Der «Roboy»-Erfinder wandert aus

Er gilt als «Guru der Robotik» – und eigentlich möchte Rolf Pfeifer dies auch bleiben. Doch die Uni Zürich sieht für das Institut keine Zukunft.

Der Roboterforscher, der das Land bald verlässt: Rolf Pfeifer sitzt neben «Roboy». (Bild: Uni Zürich)

Der Roboterforscher, der das Land bald verlässt: Rolf Pfeifer sitzt neben «Roboy». (Bild: Uni Zürich)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Swiss LX188, Abflug Zürich 13.05 Uhr, Ankunft Shanghai 7.05 Uhr – sechs Stunden Zeitverschiebung. Am 22.Juli, nach einer Flugzeit von zwölf Stunden, wird Rolf Pfeifer dort landen, wo er für sich und seine Frau ein neue Zukunft sieht. Nach einigen Wochen Shanghai wird er für ein Jahr in Japan sein, an der Universität Osaka. Und dann definitiv in Shanghai leben.

«So ist der Plan.» Ob er ihn einhalten wird, bleibt offen. Denn in Stein gemeisselt ist bei Rolf Pfeifer nichts. In seinem bisherigen Leben ist der 67-Jährige schon mehrfach dort gelandet, wo ihn sein Beruf und sein unermüdlicher Forscherdrang hinführten: Boston, Brüssel, Massachusetts, San Diego, Peking, München, Paris, Tokio. In Amerika habe er total sechs Jahre lang gelebt, erzählt der Weltenbummler im Zeichen der Wissenschaft.

Rolf Pfeifer ist Professor für Robotik, einer der weltweit führenden Köpfe zum Thema künstliche Intelligenz und geistiger Vater des humanoiden Roboters «Roboy». Embodiment ist der Fachausdruck für das, was ihn so interessiert: das Zusammenspiel zwischen Gehirn, Körper und Umwelt. Weil er für seine Leidenschaft an der Uni Zürich, wo er bis jetzt einen Lehrstuhl und ein Forschungslabor hatte, keinen Nachfolger und keine Zukunft sieht, hat er die Zelte abgebrochen und macht in Asien weiter.

Vorlesung für die ganze Welt

Das Büro im multifunktionalen Unigebäude an der Andreasstrasse 15 in Zürich-Oerlikon ist geräumt, die Gestelle sind leer, die Bildschirme auf dem Pult sind ausgeschaltet. Seine Abschiedsvorlesung hat der emeritierte Professor schon gehabt, die Veranstaltung unter dem Motto «A Scientist’s Odyssey in a Globally Networked Society» in der Aula des Unihauptgebäudes wurde per Video in die Welt übertragen. Für die Australier dauerte die Liveübertragung mit anschliessender Wissenschaftsrunde bis morgens um 4 Uhr.

Pfeifer verlässt Zürich mit etwas Wehmut, aber ohne Gram. «Die Schweiz ist eigentlich ein sehr gutes Pflaster für Robotik – einfach die Uni Zürich nicht.» Vor allem mit der EPF Lausanne und mit der ETH hat Pfeifer eng zusammengearbeitet, betreute unter dem Oberbegriff National Center of Competence in Research (NCCR Robotics) diverse Forschungsprojekte des Nationalfonds, die eigentlich noch gar nicht ausgelaufen wären. «Da läuft sehr viel gutes Zeug», schwärmt Pfeifer. Und dennoch zieht er weg. In Japan könne er sich vermehrt auf angewandte Forschung konzentrieren. Und das Wissen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen.

«Robots on Tour» hiess ein Event, den er vor einem Jahr im Puls 5 in Zürich-West organisiert hatte. Die Robotershow wurde ein Riesenerfolg – die Besucher warteten bis zu dreieinhalb Stunden lang auf Einlass.

Ein Roboter für die Réception

Forschung, wie sie Rolf Pfeifer betreibt, ist längst nicht mehr an einen Standort gebunden: Globale Vorlesungen haben das Grübeln im stillen Kämmerlein abgelöst. «The ShanghAI Lectures» ist eines jener international ausstrahlenden Seminare über künstliche Intelligenz, die Pfeifer vor fünf Jahren an der Uni Zürich initiiert hatte. Eine seiner Hauptaufträge in Osaka wird die internationale Öffnung sein. Zudem stehen Projekte der angewandten Forschung an: ein Roboterkopf, der als Réceptionist am Eingang eines Firmengebäudes den Empfang der Kunden übernehmen soll; Roboter, die beliebige Verletzungen vortäuschen und so zur Ausbildung von Ärzten und Physiotherapeuten eingesetzt werden können; zudem wären, was allerdings nicht Pfeifers eigentliches Forschungsgebiet ist, letzte Knacknüsse der selbst fahrenden Autos zu lösen: das Reagieren in kritischen Verkehrssituationen wie das Erkennen der Intention eines Fussgängers. In fünf bis spätestens zehn Jahren würden auch in der Schweiz erste Modelle von Autos ohne Fahrer auftauchen, ist Pfeifer überzeugt. Technisch seien die meisten Probleme gelöst, nicht aber juristisch: Wer haftet bei einem Unfall mit einem Autopiloten?

Soft-Robotik mit «Roboy»

Pfeifers Spezialgebiet ist aber weniger der Standardroboter als vielmehr das Zusammenspiel zwischen Gehirn und der Informationsverantwortung mit dem Körper und der Umwelt. «Ich denke, also bin ich»: Dieser berühmte Satz des Philosophen René Descartes, wonach das Gehirn alles zu steuern vermag, ist für Pfeifer keine gute Metapher dafür, menschliche Intelligenz zu verstehen. Das Gehirn sei vielmehr als Teil des Organismus engen Interaktionen unterworfen.

Und weil ein menschlicher Körper zu 85 Prozent aus weichen Materialien besteht, muss sich das Gehirn als Teil eines dynamischen Prozesses einordnen, um die Muskeln zu bewegen. «Soft-Robotik» heisst dieses Spezialgebiet. Noch kann Pfeifers «Roboy», den er vor einem Jahr der Öffentlichkeit vorführte, nicht selbstständig gehen – aber sitzend die Beine baumeln lassen, die Arme ausbreiten und Hände schütteln.

Buchhalter? Roboterforscher!

«Ich wollte gar nie Roboter bauen», erinnert sich Rolf Pfeifer, «es war eine Verkettung von Zufällen.» Aufgewachsen ist er «im grössten Spiesserquartier»: in Wollishofen. Laut seinen Eltern hätte er Buchhalter werden sollen. Weshalb er sich in der Handelsschule langweilte, ohne Berufsziel die Matur erledigte, um dann einfach «ein schwieriges Studium» zu wählen: Physik und Mathematik.

«Das Komplizierte faszinierte mich. Rasch kreativ sein ohne immenses Vorwissen.» Zahlreiche Kontakte zu Spezialisten anderer Forschungsgebiete sollten ihn dazu bringen, viel über Psychologie und Methoden der künstlichen Intelligenz zu lernen. Den endgültigen Zugang zu seinem Spezialgebiet eröffnete ihm ein einjähriger Forschungsaufenthalt an der Freien Universität Brüssel. Und jener legendäre Workshop in Belgien, in einem früheren Augustinerkloster, wo sich «spannende Leute» trafen, nächtelang Bier tranken und darüber philosophierten, «dass sich ein menschlicher Körper nicht nur vom Gehirn, sondern auch vom Körper selber und der Interaktion mit der Umwelt steuern lässt».

Zürich oder Shanghai: Professor Pfeifer ist dort zu Hause, wo er seine Leidenschaft ausleben kann. Dass sein Renommee als Robotikforscher selbst ins Privatleben vordringt, liegt auf der Hand: Vor einem Jahr hat Pfeifer zum zweiten Mal geheiratet. Die Hochzeitsfeier fand mit einer Riesenparty auf dem Dach eines Hochhauses in Shanghai statt – die Zeremonie hatten zwei Roboter übernommen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 05.07.2014, 12:21 Uhr

Artikel zum Thema

Roboy benimmt sich manchmal kindisch

Bildstrecke Die Uni Zürich gehört bei der künstlichen Intelligenz zu den weltweit führenden Forschungsstätten. Nun stellte Professor Rolf Pfeifer einen Roboter mit einem Bewegungsapparat ähnlich dem des Menschen vor. Mehr...

«So etwas wie eine zweite industrielle Revolution»

«Tages-Anzeiger»-Forum Am «Tages-Anzeiger»-Forum zum Thema Algorithmus diskutieren Wirtschaftsleute, Wissenschaftler und Start-up-Unternehmer über Big Data. baz.ch/Newsnet hat mit drei von ihnen gesprochen. Mehr...

Zur Person

Rolf Pfeifer ist am 24.Februar 1947 geboren und in Zürich-Wollishofen aufgewachsen. Er studierte Physik und Mathematik an der ETH Zürich und machte den Doktor in Computerwissenschaften. Danach arbeitete er drei Jahre an der Carnegie Mellon University und der Yale University in den Vereinigten Staaten. Seit 1987 war er Professor für Computerwissenschaften am Institut für Informatik der Universität Zürich und Direktor des Labors für künstliche Intelligenz.

In diversen Sabbaticals war er unter anderem an der Freien Universität Brüssel (Belgien), am MIT Artificial Intelligence Laboratory in Cambridge, USA, und am Neurosciences Institute in San Diego. Rolf Pfeifer ist verheiratet, Vater zweier erwachsener Kinder und wohnt noch bis zum 22.Juli in Zürich.

Blog

Kommentare

Die Welt in Bildern

Wässern für die Kameras: First Lady Melania Trump posiert mit Giesskanne im Garten des Weissen Hauses in Washington DC. (22. September 2017)
(Bild: Michael Reynolds/EPA) Mehr...