Der Untergang des Sonnenkönigs

In Deutschland ist das grösste Solarunternehmen bankrott. Ein paar Lehren für die Schweiz – und Doris Leuthard.

Am Ende sitzen alle im Schatten. Der Gründer und Chef der insolventen Solarworld, Frank Asbeck, und Energieministerin Doris Leuthard.

Am Ende sitzen alle im Schatten. Der Gründer und Chef der insolventen Solarworld, Frank Asbeck, und Energieministerin Doris Leuthard. Bild: Keystone

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Am vergangenen Mittwoch hat Solarworld, das grösste Unternehmen der deutschen Solarindustrie, Konkurs angemeldet. Seit sechs Jahren nur rote Zahlen vorweisend, ist es dem im wahrsten Sinne des Wortes schillernden Gründer und Chef der Firma, Frank Asbeck, offenbar nicht mehr gelungen, frisches Geld zu finden oder seine Produkte mit höherer Rendite abzusetzen. Seine Firma ist, so hört man, hoffnungslos überschuldet. Zwar scheint Asbeck – kein Mann des übertriebenen Selbstzweifels – nach wie vor überzeugt, alles richtig gemacht zu haben und die besten, modernsten, smartesten Solarzellen der Welt im Angebot zu haben, zwar schimpft er – als hätte er Donald Trump zu oft gehört – über China und dessen ­hinterhältige Preispolitik bei Solarprodukten, die dazu geführt hätten, dass der gute europäische Hersteller chancenlos blieb, zwar hat er in Brüssel sogar erreicht, dass die EU mit Strafzöllen die ­Chinesen plagte: Doch alles half nichts.

Der Untergang der Firma, die zuletzt 3300 Mitarbeiter beschäftigt hat, ist ein perfektes Beispiel, warum es immer falsch ist, wenn der Staat und seine Politiker Gott spielen und ­Industrien mit viel Steuergeld fördern, im ­Glauben, es besser zu wissen als der Markt. Der Untergang von Frank Asbeck, den die deutschen Journalisten als «Sonnenkönig» verklärten, in der ­Meinung, einen Steve Jobs der Sonne gefunden zu haben: Auch er persönlich ist ein Muster­beispiel von Unter­nehmer, der sich mehr aus ­politischen als aus ­wirtschaftlichen Gründen durchgesetzt hat.

Unter Freunden

Er lebte von den richtigen Verbindungen, er hatte die richtige Biografie, um in der Solar­industrie, einer staatlich geförderten, hochpolitisierten Hoffnungsindustrie eine Rolle zu spielen. 1979 gehörte er zu den Initianten des ersten ­grünen Landesverbandes in Nordrhein-Westfalen, was ihm in den Augen derer, die an die Sonne glaubten, eine gewisse Street Credibility verlieh, eine Glaubwürdigkeit im Milieu, die es brauchte, um Erfolg zu haben im später entstehenden ökologisch-ökonomischen Komplex. Alles fügte sich ineinander: 1998 gewann der Sozialdemokrat Gerhard Schröder die Wahlen und bildete die erste rot-grüne Bundesregierung der deutschen Geschichte; und 1998 gründete Frank Asbeck die Solarworld. Wenn auch das Timing Zufall ­gewesen sein mag, es war klug, es war ideal: Unterstützt, gepflegt, verwöhnt, geliebt und verehrt von einer rot-grünen Regierung, die die «Energiewende» einleitete und sich nach Belegen sehnte, dass sie auch richtiglag, stieg die Solarworld nun innert kürzester Zeit zu einem der grössten Solarproduzenten der Welt auf und zum Darling der Politiker. Selbst die Börse ergab sich dem Sonnenkult, und die Firma brachte es 2007 auf eine Kapitalisierung von sage und schreibe 4,7 Milliarden Euro. Der Sonnenkönig an der Macht.

Bedeutete das nicht den Triumph des rot-­grünen Kapitalismus? War es nicht Beweis dafür, dass man beides haben konnte: atomfreien Strom und Arbeitsplätze und Wachstum? Was die Börse aber wohl eher prämierte: Wer von so viel ­Subventionen überschüttet wurde, konnte nicht ­scheitern, also wollten sich die Anleger daran beteiligen. Wer darin ein Wirtschafts­wunder ­erblicken wollte, durfte das, tatsächlich war es ein Wunder der Staatskunst. Mit ­Milliarden hat der deutsche Staat die ­erneuerbaren Energien, wie etwa Sonne und Wind, gefördert, unter anderem mit der ­sogenannten Einspeisevergütung, einem unübertrefflich schönfärberischen Begriff, wie ihn nur die deutsche Bürokratie erfinden kann – und geduldig zahlte der Konsument und moderne Untertan, damit der Sonnenkönig sich immer prächtigere Paläste leisten konnte. Asbeck, ein ausgebildeter Ingenieur, wurde ­Multimillionär, erwarb von Thomas Gottschalk ein Schloss und fuhr im Maserati herum. Kein Schatten schien ihn kümmern zu müssen, kein anderer Unternehmer wirkte heiliger. Die ­Journalisten lagerten an ­seinem Hof und sangen grüne Duette.

Sechs Jahre rote Zahlen, sechs Jahre Elend. Dass die Chinesen, selber Staatskapitalisten, Asbeck das Leben schwer machten und ihn am Ende erledigten, hat etwas Ironisches und Bezeichnendes zugleich: Wenn die Deutschen die Sonnenenergie schon besinnungslos subventionieren wollten, warum sollten sich davon nicht die Chinesen einen Beitrag an ihre Entwicklung abzweigen? Indirekt finanzierte der deutsche Steuerzahler damit die Industriepolitik des ­Reiches der Mitte. Weil die Politiker vorgaben, alles zu zahlen, was nach Sonnenlicht aussah, fiel es den Chinesen nicht so schwer, diese Signale zu verstehen. Den Markt zu verstehen ist anspruchsvoller als die Versprechen der Politiker richtig zu interpretieren.

Ein Platz an der Sonne?

Der Untergang der deutschen Solarworld ist auch eine Warnung für uns Schweizer. Die ­Deutschen durften nie über ihre Energiewende abstimmen, nein, sie wählten die rot-grüne Regierung, die dafür verantwortlich war, 2005 sogar ab – unter anderem weil die Bürgerlichen unter Angela Merkel versprochen hatten, die rot-grüne Energiepolitik zu korrigieren, was sie später an der Macht zum Teil auch taten, bis 2011 der ­Atomunfall von Fukushima wieder alles in einem anderen Licht erscheinen liess. Bundeskanzlerin Angela Merkel, Virtuosin der tausend Wenden, die noch kurz zuvor die Laufzeit der Atomkraftwerke ­verlängert hatte, verfügte nun den ­definitiven Ausstieg aus der Atomkraft bis 2022. Die ­Förderung der Erneuerbaren schien nun auf ­Ewigkeiten gesichert.

Frank Asbeck kann das nicht mehr helfen. Von den Hunderttausenden von neuen Arbeitsplätzen, die die «grüne Wirtschaft» und die Energiewende laut ihren Vordenkern angeblich hätten bringen sollen, ist wenig übrig geblieben. Allein die Beschäftigten in der deutschen Solarindustrie schrumpften von 115 000 (2012) auf 50 000 zusammen (2014); bald dürfte kaum mehr ein Arbeitsplatz überlebt haben. Von den hohen­ ­Zielen, die man sich vorgenommen hatte, ­insbesondere, was den Ausstoss von CO2 ­anbelangt, haben die Deutschen bisher so gut wie nichts erreicht. Es war ein schönes, teures, ­sinnloses Abenteuer.

Niemand auf der Welt hat Lust, es den ­Deutschen gleichzutun – ausser Doris Leuthard in Bern, unsere Energieministerin. Auch sie legt uns nun ein Energiegesetz vor («Energiestrategie»), wo die Erneuerbaren, Sonne und Wind, ­besinnungslos mit unserem Geld subventioniert werden sollen, in der Hoffnung, damit eine neue, überlebensfähige Industrie zu schaffen; auch sie will die Ziele noch erreichen, die weder die ­Deutschen noch irgendjemand sonst je erreicht hat, auch sie sucht einen Platz an der Sonne – wogegen wir alle am Ende im Schatten sitzen.

Am 21. Mai stimmen wir darüber ab, ob wir die Fehler der Deutschen ebenfalls begehen ­wollen. Noch haben wir die Gelegenheit, Nein zu sagen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 13.05.2017, 08:07 Uhr

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