Der Gelegenheitsfischer

Auch fünf Jahre nach der Gründung ist die BDP ohne grosse Idee – das liegt an ihrem Präsidenten Martin Landolt.

Kurz schauen, ob es etwas zu fangen gibt, und wenn nicht: Weiter zum nächsten Gunten. Das ist nicht nur die Devise des Fischers Martin Landolt.

Kurz schauen, ob es etwas zu fangen gibt, und wenn nicht: Weiter zum nächsten Gunten. Das ist nicht nur die Devise des Fischers Martin Landolt. Bild: Kostas Maros

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Als Martin Landolt seinen BMW X3 über die Bergstrasse ins Schwändital jagt, ist die letzte «grosse Opportunität» erst fünf Tage her. Kurviges Terrain, die Landschaft auf dem Navi dreht sich dauernd, und nach sechs, sieben Minuten liegt Näfels schön übersichtlich unter dem BDP-Präsidenten.

Er fährt hier hoch, um zu fischen und um aus der Welt zu sein – mit ihr verbinden ihn jetzt nur noch die Nachrichten am Autoradio. Sie bringen etwas zur Masseneinwanderungs-Initiative, wieder einmal, Landolt war am Wochenende davor in der Schweiz am Sonntag mit dem Thema. Überschrift: «BDP-Präsident fordert schnelle EU-Abstimmung». Wer in Sonntagszeitungen vorkommen will, muss etwas fordern, einen Rücktritt oder eine Abstimmung – und Landolt hat die grosse Opportunität wieder einmal genutzt, wie er selber es nennen würde. Davon später mehr.

Die Nachrichtenlage zu Martin Landolt ganz generell: Vor zwei Jahren trat er an, der Bürgerlich-Demokratischen Partei ein klareres Profil zu geben – und gab später die Parole aus: «Wir sind eine moderne, innovative Partei, die dem gesellschaftlichen Wandel Rechnung trägt.» Dann kündigte er das vergangene Halbjahr als Frühling der Wahrheit an – und verlor mit der Partei bei den Berner Kantonalwahlen elf von 25 Sitzen. Das war natürlich nicht gemeint mit «Profil schärfen».

Ein Jahr vor den eidgenössischen Wahlen fragt man sich deshalb weiterhin, wer dieser Mann eigentlich ist, der die Bürgerlich-Demokratische Partei durch den Wahlkampf steuern wird.

Die gähnende Inhaltsleere

Martin Landolt, 46 Jahre alt, Uvex-Brille in den Haaren, parkiert seinen Geländewagen am Bord des Brändbachs. Er sagt: «Es gäbe hier in der Gegend noch andere Bäche, aber bei diesem hier wissen nicht viele, dass Fische darin schwimmen. Deshalb komme ich gerne hierher.» Landolt spricht an diesem Tag oft davon, wie man «Opportunitäten nutzen» oder «die Möglichkeiten beim Schopf packen» kann. Denn so funktioniert nicht nur das Prinzip des Fischers Landolt, sondern auch dasjenige des Politikers Landolt.

Das Wundersame an diesem Mann ist ja, dass er nicht in die Politik eingestiegen ist, um die Wähler für Überzeugungen zu begeistern. Landolt hat im Grunde genommen gar keine, er versucht, seine Anliegen dem Zeitgeist anzupassen – und sagt das auch so. Wahrscheinlich gibt es in der Schweiz keinen zweiten Politiker, der so offen über seine eigene Inhaltsleere spricht wie der BDP-Präsident.

Landolt sagt: «Ich habe keine Ideologie und ja: Meine Ansichten haben sich geändert in den vergangenen zehn, zwanzig Jahren. Aber man darf sich den Veränderungen auf der Welt doch anpassen, älter und erfahrener werden.»

Landolt sagt: «Fasziniert hat mich als Kind John F. Kennedy, das war damals bei vielen Jungen so. Mir ging es nicht unbedingt um seine Politik, sondern um sein Talent, derart viele Leute zu erreichen mit seinen Worten.»

Landolt sagt: «Ich wollte immer in eine bürgerliche Partei, aber welche das am Ende ist, hing nicht von den Inhalten, sondern von den Leuten in der Ortspartei Näfels ab.»

Per Zufall zur SVP

Damals, das waren die 80er- und 90er-Jahre im Glarnerland. Martin Landolt wuchs in einer alten Näfelser Familie auf. Der Vater führte die Mühle im Dorf und war bei den Christdemokraten Mitglied, mehr nicht. Er sagte seinem Sohn: «In die CVP geht man einfach, wenn man zwanzig ist. Wie in den Turnverein.»

Martin Landolt machte das KV bei der Glarner Kantonalbank und viel Sport – er dachte, Politik sei etwas für Fünfzigjährige. Als schliesslich die SVP anrief, war das Zufall, und er fand: Doch, das wäre noch lässig. Landolt trat bei und zur Landratswahl an. Er wurde sofort gewählt. Landolt kommt aus der Vereinsszene, Turnverein, Volleyballverein, auf dem Land zählt das mehr als jede Parteisitzung im «Ochsen».

Jetzt steht Landolt im Brändbach, marschiert über die Steine, wirft die Rute ins Wasser. Kurze Zeit später scheint ein Fisch anzubeissen, aber so einfach macht der es dem Fischer nicht. Ursprünglich hatte Landolt ja eine andere Idee vom Fischen: In Ruhe und mit Pfeife im Mundwinkel am See sitzen, von Zeit zu Zeit Fische aus dem Wasser ziehen, «das wär auch mal was». Aber dann nahm ein Freund ihn mit in die Bergbäche.

Der Fisch kommt nicht wieder und Landolt sagt: «Nächschtä Guntä.»

So wie durch den Bach, bewegt er sich auch durch die Bundespolitik: Von Gunten zu Gunten, kurz schauen, ob es einen Fisch zu fangen gibt, und wenn nicht: weiter zum nächsten.

Partei ohne Profil

Martin Landolt ist mittlerweile bei der BDP angekommen, die SVP hatte er nach Blochers Abwahl aus dem Bundesrat verlassen, zu unflätig fand er den Ton. Und es ist eine ziemliche Ironie, dass ihn gerade dieser Schritt in den Medienhäusern zum Opportunisten machte. Ausgerechnet die vielleicht erste Aktion, die er aus Überzeugung startete und deren Ausgang er nicht kannte. Landolt wurde dann der einzige Glarner Nationalrat und Parteipräsident.

Am Anfang seiner Amtsperiode sagte man über die Bürgerlich-Demokratische Partei, sie sei ein Bundesrätin-Widmer-Schlumpf-Fanclub – inzwischen gilt sie als Partei ohne Profil. Keine Ahnung, was schlimmer ist.

Landolt steuert die BDP in alle ­Richtungen und wieder zurück. Gross in den Zeitungen war er, als er sich ­zuerst für eine Abgeltungssteuer einsetzte und kurze Zeit später für den automatischen Informationsaustausch warb. Die Wahrheit ist bei Landolt ­immer verhandelbar.

Einst bezeichnete er sich als Neoliberalen, inzwischen sieht er dabei vor allem die Nachteile. Einst las er jeden Abend im Neuen Testament, inzwischen überlegt er sich in Interviews den Ausstieg aus der katholischen Kirche.

Martin Landolt sagt: «Wir haben in der BDP keine Doktrin, keine Ideologie. Die Politologen sagen uns, das komme gerade bei jungen Wählern gut an. Offenbar vertreten wir den Zeitgeist doch ziemlich gut.» Die BDP als Zeitgeist-Partei? Landolt meint solche Sätze positiv.

Inhalte interessieren nicht

Eine Woche nachdem die Partei bei den Berner Wahlen Ende März ihr ­Debakel erlebte – sie verlor fast die Hälfte ihrer Sitze im Grossen Rat –, stand Präsident Landolt in Luzern vor die ­Delegierten. Er sprach davon, dass sich die BDP künftig besser präsentieren müsse, mehr auf Inhalte setzen solle. Am nächsten Tag stand in der NZZ: Die Partei setzt sich für ein modernes Frauenbild ein. Sie ist modern und innovativ. Sie stellt sich den ökologischen Herausforderungen. Sie ist für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. – Sätze, die wie eine ausgeleierte Spieluhr klingen. Das konkreteste Bekenntnis war das Ja zum Atomausstieg.

Martin Landolt sollte der Verkäufer seiner Partei sein, aber er ist nur eine Art lebende Verpackungsbeilage. Ein Mann, der nicht brennt für ein politisches Thema. Ein Verwalter der Macht. Weltwoche-Chef Roger Köppel schrieb vor einem Jahr einen klugen Satz über Landolt: «Noch verkörpert der hoch flexible Frontmann zu sehr die Partei, als dass er sie gestalten könnte.» Er ist noch nicht weiter.

Am besten wirkt Martin Landolt, wenn es nicht um Politik im eigentlichen Sinn geht. 26. Januar dieses Jahres, Einladung in die Sendung «Giacobbo/Müller», Landolt kommt nach Einspielern über Blackfacing und Donatella Versace auf die Bühne. Gleich zu Beginn des Gesprächs soll es um seine grösste persönliche Niederlage gehen.

Herr Landolt, Sie sind der einzige Nationalrat von Glarus. Kürzlich wollten Sie aber in den Ständerat wechseln – wo Sie nicht mehr der einzige Glarner gewesen wären. Warum wollten Sie diese Exklusivität hergeben? Verdient man im Ständerat mehr?

Landolt sagte: «Genau, man hat mehr Sitzungen und verdient deshalb mehr. Zudem wäre mein Gspänli This Jenny von der SVP gewesen, das wäre lustig geworden. Aber die Glarner wählten mich nicht, sie wollten mich weiter exklusiv im Nationalrat. Ja, diese Erklärung ist mir natürlich am liebsten.»

Selbstironie zieht

Auftritte bei «Giacobbo/Müller» sind schwierig für Politiker, einige sind so nervös, dass sie nur ihre verstaubten Politikersätze stammeln, andere denken sich – noch schlimmer – Witze aus und wirken neben den Satirikern wie Möbelhaus-Komiker ohne Timing. Landolt aber setzte auf die charmanteste Waffe, die ein Politiker hat: Selbstironie. Er profitierte davon, dass Inhalte im Sonntagabendprogramm des Schweizer Fernsehens niemanden interessieren.

Diese Strategie funktioniert nicht immer. Der Politologe Claude Longchamp wertet regelmässig aus, welche Begriffe den Leuten zu einer bestimmten Partei einfallen. Beispiel: SVP und Ausländer. SP und Lohngerechtigkeit. Die Parteien werben dann gerne damit, dass sie Meinungsführer in einer Sache sind, dass sie ein Thema besetzen.

Bei der BDP kam den Leuten auf ­Anhieb kein Thema in den Sinn. Claude Longchamp wies dann ein kompliziertes Wort aus, das man anscheinend sofort mit der BDP verbinde: Lösungskompetenz.

Martin Landolt erzählt diese Anekdote, weil er stolz ist auf dieses Wort. Er sagt: «Genau so wollen wir sein: Keine Ein-Themen-Partei, sondern eine, die Lösungen sucht.»

Der Glarner ist vielfältig

An diesem Freitagmorgen im Brändbach marschiert der Fischer Landolt seit einer Stunde aufwärts. Als er kurz ­stehen bleibt, blickt er runter – hinter den Baumwipfeln könne man jetzt ­Näfels sehen und das Glarnerland. Fühlt er sich eigentlich als Ostschweizer? Oder als Zürcher – er, der lange für die UBS in Zürich gearbeitet hatte? Landolt sagt: «Historisch gehören wir zur Innerschweiz, geografisch zur Ostschweiz, wirtschaftlich zu Zürich und mental zu Graubünden.»

Der Glarner als Opportunist, oder sagen wir: flexibel aus Prinzip? «Ich betrachte die Glarner gerne als vielfältig. Wir sind weltoffen und doch verknorzte Bergler. Weiss nicht, wieso. Üs isch wohl.» Die Heimat sagt manchmal ziemlich viel über einen Menschen aus.

In den letzten Gunten bissen keine Fische an – und jetzt, da Landolt einen beobachtet, lässt der nach kurzem Schnappen wieder los. Der Fischer ist sich das gewohnt, meistens fängt man sowieso nichts.

In der Politik ist das anders, da gibt es immer wieder Opportunitäten. ­Wenige Wochen ist es her, als der SVP-­Nationalrat Toni Bortoluzzi über Schwule und deren «verkehrte Hirnlappen sprach». Aufregung in Bern und bei den Zeitungen. Martin Landolt gab für die BDP eine neue Werbekampagne in Auftrag: «Lieber Toni Bortoluzzi, Toleranz ist bei uns nicht Programm, sondern eine Selbstverständlichkeit. Das liegt so in unseren Hirnlappen.» Die Zeitungen brachten zehn Artikel in wenigen Tagen und der Blick schrieb: «BDP startet Homo-Offensive». Ein dicker Fisch für den Politiker Landolt. (Basler Zeitung)

Erstellt: 21.07.2014, 13:39 Uhr

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