Der bürokratische Apparat, der wächst und wächst

In der Schweiz werden zurzeit 523 Beamtenstellen geschaffen – monatlich. Geht es nach dem britischen Soziologen Cyril Northcote Parkinson, sind für dieses Wachstum vor allem zwei Gründe verantwortlich.

Arbeit als dehnbare Masse: Beamter in Bern. (Archivbild)

Arbeit als dehnbare Masse: Beamter in Bern. (Archivbild) Bild: Keystone

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Innerhalb von nur vier Jahren wurden bei Bund, Kantonen und Gemeinden 25'100 Stellen geschaffen. Oder anders gerechnet: Jeden Monat nehmen 523 Neo-Beamte in den Verwaltungen der Schweiz Platz.

Die Zahlen, welche die «Schweiz am Sonntag» publik machte, klingen imposant. Sie zeigen vor allem, dass der Staat allen anderen Institutionen und Firmen als grösster Arbeitgeber längst den Rang abgelaufen hat. Ein Vergleich: Mit 183'000 Mitarbeitenden beschäftigt die staatliche Verwaltung inzwischen dreimal so viele Menschen wie der grösste private Arbeitgeber des Landes, die Migros.

Kostenverschlingendes Wachstum

Obwohl das Schaffen von Arbeitsplätzen zum Ziel jeder Wirtschaft gehört, bereitet dieser Zuwachs auch Grund zur Sorge. Mit Blick auf die hoch verschuldeten Eurostaaten lässt sich das Phänomen des kostenverschlingenden Bürokratiewahnsinns gut darstellen. Zwar ist die Schweiz noch meilenweit von den Dimensionen Griechenlands entfernt, wo der Verwaltungsapparat jährlich sieben Prozent des Bruttoinlandproduktes verschlingt. Aber ein Stellenanstieg um 25'000 auf 183'300 innerhalb von nur vier Jahren kann alarmieren.

Zumindest dann, wenn man sich die Thesen von Cyril Northcote Parkinson vor Augen führt. Vor gut 50 Jahren hat der britische Soziologe in einem Artikel im «Economist» erstmal sein Parkinsonsches Gesetz (Parkinson's Law) zur bürokratischen Ineffizienz formuliert. Seine bisweilen humorvollen, aber immer ernst gemeinten Beobachtungen erschienen wenig später in Buchform und haben bis heute Gültigkeit. Regelmässig werden sie von Politologen und Soziologen rezitiert, wenn wieder einmal auf überbordendes Bürokratiewachstum hingewiesen werden soll.

Arbeit als dehnbare Masse

Gemäss Parkinson ist Arbeit eine dehnbare Masse. Sie breitet sich nicht nach dem Masse ihrer Komplexität aus, sondern je nach dem, wie viel Zeit für ihre Erledigung zur Verfügung steht. Eine Rentnerin beispielsweise kann einen ganzen Vormittag damit zubringen, eine Geburtstagskarte für ihre Nichte zu kaufen, zu beschreiben und abzusenden; ein vielbeschäftigter Manager erledigt das in fünf Minuten.

Nach Parkinsons Theorie steht die Zahl der Angestellten in aufgeblähten Verwaltungsapparaten in keinem Verhältnis zur Menge der Arbeit, die es zu erledigen gilt. Selbst wenn immer weniger zu tun sei, wachse die Zahl der Beamten – einem Naturgesetz gleich – immer weiter. Dafür macht Parkinson zwei Gesetzmässigkeiten verantwortlich:

  • Jeder Angestellte wünscht, die Zahl seiner Untergebenen, nicht jedoch die Zahl seiner Rivalen zu vergrössern. Angestellte tendieren demnach nicht ihre Arbeitsaufgaben mit einem weiteren Kollegen zu teilen, denn dieser könnte sich als Rivale entpuppen. Vielmehr wird er versuchen Untergebene zu bekommen, die nicht in Konkurrenz stehen. Um ebenfalls wichtig zu wirken und Arbeit weiterzugeben, stellen die Untergebenen ihrerseits wiederum Arbeiter an. Kümmerte sich anfangs eine Person um die Arbeit, sind es nun mehrere Angestellte, die sich um mehr oder weniger die selbe Aufgabe kümmern.

  • Aus dem Sachverhalt unter Punkt 1 ergibt sich eine weitere Gesetzmässigkeit: Angestellte schieben sich gegenseitig Arbeit zu. Jedes Papier wird über die verschiedenen Hierarchieebenen gereicht, verändert, abgestimmt, unterzeichnet und bald brauchen die Angestellten für ein einfaches Schreiben mehr Zeit als die Rentnerin mit ihrem Geburtstagsgruss.

Triviale Themen nehmen mehr Zeit ein

Zu den zeitraubenden Sitzungen schuf Parkinson folgendes Gesetz der Trivialität: «Die auf einen Tagesordnungspunkt verwendete Zeit ist umgekehrt proportional zu den jeweiligen Kosten.» Dabei schildert Parkinson die Sitzung eines Finanzausschusses, in der es um die Bewilligung eines Atomreaktors ging. Während der Kostenpunkt bei 10 Millionen Dollar lag, wurde dafür 2 ½ Minuten diskutiert. Die Diskussion über einen neuen Fahrradunterstand für 2350 Dollar nahm hingegen 45 Minuten der Sitzungszeit in Anspruch.

Parkinsons Schluss: In Sitzungen werden nicht die wichtigsten Themen am ausführlichsten diskutiert, sondern die, von denen die meisten Teilnehmer eine Ahnung haben. Da es eher triviale Themen und Randaspekte sind, von denen am meisten verstanden wird, nehmen sie den breitesten Raum ein. Eine Gesetzesmässigkeit, die es sicherlich nicht nur in öffentlichen Verwaltungen zu beobachen gibt. Michail Gorbatschow, der als ehemaliger Präsident der Sowjetunion den Bürokratieabbau in die Wege leitete, sagte einst: «Das Parkinsonsche Gesetz funktioniert überall.»

(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 29.12.2013, 16:25 Uhr

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