«Der HIV-Heimtest ist im Sinne der öffentlichen Gesundheit»

HIV-Test für zu Hause steht kurz vor der Zulassung. Der Aids-Hilfe-Chef Daniel Seiler hofft damit, das Virus maximal einzudämmen.

In den USA ist der HIV-Selbsttest schon seit 2012 möglich, in der Schweiz soll er diesen Sommer eingeführt werden. Bild: Chuck Zovko/Keystone

In den USA ist der HIV-Selbsttest schon seit 2012 möglich, in der Schweiz soll er diesen Sommer eingeführt werden. Bild: Chuck Zovko/Keystone

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Der HIV-Selbsttest steht in der Schweiz kurz vor der Zulassung. Ist das eine gute Nachricht?
Ja, weil die HIV-Tests für den Heimgebrauch einen neuen Zugang für Leute bieten, die nicht zum Arzt oder in ein Testzentrum gehen möchten. Insofern unterstützen wir diesen Entscheid sehr.

Wie sicher ist dieser Do-it-yourself-Test?
Die Zeiten mit vielen Falschresultaten sind vorbei. Die heutigen Selbsttests gelten als sicher und zuverlässig. Bei den Tests wird zwischen dritter und vierter Generation unterschieden. In den Schweizer Testzentren werden ausschliesslich Tests der vierten Generation verwendet. Diese Labortests sind sensibler und können deshalb eine Infektion schneller entdecken. Zum Vergleich: Bei den Heimtests handelt es sich um Tests der dritten Generation, die eine Infektion statt nach 6 Wochen erst nach etwa 12 Wochen zu 100 Prozent identifizieren können.

Die Eidg. Kommission für sexuelle Gesundheit (EKSG) empfiehlt eine Freigabe und hofft, mit den Heimtests «verborgene positive Segmente» zu erreichen. Was ist wohl damit gemeint?
Dabei handelt es sich um Menschen wie etwa mich, die sich noch in den 1980er- und 1990er-Jahren sehr schwer mit HIV-Tests getan haben. Der Hausarzt stellte vielleicht unangenehme Fragen zum Sexualverhalten. Und da Sex immer noch ein Tabuthema ist, reduziert der HIV-Selbsttest diese Hemmschwelle. Das ist wichtig, weil wir uns in der Endphase des Kampfes gegen HIV/Aids befinden. Es gibt immer noch etwa rund 3000 Menschen in der Schweiz, die unwissentlich das HI-Virus tragen. Nur wenn sie sich dessen bewusst sind, können sie einer Therapie zugeführt und damit das HI-Virus neutralisiert werden.

Laut der Kommission sei es wichtig, dass der Test in das System der Gesundheitsversorgung eingebettet werde. Reicht dafür ein Beipackzettel?
Vor 40 Jahren hätte ich noch ein Problem damit gehabt. Aber wenn jemand im Jahre 2018 solch einen Heimtest macht, dann hat er sich schon mit dem HI-Virus auseinandergesetzt. Im Beipackzettel wird es ausführliche Erklärungen und ein Hilfsangebot wie ein 24-Stunden-Notfall-Telefon geben.

Wird die Aids-Hilfe die Hotline betreiben?
Wir sind sicherlich bereit, das Hilfsangebot mitzutragen. Ich denke, es bleibt abzuwarten, wie stark eine solche Hotline genutzt wird. Deshalb ist in einer ersten Phase eine Kooperation mit bestehenden Angeboten der wahrscheinlichste Weg.

Wann sollte man lieber direkt zur Aids-Hilfe respektive zum Arzt gehen?
Das ist schwierig zu sagen. Entscheidend ist, dass man sich regelmässig testet und bei einem Positiv-Bescheid zum Arzt oder zur Beratungsstelle geht, um das Resultat zu bestätigen.

Was heisst regelmässig?
Sexuell sehr aktiven Menschen empfehlen wir, sich einmal pro Quartal auf HIV testen zu lassen. Für die übrige Bevölkerung reicht es, einmal pro Jahr oder nach einem Risikoverhalten einen entsprechenden Test zu machen.

Sind die Gegner solcher Heimtests einfach hoffnungslose Moralapostel?
Bei Diskussion über die Sexualität sollte man Wertungen vermeiden. Ich sehe die Selbsttests einfach als ein weiteres Präventionsmittel, um HIV in der Schweiz maximal einzudämmen. Damit ist der HIV-Heimtest im Sinne der öffentlichen Gesundheit, und somit haben wir gute Argumente für dessen Einführung.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.04.2018, 19:24 Uhr

Daniel Seiler

Seiler ist Geschäftsführer der Aids-Hilfe Schweiz. Die Organisation engagiert sich für Menschen mit HIV, ihre Partner und Partnerinnen, als Meldestelle für Diskriminierungen und Persönlichkeitsverletzungen im HIV/Aids-Bereich, mit Lobbying in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft.

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