Portrait

Der Krieger im Osten

Hanspeter Lebrument, der Verleger der «Südostschweiz», hat in den Bündner Bergen ein mediales Bollwerk errichtetet. Nun ist das Imperium in Gefahr. Doch der alte Kämpfer ist noch nicht geschlagen.

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Der Vietcong startete die Tet-Offensive in Vietnam. Ein Schweizer Reporter versuchte, das Land so schnell als möglich zu verlassen. Es war 1968. Der junge Mann hiess Hanspeter Lebrument. Damals habe er eine Ahnung von Angst gehabt. Vergleichbares sei ihm nie mehr passiert. 1948 wurde Lebrument in der St. Galler Altstadt von einem Tram erfasst. Der Chauffeur liess rechtzeitig den Rechen runter und schob den sechsjährigen Knaben im Bremsgang vor sich her. Ein Freund rannte mit der Nachricht zu Lebruments Mutter, dass Hanspeter tot sei. 1973 hatte der junge Verleger ganz Graubünden hässig gemacht mit der neuen Ausrichtung der «Bündner Zeitung» als Forumszeitung. Politiker gingen wortlos an ihm vorbei, er war ein Verfemter. 20 gerichtliche Vorladungen standen innert Wochenfrist im Haus. Er drohte zu zerbrechen.

All das ist lange her. Jetzt sitzt Lebrument auf der Sesselbahn. Der Sonne, den Bergen streckt er sein braunes, verwittertes Gesicht entgegen. Ihn verletze nichts. Und doch: «Ärgern würde mich, wenn jemand schreibt, dass ich herum­eiere, dass ich weiche Knie hätte.» Freunde habe er keine. «Haben Sie Freunde nie vermisst?», frage ich. «Nein.» Manchmal brummelt er die Antworten vor sich hin. «Immer diese Frage nach den Freunden», mag er sich denken. «Ich hab nun mal keine, wieso fragen die Journalisten immer danach?»

Auf meine Anfrage für ein Porträt schlägt Lebrument eine Wanderung vor. «Wir können uns am Zürichsee, auf dem Rothorn oder in Soglio treffen.» So weit reicht sein verlegerischer Arm. Schliesslich entscheiden wir uns zu einer Wanderung auf der Lenzerheide, von Val Sporz per Lift nach Scalottas («Da hat es eine anständige Beiz.») und zu Fuss nach Tgantieni. Am Bahnhof Chur warte ich, Lebrument kommt die Rolltreppe hoch, ein Saxofon tutet Frank Sinatras «My Way». Er kramt ein paar Münzen aus dem Portemonnaie.

Später, auf dem Scalottas, wird Lebrument sagen: «Ich habe Sie hier heraufgeführt, weil hier die Berge sind. Mit den treuen Verbündeten, den Bergen und den Rätoromanen verdiene ich Kohle.» Er fuchtelt mit dem rechten Arm in verschiedene Himmelsrichtungen, zeigt mit dem Finger in dieses und jenes Tal, wo er diese und jene Zeitung publiziert. Sie haben Namen wie «Südostschweiz Graubünden», «La Quotidiana», «Pöschtli», «Rhiiblatt» und «Fegl ufficial dalla Surselva». In den Bündner Bergen hat er ein mediales Bollwerk errichtet, inklusive Radio und Fernsehen, ein Medienmonopol, das laut Roger Schawinski in Europa seinesgleichen sucht. Die Presse hat ihm darum Namen wie «Salsiz-Berlusconi» oder «Pizokel-Murdoch» gegeben. In seinem Reich gehöre er zu den bestinformierten Menschen. «Ich weiss zum Beispiel, wo Ihr Guru heut im Engadin Ferien macht» (er meint Christoph Blocher). «Interessiert Sie denn das?» «Nein, aber ich weiss es einfach.»

Das Imperium wankt

Glaubt man seinen Konkurrenten, dann ist sein Reich in Gefahr. «Das Imperium wankt», sagt ein Verlegerkollege am Telefon. Vor Kurzem haben sich vier Regionalzeitungen aus einem gemeinsamen Verbund von Lebruments Südostschweiz Medien verabschiedet. Die Auflage des sogenannten Mantelteils fällt unter die 100'000er Schwelle. Man spricht in der Branche von der «magischen Grenze». Unter einer Auflage von 100'000 werde es schwierig am Werbemarkt, heisst es.

Derweil plant Lebrument einen Neubau in Chur für 30 Millionen Franken, in dem er all seine Medien bündeln will. Unter dem neuen Gelände liegt ein alter Offiziersbunker der Schweizer Armee. Unter seiner aktuellen Immobilie wiederum, an der Kasernenstrasse in Chur, werden Reste römischer Zivilisation vermutet. Ein künftiger Käufer müssen sich mit Archäologen herumschlagen. Das macht das Gelände nicht eben attraktiv. Während die mächtigen Berge Lebruments Verbündete sind, hockt der Teufel unter der Erde, zwischen einem Bunker und römischen Amphoren. Lebrument bleibt cool. Zum Bunker meint er lapidar: «Der muss noch raus.» Der Neubau indes sei finanziert. An die Magie der 100'000 habe er sowieso nie geglaubt.

«Lebrument ist einnehmend, jovial. Aber wenn man mit ihm Krieg hat, ist er unangenehm», sagt ein Kollege. In der Medienbranche spricht man schnell von «Krieg», wenn es zwei miteinander nicht so gut können. Einer, der mit ihm Krieg hat, ist Schawinski. Er kritisiert die Bündner Medienkonzentration bei gleichzeitigem Einstreichen von Subventionen in der Höhe von sechs Millionen Franken. Auch er spricht von zwei Gesichtern, von einem «charmanten» und einem «brutalen».

Lebrument schaut durch doppeltes Glas, durch seine Korrektur- und seine Lesebrille, die er einfach übereinandergepappt hat: «Was die Leute sagen, stimmt.» Er könne sehr unangenehm sein. Manchmal höre er sich selber sprechen und staune, was für ein ekelhafter Siech er doch sein könne. Eine Ahnung dieses zweiten Gesichts bekomme ich, als Lebrument im Restaurant Salz und Pfeffer bestellt. Er benutzt das Wort «Hallo». Es wird gerufen, ist aber keine Begrüssung. Es heisst «Ich bin ungeduldig!», «Unternehmt sofort etwas!», «Ich plane einen Aufstand». Ansonsten sagt er gerne die gemütlichen Worte «moll» und «nöd». Mit Letzterem widerspricht er sich nach jedem zweiten Satz selbst – es ist seine persönliche Widerrede, die aber keine spezielle Bedeutung zu haben scheint.

Zurück: Lebrument hatte nichts, als er als 30-Jähriger nach Graubünden kam, kaum einmal Ehrgeiz. Als 23-Jähriger lebte er in Basel, die Wohnung finanzierte seine Frau. Er selbst, der Primarlehrer war, wollte Germanistik und Geschichte studieren. Letztlich war es eine Grosstante Lebruments, die den Macho in die Bündner Berge trieb. Sie fragte lediglich: «Dann lässt du dich also von deiner Frau unterhalten?» Das habe ihn gefuchst. Er bewarb sich beim «St. Galler Tagblatt» als Redaktor. «Der Töff ist halt anders gelaufen.»

Ein unanständiger Mensch

Ein sentimentaler Mensch ist Lebrument nicht. Von Haus aus nicht, und dann scheint er sich in der Gegenwart auch viel zu wohl zu fühlen. Wenn er aber erzählt, wie er sein Monopol in Graubünden errichtete, freut er sich diebisch und wechselt vom hemdsärmeligen Erzählstil ganz in die Schwankform. Die Übernahme seines Unternehmens sei wie bei Blocher gelaufen. Beide hätten sie kein Geld gehabt, dafür das Vertrauen von Banken. «Die Gebrüder Gasser hatten Krach miteinander. Ich habe mich demjenigen angeschlossen, der den Verlag vorwärtsbringen wollte.» Als der ältere Gasser, Rudolf, starb, habe ihn dieser als Willensvollstrecker und Verwalter seiner Aktien eingesetzt. Gleichzeitig hatte er bereits die operative Führung der Südostschweiz Medien inne. Das war 1999.

«Und dann machte ich einen unanständigen Zug, ich sagte dem jüngeren Gasser, ich würde ihm keinen Rappen Dividende auszahlen.» Werner Gasser: «Dann habe ich ja gar kein Geld mehr.» Lebrument: «Ich werde mein Gehalt immer ein bisschen erhöhen, ich werde gut leben.» Er hat den jüngeren Gasser zermürbt. «Du kannst deine Aktien nehmen, im WC aufhängen und jeden Tag anschauen, das habe ich ihm gesagt. Du wirst keinen Stutz mehr sehen.»

Gassers Frau sei eine Gescheite gewesen, sagt Lebrument, die habe ihrem Mann geraten, «diesem Don Corleone» (gemeint ist Lebrument) seinen Teil abzutreten und dafür in Ruhe zu leben. «Man macht nur unanständige Züge, wenn man einen Betrieb übernehmen will» – lerne ich an diesem Tag.

Er sei ein Schlufi, hiess es

Lebrument versucht sich nicht als Gutmensch zu profilieren. Er denkt aber auch nicht, die anderen seien bessere Menschen als er. Sie sind genau gleich, nur nicht so raffiniert wie er. Gleichzeitig gehört dies alles zu seiner kalkulierten Kriegsrhetorik, die nur schon die Träume seiner Konkurrenten nach einer Zeitung oder einem Radio in Graubünden ersticken soll. «Kriege haben mich gehärtet. Entweder zerbrechen Sie, oder Sie werden härter», sagt er und tönt so, als wäre er jahrelang mit Hellebarde von einem Schlachtfeld zum nächsten gezogen.

«Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert.» Das sei zu einem Leitmotiv geworden. Lebrument trägt eine dunkle Hose, Wanderschuhe, ein Polo-­Shirt mit einem gestickten Fisch auf der Brust. Darunter steht «Australia» und noch etwas Unlesbares. Dazu trägt er karierte Hosenträger und einen Südostschweiz-Rucksack. Ums Handgelenk eine Omega. Seine eigentliche Uhr habe er am Morgen nicht gefunden, und auch die bevorzugte Brille hatte er irgendwo verlegt. In der Schule hätte man gesagt, er sei ein Schlufi. Lebrument ist ein Mann ohne ausgeprägtes ästhetisches Gefühl, allenfalls lässt er sich gerne beraten. «Wenn Sie eine eigene Bude haben und älter geworden sind, werden Sie gehegt und gepflegt. Ich lebe in einem Vorpflegezustand.»

Er wollte immer das Tempo bestimmen

Ein Knie musste er operieren lassen, aber er ist zäh. Die Wanderstöcke hat er im Kofferraum seines schwarzen Mercedes vergessen. Seis drum. Lebrument wandert wacker voran. Er hat einen grossen Bauch. Den trägt er jetzt ins Tal hinunter. Laut schnauft es aus ihm und doch kann er problemlos sprechen. In seinem Leben wollte immer er das Tempo bestimmen. An eine Situation, in der das nicht der Fall war, kann er sich nicht erinnern. Solche Dinge vergesse er zum Glück, wie den Tramunfall. Er sei alt geworden, sagen Weggefährten von ihm am Telefon. Tatsächlich habe ich es auch erlebt, wie Lebrument Minuten nach seiner traditionellen Polterrede am Verlegertag (seit gut zehn Jahren ist er Präsident des Verbands Schweizer Medien) eingenickt ist.

Der alte Kämpfer ist aber nicht so müde, wie es seine Konkurrenten vielleicht gerne hätten. Karg, etwas schläfrig sind seine Antworten, wenn die Fragen harmlos sind, hellwach ist er, wenn es ums Ganze geht. Das ist sein Lebenswerk, der Verlag. Der Löwe schläft, wenn es ruhig ist, blinzelt gegen die Sonne, wenn sich etwas bewegt, ist seine Herde in Gefahr, so brüllt er laut – Hallo! (Basler Zeitung)

Erstellt: 06.08.2013, 13:33 Uhr

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