«Der Imam hat zwei Gesichter»

Muslime in der Stadt Wil sagen, dass Bekim Alimi einen radikalen und rückständigen Islam vertritt.

Die Moschee von Wil: Den vier Millionen Franken teuren Bau sollen Vereinsmitglieder und Spender finanziert haben.

Die Moschee von Wil: Den vier Millionen Franken teuren Bau sollen Vereinsmitglieder und Spender finanziert haben. Bild: Keystone

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Der Wiler Imam Bekim Alimi soll Schweizer werden. Das Parlament der Ostschweizer Stadt hat sich vor einer Woche mit 26 zu zehn Stimmen dafür ausgesprochen, dem mazedonischen Vorsteher der lokalen Moschee das Orts- und Gemeindebürgerrecht zu erteilen. Dagegen waren einzig die SVP-Fraktion und ein FDP-Parlamentarier. Jetzt behandelt der Kanton das Gesuch, dies dürfte angesichts der politischen Stimmung allerdings nur noch eine Formsache sein. Denn Bekim Alimi hat viele Freunde im Kanton St. Gallen. Etwa die Wiler Stadtpräsidentin Susanne Hartmann. Die CVP-Politikerin ist offenbar so gut mit ihm befreundet, dass sie als Präsidentin des Einbürgerungsrates in den Ausstand treten musste.

Doch Hartmann ist nicht die einzige Wiler Politikerin, die dem Imam zugetan ist. Ihr Stadtratskollege Daniel Meili (FDP) stürmte nach der Abstimmung aus dem Saal, um Alimi freudestrahlend zur Einbürgerung zu gratulieren – und die zehn Gegenstimmen zu entschuldigen. Diese seien zu erwarten gewesen, «das gehört bei uns halt zum System». Auch Barbara Gysi, Nationalrätin und Mitglied des SP-Parteipräsidiums, war in der Reihe der Gratulanten und verteidigte den Imam ungefragt, aber dafür umso vehementer, als sie ihn durch Fragen zu seinen Werten bedrängt sah. Dieser sah allerdings etwas unbehaglich aus, als Gysi sagte, Bekim Alimi sei zwar durchaus als konservativ zu bezeichnen. Die im Zuge des Einbürgerungsverfahrens laut ge­wor­denen Vorwürfe, er habe eine Nähe zu islamistischen Kreisen, toleriere radikale Prediger und pflege einen antisemitischen und frauenfeindlichen Islam, seien aber schlicht nicht wahr. Immerhin erteile der Imam seit Jahren Religionsunterricht an der Schule. «Wenn die Vorwürfe wahr wären, dann hätte dort die Aufsicht versagt.»

Salafistischer Einfluss

Allerdings gibt es in Wil auch kritische Stimmen: Mario Schmitt sorgte mit einer Einsprache erst dafür, dass Alimis Einbürgerung vor dem Parlament landete – eine Premiere seit der Einführung des neuen St. Galler Bürgerrechts vor fünf Jahren. Schmitt sass einst für die SVP im Stadtparlament und wurde aufgrund einer Äusserung gegen die Terrormiliz IS und den Islam wegen Rassendiskriminierung verurteilt. Sein Vorwurf: Der Wiler Moschee-Anführer sei mit der islamistischen Szene verstrickt. Vorwürfe, welche Saïda Keller-Messahli, Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam, Anfang April in einem Interview mit der Ostschweiz am Sonntag bekräftigte. Laut ihr toleriert Alimi, dass in den Ostschweizer Moscheen radikale Prediger auftreten. Als Präsident des Dachverbands islamischer Gemeinden der Ostschweiz und des Fürstentums Liechtenstein hat der Imam 17 Moscheen unter sich. Von Alimi gehe wohl keine unmittelbare Gefahr für die Sicherheit aus, so Keller-Messahli. Er sei aber ein Rädchen im System, das helfe, damit der salafistische Einfluss bestehen bleibe. Dieser Einfluss stelle eine Gefahr dar, da jeder Dschihadist und jeder islamistische Terrorist auch ein Salafist sei. Unklar ist laut Keller-Messahli zudem, woher das Geld für die vier Millionen Franken teure Wiler Moschee komme, in der Alimi predigt.

Erdrückende moralische Pflichten

Auf seine Einsprache habe er viele positive Reaktionen erhalten, sagt Mario Schmitt. Darunter auch eine von einem Muslim. Der Mann ist nicht der Einzige in der muslimischen Gemeinde der Ostschweizer Stadt, der dem Imam kritisch gegenübersteht. Alimi, heisst es, habe zwei Gesichter. Aus Angst vor Anfeindungen und Ausgrenzung will jedoch niemand seinen Namen in der Zeitung lesen. «Was er gegenüber den Schweizer Behörden oder den Vertretern der Kirche erzählt, hat nichts zu tun mit dem, was er innerhalb unserer Gemeinschaft sagt», meint ein Mann. Eine Frau erinnert sich an den Koran-Unterricht, den sie als 13-jährige Schülerin bei Alimi besuchte und den Alimi auf Albanisch abhielt. Dort hätten die Mädchen Kopftuch tragen müssen. «Er hat uns eingetrichtert, eine moralische Frau wisse, wie sie sich zu kleiden habe, dass wir eine Sünde begehen, falls wir uns nicht verhüllen und uns deshalb ein Mann verfällt.»

Muslime betonen gerne, dass die Frauen das Kopftuch freiwillig tragen. Dorothea Naeff, die seit Jahren Deutsch für Migranten unterrichtet, bezweifelt dies. Einst habe eine Journalistin ihre Deutschklasse besucht, um darüber zu berichten, und dabei die Frauen mit Kopftuch gefragt, ob sie dieses freiwillig trügen. Alle hätten dies bejaht. «Zum Schluss der Stunde, als alle weg waren, hat mir eine der Frauen anvertraut, wie diese sogenannte Freiwilligkeit in Realität aussieht», so Naeff. «Sie sagte, Alimi lehre den jungen Männern, Kopftuch tragen sei Pflicht. Diese schliessen da­raus, dass Frauen ohne Kopftuch keine Gläubigen seien, den Pfad der Tugend verlassen hätten und die Männer sie daher ungestraft belästigen dürften.» Naeff erinnert sich auch daran, dass einige der Frauen plötzlich nicht mehr zum Deutschkurs kamen. «Ich brachte ihnen bei, wie sie öffentliche Verkehrsmittel benutzen konnten, half ihnen also dabei, selbstständig zu werden. Das hat ihren Männern nicht gepasst.»

In der Koranschule soll der Imam die jungen Muslime davor gewarnt haben, sich mit Angehörigen einer anderen Religion einzulassen. «Er sagte, wir würden in der Hölle schmoren, falls wir einen Ungläubigen heiraten würden», sagt eine Frau. Und damit sich die Schülerinnen darunter etwas vorstellen konnten, habe er erklärt, die Hölle beginne bei 40 Grad Celsius.

Eine andere Muslima erinnert sich, dass Alimi den Mädchen eingeschärft habe, dass Frauen, die nicht mehr jungfräulich sind, Frauen zweiter Klasse seien, mit denen die Männer nach Gutdünken verfahren dürften. Eine Frau müsse dem Mann bei der Hochzeit so rein übergeben werden, wie sie geboren worden sei. «Seit dem Kindergarten war meine Jungfräulichkeit ein Thema», sagt sie. «Man hat mir eingeschärft, ich müsse gut auf sie aufpassen, mir dabei aber nicht gesagt, wie ich sie verlieren kann.» Sie habe sich lange Jahre nur schon vor den Blicken eines Mannes gefürchtet. «Die moralischen Pflichten in unserer islamischen Gesellschaft sind erdrückend. Wer sich nicht daran hält, bringt Schande über seine ganze Familie – hier und in der alten Heimat.»

Wie wenig eine Frau wert sein kann, zeigt eine andere Anekdote, die man sich unter den Wiler Muslimen erzählt: Als 2010 ein 22-Jähriger aus dem ehemaligen Serbien-Montenegro eine Prostituierte ermordet hatte, soll der Vater des Täters Alimi gefragt haben, was seine Familie nun der Familie der Frau schulde. Der Imam habe geantwortet: «Nichts, sie war eine Prostituierte.»

Jungfräulichkeit nachweisen

Damit sie sicher sein können, eine Jungfrau zu heiraten, reisen viele Männer zwecks Heirat in ihre Herkunftsländer. In der Schweiz aufgewachsene Muslimas müssen ihre Jungfräulichkeit mittels gynäkologischem Zeugnis nachweisen. Sie habe vor ihrer Hochzeit zwei «Gutachten» machen lassen müssen, erinnert sich eine 35-Jährige. «Eine Ärztin durfte ich aussuchen, die andere suchte die Familie meines Mannes aus – um ein Gefälligkeitsgutachten zu verhindern.» Ihr Mann habe nach dem Geschlechtsakt seinem Vater berichten müssen, dass sie geblutet habe.

Doch nicht alle halten sich an die religiösen Gebote – mit oft fatalen Folgen. So ist vor einigen Jahren eine junge Frau mit ihrem Schweizer Freund abgetaucht, als ihre Beziehung aufflog und ihre Familie sie in den Ferien mit einem Mazedonier zwangsverheiraten wollte. Als sich die junge Frau weigerte, schlugen sie ihre Brüder zusammen – alles, so heisst es, mit dem Segen des Imams, bei dem ihre Mutter zuvor in der Sache Rat gesucht haben soll. Ein anderes Mädchen konnte ihrer Zwangsverheiratung auflösen, weil ihre Familie sie mit 50 000 Franken freikaufte. «Den Preis bestimmt die Familie des Bräutigams», sagt Verena Gysling. Die ehemalige grüne Parlamentarierin hatte dem Mädchen geholfen, sich ins Frauenhaus zu flüchten, nachdem Bekim Alimi dessen Vater geraten habe, die Tochter zu verstossen und die männlichen Familienmitglieder bereits mit der Ermordung des Freundes gedroht hatten. «Der Imam hätte den Eltern besser geraten, richtig Deutsch zu lernen, damit sie sich schneller integrieren können», so Gysling.

Aufgrund dieser Erfahrung stand Verena Gysling Alimis Einbürgerung kritisch gegenüber. Ebenso die grünliberale Parlamentarierin Erika Häusermann. Sie stellte Alimi in einem offenen Brief Fragen nach seiner politischen und religiösen Haltung. Dies mit der Begründung, dass er als Imam bei einem grossen Teil der muslimischen Bevölkerung die Beziehung zur Schweizer Kultur prägen und damit den Integrationswillen massgeblich beeinflussen könne. Häusermann erklärte Alimi dabei auch, was sie von ihm als eingebürgertem Imam erwartet: «Ein grosses Engagement für einen fortschrittlichen, den schweizerischen Grundrechten verpflichteten Islam.» Im Interesse der einheimischen wie auch der muslimischen Bevölkerung müsse alles getan werden, um diese Parallelgesellschaft aufzubrechen.

«Demütigende Fragen»

In seiner Stellungnahme auf die Fragen reagierte Alimi betupft: «Eingehend möchte ich festhalten, dass ich sowohl diesen aussergewöhnlichen Ablauf meines Einbürgerungsgesuchs als auch die gestellten Fragen als demütigend empfinde.» Beides zeuge von einer negativen Grundeinstellung, einer Schuldvermutung, ihm gegenüber sowie von «Unkenntnissen der Fragestellenden bezüglich der Schweizer Muslime». Er lässt sich dann aber gleichwohl dazu herab, die Fragen zu beantworten. «Um meinem guten Willen Ausdruck zu verleihen und den Prozess möglichst einfach zu gestalten, beantworte ich die Fragen auf freiwilliger Basis.» Denn die Muslime in der Schweiz und ihre Verbände hätten stets wiederholt, die Bundesverfassung zu akzeptieren. Er als Imam von Wil und Präsident des Dachverbandes habe bereits 2007 die Wiler Erklärung, 2005 die St. Galler Erklärung unterzeichnet. In seinen Antworten spricht sich Alimi für die Selbstbestimmung der Frauen, für die Homosexualität und für die Religionsfreiheit aus. Letzteres sei ein wichtiger Bestandteil des islamischen Glaubens.

Fragen, zu denen Alimi schweigt

Verena Gysling wollte es genau wissen und hakte bei Alimi mit einem weiteren offenen Brief nach. Sie forderte den Imam dazu auf, seine liberalen Antworten ins Albanische zu übersetzen und in seiner Gemeinde zu veröffentlichen. «Bis heute hat er mir dazu keine Antwort gegeben», sagt Gysling. Auch sie denkt, dass der Imam zwei Gesichter hat. «Gegenüber Behörden und kirchlichen Vertretungen gibt er sich sehr offen und konziliant, auch predigt er auf Deutsch. Was er aber in der Moschee den Männern beim Kaffee erzählt, soll oft nicht sehr integrationsfreundlich sein.» An einer Veranstaltung habe sie Alimi gefragt, welche Hilfe er verzweifelten muslimischen Eltern anbiete, deren Kinder eine Beziehung zu Andersgläubigen haben, so Gysling. «Er antwortete ungehalten, das komme bei den Muslimen nicht vor.»

Ähnliches erlebte Klausfranz Rüst vor einigen Jahren. Er fragte den Imam am Rande eines Anlasses, weshalb die Scharia die Todesstrafe für Muslime vorsieht, die sich von ihrer Religion abwenden. «Er antwortete, Muslime hätten kein Recht, den Islam abzulegen.» Eine Haltung, die – falls Alimi noch immer daran festhalte – der Bundesverfassung widerspreche, so der Jurist. Er habe dies den Wiler Behörden mitgeteilt, so Rüst. «Nicht weil ich die Einbürgerung verhindern wollte, sondern weil ich finde, dass die Positionen des Imams in einem sorgfältigen Verfahren hätten geklärt werden müssen.»

Ob dies geschehen ist, bleibt das Geheimnis des Wiler Einbürgerungsrates – entsprechende Fragen be­ant­wortet Vizepräsident Dario Sulzer (SP) nicht. Klar ist nur, dass die Behörde aufgrund der Einsprache gegen Alimis Einbürgerung bei der Polizei, dem Staatssekretariat für Migration und dem Nachrichtendienst des Bundes Erkundigungen über den Imam einholte. Weil nichts gegen den Imam vorliegt, beantragte die Behörde Alimis Einbürgerung im Parlament.

Mit den Vorwürfen konfrontiert, schreibt Bekim Alimi in einer Stellungnahme, diese seien ihm nicht bekannt, sie hätten sich nicht in seinem Umfeld zugetragen. «Ich bin über diese Vorwürfe schockiert.» Er habe immer transparent kommuniziert. «Die immer gleichen Klischees, welche gegen mich und den islamischen Glauben herangezogen werden, dienen nur dazu, eine tendenziöse Stimmung zu schüren», so der Imam. Er habe sich nichts zuschulden kommen lassen und erfülle seine Pflichten als friedlicher Bürger dieses Landes. «Und genau dazu rufe ich meine Glaubensgemeinschaft in konstruktivem Sinne auf.» Als Imam sei er von den Mitgliedern des Moscheevereins finanziert, so Alimi weiter. Diese sowie freiwillige Spender hätten auch den Bau der Moschee bezahlt. Zudem bestünden noch offene Schulden.

Offen lässt Alimi, was er konkret tut, um Muslime in Wil zur Integration zu ermuntern oder was er Eltern rät, deren Kind einen Andersgläubigen liebt. Er kündigt jedoch an, seine liberalen Antworten auf die Fragen von GLP-Parlamentarierin Häusermann für die muslimische Gemeinschaft zu übersetzen: «Wenn es dem Frieden dient, werde ich dies gerne machen.» (Basler Zeitung)

Erstellt: 13.04.2018, 10:03 Uhr

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