Der Suizid, die SBB und die Männer

Die SBB haben eine Tagung zum «Schienensuizid» veranstaltet. Doch eine öffentliche Problematisierung findet nicht statt, denn Selbsttötungen sind in unseren ­Breitengraden ein Männerphänomen.

Wählen öfter den Freitod: Selbsttötungen sind in unseren ­Breitengraden ein Männerphänomen. (Symbolbild)

Wählen öfter den Freitod: Selbsttötungen sind in unseren ­Breitengraden ein Männerphänomen. (Symbolbild) Bild: Keystone

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Die SBB haben eine Tagung zum «Schienensuizid» veranstaltet. In der Medienmitteilung der SBB heisst es: «Die SBB sind bei jedem Schienensuizid in hohem Grad betroffen. Suizide führen zu grossem menschlichem Leid bei Betroffenen, Angehörigen, Kunden und Mitarbeitenden. Zudem haben Schienen­suizide grosse Auswirkungen auf den Schienenverkehr.» Und: «Die SBB haben bereits Massnahmen eingeleitet, die eine gute suizidpräventive ­Wirkung haben. So wurde 2014 eine nationale Kommunikationsmassnahme mit der Dargebotenen Hand zu ihrem Hilfsangebot realisiert.»

Das sind wichtige Themen, und sie sind umso wichtiger, als sie bisher öffentlich nicht diskutiert wurden. Eine andere Problematik blenden die SBB allerdings «zielsicher» aus: den geschlechts­spezifischen Aspekt. Weder im Tagungsprogramm noch im Medienbulletin wird er erwähnt; da er auch in der Presseberichterstattung zum Event nirgendwo zu lesen ist, dürfte der Schluss nahe­liegen, dass ihn die SBB schlicht «vergessen» haben.

Das ist erstaunlich. Selbsttötungen sind in unseren ­Breitengraden ein Männerphänomen, und das gilt für den Schienensuizid zumal; Frauen wählen im Regelfall sanftere Methoden. Auf eine dies­bezügliche Frage antworten die SBB nicht. Überhaupt ist es schwierig, Informationen zu erhalten. Einer telefonischen Anfrage wird beschieden, das Ganze schriftlich einzureichen. Eingereicht – notabene ausführlich und präzis –, wird erbeten, das Ganze noch einmal genauer zu formulieren. Nach dezenter Kritik an diesem umständlichen ­Verfahren wird schulmeisterlich festgestellt, dass das überhaupt nicht umständlich sei. Die ­eigentliche Frage nach dem Männlich­keits­aspekt bleibt unbeantwortet. Das muss wohl abgebucht werden unter dem Stichwort ­«Arroganz der Staatsbetriebe».

«Toter Vater ist Rücksicht in höchster Vollendung»

Retour zum Thema: Mehr als zwei Drittel der Suizidtoten in der Schweiz sind Männer. In der Adoleszenz sind gar 86 Prozent der Suizidtoten männlich. In den vergangenen vier Jahren ist die Suizidquote von Männern und Buben übrigens noch einmal deutlich angestiegen, während jene, die Frauen und Mädchen betrifft, kontinuierlich abnimmt. Eine öffentliche Problematisierung ­dieser Fakten ist bisher ausgeblieben. Es gehört wenig Fantasie dazu, sich vorzustellen, wie es im umgekehrten Falle wäre. Aber für Männer ­einzutreten, lohnt sich offenbar nicht mehr. Die englische Autorin Maureen Green notiert : «Ein ; ein Bestseller und ein Film tragen den Titel «Nur ein toter Mann ist ein guter Mann». Diese Entwertung von Männern ist nicht auf unseren Kulturkreis beschränkt.

Die kalifornische ­Journalistin Joan Ryan äusserte vor Kurzem im San Francisco Chronicle ihr Entsetzen über den Freitod eines jungen Studenten und notiert: ­«Jungen begehen 86 Prozent aller Suizide von Heranwachsenden. Sechsundachtzig Prozent.» Diese Zahl – so berichtet sie – verschlug ihr die Sprache, zumal als Mutter eines Sohnes. «Wenn 86 Prozent der Suizide auf Mädchen entfielen, gäbe es sofort eine nationale Kommission, die die Gründe dafür herauszufinden hätte.» Es gäbe Titelgeschichten und Talk­shows, und Stiftungen würden Geld geben, damit Soziologen und ­Psychologen das Phänomen ergründeten. «Meine feministischen Schwestern und ich würden ­fragen, was läuft falsch in einer Kultur, die ­Mädchen – mehr als Jungen – dazu treibt, sich ­selber das Leben zu nehmen. Aber warum fragen wir nicht, was mit einer Kultur nicht in Ordnung ist, die Jungen – viel mehr als Mädchen – dazu zwingt, sich umzubringen.»

Eine wissenschaftliche Untersuchung des österreichischen Sozialministeriums hat ergeben, dass Männer zwischen der Akzeptanz eines ­persönlichen Problems und der Problemlösung im Durchschnitt zirka sechs Jahre benötigen. Sie trauen sich einfach nicht. Ein Mann darf – nach ­traditioneller Anschauung – seine Probleme nicht offenbaren, sonst ist er kein Mann mehr. ­Männlichkeit ist Perfektion, Autarkie und Erfolg. In der Basler Zeitung war unlängst die folgende Todesanzeige zu lesen : «Nie hast du dich beklagt, nie gejammert, warst immer ausgeglichen und zufrieden, bist deinen Weg gegangen, und als du einmal Hilfe brauchtest, wolltest du niemanden belasten.» Mit diesen Worten wurde eines 40-­jährigen Mannes gedacht, der sich selber getötet hatte.

Die Definition «Männlichkeit»

Die amerikanischen Bubentherapeuten Dan Kindlon und Michael Thompson merken an: «Wenn Männlichkeit als zu erreichende Leistung definiert ist, wird sie zu einem Preis, der ­gewonnen oder durch Kampf errungen werden muss, und somit zu einem prekären oder ­künstlichen Zustand.» Eine männliche Identität, die leistungsbegründet ist, sei nicht auf ­dauerhafte Weise herzustellen. Das ist nicht nur anstrengend; es ist eindeutig eine Überforderung.

Die männliche Rolle von Härte, Erfolg und Leistung zieht sich nur konsequent ins Suizid­verhalten selbst. Wenn Männer sich umbringen, gelingt dieser Versuch fast ausnahmslos auch. Wer sich wie Ernest Hemingway die Jagdflinte in den Mund setzt und abdrückt oder sich wie Robert Enke, Goalie der deutschen Fussballnationalmannschaft, unter einen Zug wirft, kann nicht mehr gerettet werden. Er ist dann auch im Tod erfolgreich, so makaber das klingt.

Diese männliche Logik müsste endlich ­durchbrochen werden. Es ist gut gemeint, wenn die SBB ihre Leute zur Suizidprävention anhalten; aber ein verzweifelter Mann wird sich nicht von einem SBB-Angestellten auf dem Perron von ­seiner Tat abhalten lassen. Vielmehr müsste der tiefere Zusammenhang von Suizid und Männerrolle gesellschaftlich angegangen werden. Das macht in der Schweiz aber niemand, nicht das Bundesamt für Gesundheit, nicht die Pro Juventute, nicht die Kirchen, auch nicht die Dargebotene Hand. Eben: niemand. (Basler Zeitung)

Erstellt: 01.06.2015, 11:11 Uhr

Der Basler Walter Hollstein ist emeritierter Professor für politische Soziologe, Gutachter des Europarates für Männerfragen und Autor des Sachbuchs «Was vom Manne übrig blieb. Das missachtete Geschlecht» (2012). (Bild: Nicole Pont)

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