

Die zweite Sorge, die die Schweizer umtreibt: die hohen Kosten des Gesundheitssystems. Zwei Drittel der Befragten gehen davon aus, dass diese noch steigen werden.

Kostenprognose Klicken Sie für eine grössere Ansicht: Quelle: GFS.

Für knapp ein Drittel ist es manchmal schwierig, Arzt- und Medikamentekosten zu bezahlen – das sind 10 Prozent mehr als noch im Vorjahr. «Das sind häufig Personen mit einer hohen Franchise», sagt Margrit Kessler. «Wer eine Spitalbehandlung benötigt und eine Franchise von 2500 Franken hat – dazu kommt noch der maximale Selbstbehalt von 700 Franken – der zahlt schnell einmal zwischen 3000 und 4000 Franken.» Trotzdem wünschen sich viele Befragte offenbar, die Franchise noch höher ansetzen zu dürfen. 51 Prozent finden es eine gute Idee, die Maximalfranchise zu erhöhen – letztes Jahr waren es noch 41 Prozent gewesen.

Maximalfranchise Klicken Sie für eine grössere Ansicht. Quelle: GFS.

Angesichts des Kostendrucks sinkt auch die Solidarität mit jenen, die Kosten verursachen: 55 Prozent finden es richtig, dass Aids-Behandlungen von der Krankenkasse abgedeckt werden. Das sind 18 Prozent weniger als im Vorjahr.

Solidarität Klicken Sie für eine grössere Ansicht. Quelle. GFS.

Um die Kosten im Gesundheitssystem zu senken, würden zwei Drittel der Befragten sogar auf die freie Spitalwahl verzichten. Ähnliches gilt für die freie Arztwahl: Erstmals ist eine Mehrheit dazu bereit, an diesem System etwas zu ändern.

Je mehr Ärzte, desto teuerer

Steigende Kosten, keine Transparenz bei den Spitälern – sind die Schweizer wenigstens mit dem Ärzteangebot zufrieden? Claude Longchamp vom GFS bringt es so auf den Punkt: «Früher galt: Je mehr Ärzte, desto gesünder die Menschen. Heute denkt man: Je mehr Ärzte, desto höher sind die Prämien.» Der Arzt sei als wichtiger Faktor bei den Gesundheitskosten nicht mehr so unantastbar wie noch vor einigen Jahren. Eine knappe Mehrheit ist aber gegen einen Zulassungsstopp, da der Markt dies regle. Die Befragten stört zudem, dass es zu viele Spezialisten und zu wenig Hausärzte gebe. 40 Prozent wollen, dass mehr Schweizer Ärzte ausgebildet werden. Für Margrit Kessler kommt das nicht überraschend. «Weil sich die meisten Schweizer Ärzte nach der langen Ausbildung als Spezialisten und nicht als Hausärzte ausbilden lassen, müssen wir diese aus dem Ausland rekrutieren, wo sie oft schlechter ausgebildet wurden.» Zwei Drittel der Teilnehmer möchten, dass der Staat mehr in die Fortbildung der Ärzte investiert. Und knapp drei Viertel finden es unproblematisch, wenn die Weiterbildungen von der Pharmaindustrie finanziert werden – solange dies transparent sei.

Ärztedichte Klicken Sie für eine grössere Ansicht. Quelle: GFS.

All diesen Kritikpunkten steht gegenüber, dass die Schweizer im Grossen und Ganzen mit ihrem Gesundheitssystem zufrieden sind. 81 Prozent der Befragten haben ein positives oder sehr positives Bild. Bei den einzelnen Akteuren gibt es allerdings durchaus Unterschiede. Ärzte, Apotheker und Pharmaindustrie verlieren – auf hohem Niveau – ein wenig an Beliebtheit. Die Gesundheitspolitikerinnen und -politiker konnten hingegen Vertrauen gewinnen. Dies, obwohl sie nicht immer im Interesse der Befragten handelten. Etwa beim Thema Qualitätssicherung in Spitälern: Der Ständerat sprach sich gegen eine Stärkung des Ausbaus der nationalen Programme zur Verbesserung von Behandlungsprozessen aus. Für Margrit Kessler ist deshalb klar: «Die guten Werte für die Politik beziehen sich auf die letzte Legislatur – als noch Gesundheitspolitiker im Parlament anwesend waren – und nicht auf die aktuellen Parlamentarier.»

Und noch eine interessante Grafik zum Schluss: So würden die Befragten die finanziellen Mittel verteilen, wenn sie selbst darüber bestimmen könnten.

Verteilung Klicken Sie für eine grössere Ansicht. Quelle: GFS. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.06.2016, 19:03 Uhr

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