Der eigensinnige Herr Stich

Otto Stich ist im Alter von 85 Jahren gestorben. 2011 hat der Alt-Bundesrat unter dem Titel «Ich blieb einfach einfach» seine Memoiren veröffentlicht. Dazu erschien am 13. Dezember dieser Artikel.

«Ein Zeichen glühender Liebe»: Otto Stich (84) in typischer Pose - mit Pfeife, Veston und Krawatte.

«Ein Zeichen glühender Liebe»: Otto Stich (84) in typischer Pose - mit Pfeife, Veston und Krawatte. Bild: Keystone

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Manchmal war es zum Haareraufen. Da hatten die Bürgerlichen eben eine Motion zu den Stempelabgaben durchgedrückt, und was machte der zuständige Finanzminister, SP-Bundesrat Otto Stich? Nichts. Nun reichte es Ernst Mühlemann, dem mittlerweile verstorbenen FDP-Nationalrat. Er ging nach vorne, um dem störrischen Stich ins Gewissen zu reden.

«Herr Bundesrat, jetzt müssen Sie dem Parlament endlich gehorchen.» «Glauben Sie ja nicht, dass ich wegen einem Motiönli gehorche.» «Dann müssen wir Sie abwählen.» «Sie können es ja probieren. Es gibt verschiedene Numismatiker auch in Ihrer Partei, die mich nicht abwählen.»

Ist das noch Eigensinn? Oder bereits Starrsinn? Otto Stich hat es seinen Gegnern nie einfach gemacht, aber auch sich selbst nicht und seinen Freunden. Das ist keine geringe Leistung. Wenn Politiker oft als Opportunisten karikiert werden, die ihr Fähnlein in den Wind hängen – Otto Stich war es nicht: Er legte sich mit den Medien an und mit seiner Partei, er litt darunter und hielt doch Stand, hartnäckig, eigensinnig, stur. Am Ende dieser Karriere steht ein Lob von unverdächtiger Seite: Stich sei sicherlich der populärste Bundesrat der Schweiz gewesen, denn «er war der glaubwürdigste von allen», schrieb Peter Uebersax, legendärer Chefredaktor des «Blick», in seinen Memoiren. Zuvor, in den Achtzigerjahren, hatte er unablässig gegen Stich angeschrieben – vergebens: Stich blieb Stich, hartnäckig, eigensinnig, stur.

Politisch gespaltene Welt

Er selber sieht das etwas anders: «Ich blieb einfach einfach», so der Titel seiner Memoiren, die heute erscheinen. Die Geschichte, die Stich erzählt, beginnt 1927 im solothurnischen Dornach. Es ist eine politisch gespaltene Welt, in die er hineingeboren wird: das Elternhaus sozialdemokratisch, das Dorf freisinnig. 1932, in der Wirtschaftskrise, verliert der Vater seine Stelle als Mechaniker. Es ist die früheste Kindheitserinnerung des kleinen Otti, ein prägendes Erlebnis. «Warum kann jemand nicht arbeiten, wenn er doch arbeiten will? Ich konnte das damals noch nicht verstehen.» Später studierte er Wirtschaft, weil er es verstehen wollte: Aus dem Arbeiterbub wurde ein Ökonom.

Otto Stich ist ein Aufsteiger, und wie alle Aufsteiger besitzt er eine gehörige Portion Ehrgeiz. Früh schon engagierte er sich in der Gemeindepolitik, mit 30 wurde er Dornacher Ammann, als erster und bislang einziger Sozialdemokrat. Im selben Jahr, 1957, heiratete er Trudi Stampfli, Tochter des freisinnigen Gerichtsschreibers von Dorneck-Thierstein. Als er um ihre Hand anhielt, steckte er vor Nervosität die brennende Pfeife in die Vestontasche, «wo sie kräftig zu rauchen begann – wie ein Zeichen glühender Liebe».

Die 68er blieben ihm fremd

Pfeife und Veston – der Otto Stich von damals, der uns auch auf Fotos entgegenblickt, unterscheidet sich vom Otto Stich von heute nur durch das Gesicht, das noch faltenlos ist, und vielleicht noch durch die schlankere Statur. Stich ist in einer Zeit aufgewachsen, als man früh erwachsen werden wollte, als die Söhne die Väter nachahmten, in Kleidung und Gewohnheiten, und nicht zuletzt deshalb hielt er immer Distanz zu den 68ern in seiner Partei. Diese suchten den Bruch mit der Vätergeneration, und zwar in allem, äusserlich, lebensweltlich, politisch. «Die Unzufriedenheit mit dem Staat, den Behörden und den Parteien, wie sie sich 1968 entlud, war und blieb mir fremd», schreibt Stich.

Damals, 1968, sass Stich im Nationalrat und machte seine ersten Erfahrungen mit der sogenannten «Viererbande», jener Gruppe von Sozialdemokraten, die später die Partei prägen sollte. Mit Namen: Andreas Gerwig, Helmut Hubacher, Walter Renschler und Lilian Uchtenhagen. «Ein kleiner, elitärer, machtversessener Zirkel. Er logierte kaum je im einfachen Volkshaus, dem heutigen Hotel Bern. Dort sassen wir Volkshäusler, für manche die ‹Volkshaus-Mafia›.» Stichs Ton wird schärfer, wenn er über die Viererbande schreibt, es sind Narben zurückgeblieben. 1983 war es, als Lilian Uchtenhagen dem verstorbenen SP-Bundesrat Willy Ritschard nachfolgen sollte. Die Viererbande brachte die Fraktion auf Linie, der Triumph schien zum Greifen nah: die erste Frau im Bundesrat – es wäre ein historisches Ereignis gewesen.

Ruhe in Dornach

Das Telefon erreichte Stich am Abend vor dem Wahltag. Sein Studienkollege Felix Auer, Nationalrat der FDP, wollte von ihm wissen, ob er der Partei versprochen habe, eine allfällige Wahl abzulehnen. Stich verneinte – es hatte ihn niemand darum gebeten. Wenig später meldete sich der sozialdemokratische Bundeskanzler Walter Buser. Er stünde unter grossem Druck und habe der Partei versprechen müssen, eine Wahl in den Bundesrat abzulehnen. Er, Otto, solle das Telefon doch ausschalten, wenn er sich alle Optionen offenhalten möchte. Stich befolgte den Rat, kein weiteres Klingen unterbrach an diesem Abend die Ruhe in seinem Haus in Dornach.

Am nächsten Morgen ging Stich normal zur Arbeit. Er war vor Kurzem aus dem Nationalrat ausgeschieden, und so sass er in seinem Büro in Basel, als ihn nun doch ein Telefonanruf erreichte. Es meldete sich der SP-Fraktionschef Dario Robbiani. Die Bundesversammlung habe ihn, Stich, eben in den Bundesrat gewählt, er möge schnellstens nach Bern kommen, die Fraktion verlange eine Aussprache. Mit Polizeieskorte wurde Stich nach Bern gefahren. Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt: Stich nahm die Wahl an, später obsiegte er an einem Parteitag gegen die Parteispitze, die in Reaktion auf seine Wahl die SP in die Opposition führen wollte. Vielen Genossen galt er fortan als sechster bürgerlicher Bundesrat. Sie sollten sich täuschen.

Zwar kämpfte Stich als Finanzminister gegen jede Form der Schuldenwirtschaft, ein sehr bürgerliches Anliegen. Allerdings, und hier liegt der entscheidende Unterschied, war Stich oft bereit, die Steuern zu erhöhen, um ein ausgeglichenes Budget zu präsentieren. Hier dachte er sozialdemokratisch; die Bürgerlichen hätten lieber die Staatsausgaben reduziert. Nicht umsonst schnödete die NZZ über den «Fiskalisten Stich», und Ernst Mühlemann war nicht der einzige Bürgerliche, der am vermeintlich bürgerlichen Stich manchmal verzweifelte.

Adolf Ogi als grosser Gegner

Die grösste Abneigung verband Stich aber mit SVP-Bundesrat Adolf Ogi. Es ist eine der legendärsten Feindschaften der jüngeren Bundesratsgeschichte, zu vergleichen mit jener von Pascal Couchepin und Christoph Blocher. Sagte der eine A, sagte der andere B. Stich störte sich insbesondere an Ogis Lieblingsprojekt, der Lötschberg-Variante der Neuen Alpentransversalen Neat. Früh schon warnte er, die Kosten würden aus dem Ruder laufen. Heute bleibt ihm die grimmige Genugtuung, die Kostenexplosion, die tatsächlich eingetreten ist, vorhergesagt zu haben. In Stichs Worten: «Beim Lötschberg wird das teuerste Denkmal der Schweiz gebaut.»

Doch nicht nur in dieser Frage gerieten die beiden aneinander. Auch in Sachen EU waren sie unterschiedlicher Meinung. Ogi wollte den Beitritt, Stich nicht. Am 18. Mai 1992 traf sich der Bundesrat um sieben Uhr morgens zu einer Sitzung. Eine Traktandenliste gab es nicht, und nach kurzer Diskussion stellte Ogi den Antrag, in Brüssel ein Beitrittsgesuch einzureichen. Vier von sieben Bundesräten unterstützten den Antrag, Stich ist noch heute empört: «Ein derart weitreichender Entscheid wie das EU-Beitrittsgesuch wird in einer kurzen Morgensitzung beschlossen – ohne Traktandierung und ohne schriftliche Begründung!» Sein Urteil ist vernichtend: «Im Rückblick erscheint mir dieseSitzung wie eine staatspolitische Fata Morgana. Es existiert nicht einmal ein Protokoll.»

«Ottos letzter Sieg»

Das Vorgehen trug die Handschrift des einflussreichen Ringier-Journalisten Frank A. Meyer, eines Intimus der Bundesräte Adolf Ogi und Flavio Cotti. Stich nennt ihn den «achten Bundesrat». Auch mit Meyer verbindet ihn eine alte Feindschaft. Als Stich neu im Amt war, lud ihn Meyer zu einem Arbeitslunch ein. Stich antwortete, er pflege beim Essen nicht zu arbeiten und beim Arbeiten nicht zu essen, zudem tue er beides lieber ohne Frank A. Meyer. Der Zorn des Zurückgewiesenen begleitete ihn fortan. Stich, der nah am Wasser gebaut ist, litt darunter.

Und doch wurde er am Ende seiner Karriere noch zum Liebling der Ringier-Presse. Es war eine verrückte Situation, am besten zu beschreiben mit dem berühmten arabischen Sprichwort: «Der Feind meines Feinds ist mein Freund.» 1995, kurz bevor er als Bundesrat zurücktrat, hielt Otto Stich in Zürich eine Rede gegen Christoph Blocher, jenen Politiker, den Meyer noch mehr bekämpfte als Stich. Und so kam es, dass Stich tags darauf in Ringiers «Blick» lesen durfte: «Ottos letzter Sieg».

Sein Nachfolger im Bundesrat wurde Moritz Leuenberger, ausgerechnet ein 68er, denen Stich immer kritisch gegenüberstand. Im Frühjahr 2010 sollte er ihm öffentlich den Rücktritt nahelegen – ein Sakrileg: Alt Bundesräte ziehen sich in aller Regel aus dem öffentlichen Leben zurück, und eigene Parteikollegen greifen sie schon gar nicht an. Otto Stich war es egal. Er ist noch heute, mit über 80, was er ein Leben lang war: eigensinnig. (Basler Zeitung)

Erstellt: 13.09.2012, 13:02 Uhr

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Alt-Bundesrat Otto Stich ist tot Der frühere SP-Bundesrat Otto Stich ist im Alter von 85 Jahren gestorben.

Ein konservativer Sozialdemokrat

Otto Stich steht für die alte, konservative Sozialdemokratie, die skeptisch war gegenüber grossen politischen Visionen und ihren Frieden gemacht hatte mit der Schweiz und ihrem System. Folgende Zitate geben eine Ahnung davon:

Die Schweiz im 2. Weltkrieg

«General Guisan rief die höheren Truppenkommandanten an den Vierwaldstättersee zum historisch gewordenen Rütlirapport. (...) Es ging um eine neue Einsatzdoktrin der Armee. Der Grenzschutz blieb zwar bestehen, doch die Armee konzentrierte sich auf die Sicherung der Alpenübergänge. Das war die Geburtsstunde des Réduit. Und es war vermutlich auch die entscheidende Voraussetzung für das Überleben einer unabhängigen Schweiz.»

Atomkraft

«An ein Radiointerview erinnere ich mich besonders gut. Darin wurde ich auch über meine Meinung zum geplanten Kernkraftwerk in Kaiseraugst befragt. Mich störe das Vorhaben nicht, war meine Antwort, denn es gebe ja heute schon Kernkraftwerke, unter anderem in Gösgen, in meinem Heimatkanton.»

Die Idee der Selbstverwaltung

«Das also sollte Selbstverwaltung sein: Wenn jeder in seinen Illusionen schwelgt und dabei glaubt, er habe Visionen. Um wenigstens eine Auseinandersetzung zu ermöglichen, ergriff ich das Wort. Die Selbstverwaltungsidee sei nach meiner Meinung ein Weg ins Chaos und setze die Zerstörung der demokratischen Institutionen voraus.» (ebn)

Otto Stich: Ich blieb einfach einfach.
Eine Autobiografie mit Begleittexten von Ivo Bachmann, 144 Seiten. Verlag Johannes Petri.

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