Der Krisenspezialist hat versagt

Real ist, was medial ist. Das sollte auch PR-Profi Sacha Wigdorovits wissen. Der Fall Geri Müller zeigt nun, dass «Katastrophen»-Sacha seinen Übernamen völlig zu Recht trägt – er ist auch in eigener Sache eine Katastrophe.

Ein «Mann fürs Grobe»: Sacha Wigdorovits, Journalist und Berater.

Ein «Mann fürs Grobe»: Sacha Wigdorovits, Journalist und Berater. Bild: Keystone

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Im Grossen wie im Kleinen gilt heutzutage: «Perception is reality.» Der Satz «Wahrnehmung ist Wirklichkeit» wird dem US-Politikberater Lee Atwater zugeschrieben. Was auch immer passiert – es kommt darauf an, wie es wahr­genommen wird. Das gilt in Washington wie in Berlin wie in Bern. Und wie in Baden.

Der ehemalige Chef der Schweizerischen Nationalbank, Philipp Hildebrand, der kurzzeitige Chef der Armee, Roland Nef, Alt-Bundesrat Adolf Ogi und viele mehr lassen sich kommunikativ beraten. Von Konsulenten, von Krisen-PR-Spezialisten, das sind gut bezahlte Meister der Beeinflussung der Wahrnehmung, dabei diskret und im Hintergrund wirkend.

Intensive «Beziehungspflege»

Die meisten Namen dieser Spin Doctors, mit zwei Ausnahmen, kennt die Öffentlichkeit nicht. Die zweite Ausnahme ist Sacha Wigdorovits. Als ehemaliger Kurzzeit-Chefredaktor des Blicks und Herausgeber der Gratiszeitung .ch bekannt, nicht nur als Lebensgefährte der ehemaligen SRG-Chefin Ingrid Deltenre bestens vernetzt. Zudem als Mann fürs Grobe berüchtigt, der auch nicht davor zurückschreckt, Figuren wie Carl Hirschmann seine Dienste anzubieten und an dessen Seite im TV aufzutreten.

«Katastrophen»-Sacha, wie er zuweilen genannt wird, beriet den gescheiterten UBS-Präsidenten Peter Kurer, und er schrieb auch mit dem gescheiterten Swiss-Boss André Dosé das Buch «Sturmflug». Zudem engagiert sich der Tausendsacha noch für die Sache Israels und sitzt als Mitbegründer und Stiftungsrat in der Audiatur-Stiftung. In einem Vortrag für die Handelskammer Schweiz – Israel über die Medienlage – zeigte er 2011 in einer «Swot-Analyse», wo seiner Meinung nach die Probleme liegen: «Journalisten sind mehrheitlich links – und deshalb anti-israelisch/anti-zionistisch».

Scheibchenweise einräumen

Auf 31 Seiten blättert er dann die möglichen Gegenmassnahmen auf, inklusive «Intensivierung der Beziehungspflege», «Besuche bei wichtigen Chefredaktoren» und Reaktion auf «anti-israelische Berichterstattung auf höchster Ebene», dazu gehört auch, «die Verleger einzuschalten». Also das übliche Geschwätz, das jeder hoffnungsfrohe PR-Anfänger im ersten Monat seiner Berufsausübung von sich gibt.

Von einer Koryphäe in der Krisenkommunikation könnte man wenigstens erwarten, dass er in eigener Sache professionell agiert. Der Name Wigdorovits als Drahtzieher wurde von den Medien im Zusammenhang mit einem Stadt­ammann ins Spiel gebracht, der in seinen Amtsräumen während der Arbeitszeit gerne mal sein Gemächt fotografiert. Von einem «no comment» arbeitete sich Wigdorovits zu einem Dementi, er kenne die in die Affäre involvierte Frau «nur so gut wie alle anderen, die in den letzten Tagen Zeitungen gelesen und Fernsehen geschaut haben», über ein Dementi und der Androhung juristischer Schritte, wenn behauptet würde, er habe für die Dame Pressekontakte hergestellt, zum scheibchenweisen Einräumen des jeweiligen Gegenteils durch.

Die Richtigkeit des Gegenteils

Sein vorletztes Wort war dann, dass er seit dem 28. April nicht mehr mit ihr in Kontakt gestanden sei. Als ihm auch das anhand von Facebook-Chatprotokollen als Lüge nachgewiesen wurde, flüchtete er sich in ein schmallippiges «das war nicht richtig». Und setzte obendrauf, dass er nur habe vermeiden wollen, dass der Stadt­ammann durch das Konstruieren einer «jüdischen Verschwörung» von der Täter- in die Opferrolle schlüpfen könne.

«Katastrophen»-Sacha trägt also seinen Übernamen völlig zu Recht, er ist auch und in eigener Sache eine Katastrophe. Nichts sagen, scheibchenweise etwas sagen, jeweils beim Nachweis der Richtigkeit des Gegenteils gerade so viel wie nötig einräumen; jeder Krisenkommunikator bringt seinem Mandanten bei: Das ist das Schlimmste; alles, nur das nicht.

Politiker oder Personen, die in der Öffentlichkeit stehen, müssen von ihren Posten zurücktreten, wenn bei einem echten oder vermeintlichen Skandal die Krisenkommunikation nicht klappt. Was ist aber, wenn ein Krisen-PR-Spezialist selbst in eigener Sache versagt? (Basler Zeitung)

Erstellt: 27.08.2014, 12:38 Uhr

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