Der grosse Irrtum

100 Jahre Generalstreik. Ein Sieg, eine Niederlage oder ein Lapsus? Eine Replik auf Helmut Hubacher.

Während des Generalstreiks von 1918 sorgte die Armee für die Postbeförderung.

Während des Generalstreiks von 1918 sorgte die Armee für die Postbeförderung. Bild: Keystone

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Vor einer Woche hat Helmut Hubacher an dieser Stelle über den Generalstreik geschrieben, einem Ereignis, das ohne Zweifel zu den grossen unserer Geschichte zählt: Rund 250'000 Arbeiter, Bähnler und Pöstler, Schlosser und Dreher, Mechaniker und Maurer legten im November 1918 für ein paar Tage die Arbeit nieder, und erst nach einem Militäreinsatz, der selbst die Schweiz, das friedliche Land, in bürgerkriegsähnliche Zustände zu versetzen drohte, gaben die Streikenden auf.

Eine «gewaltige Demonstration», hält Hubacher zu Recht fest, die grösste seit je; auf heutige Verhältnisse umgelegt, käme dieser Arbeitskampf einem Aufmarsch von gut einer Million Menschen gleich. Man protestierte gegen Krieg, Not, den Bundesrat, die Armee und die bürgerliche Gesellschaft insgesamt, die, so glaubten die Arbeiter, oder so behaupteten jedenfalls ihre Führer, eine Klassengesellschaft darstellte, wo die einen, die Bourgeoisie, die Kapitalisten, die Bonzen profitierten – und die andern, der grosse Rest, zu kurz kamen, sie hungerten und verzweifelten, geduldig und rechtlos.

Wie immer, wenn Hubacher eine Geschichte erzählt, macht er das glänzend, anschaulich, ehrlich, warm und klug. Oft hat er recht, öfter nicht, zuweilen sind wir einfach unterschiedlicher Meinung, doch im Fall des Generalstreiks liegt er falsch. Seine Darstellung ist sehr einseitig, auch wenn er damit keineswegs allein steht. Was Hubacher vorbringt, entspricht in etwa der Version, wie sie die Linke schon kurz nach dem Ereignis geprägt und wie sie sich seit 1968 in der vorab linken Geschichtsschreibung durchgesetzt hat: Unter den schwierigen Umständen des Krieges, so geht die Rede, hätten sich die Verhältnisse für die Arbeiter, für die Armen und die einfachen Leute dauernd verschlechtert.

Die Lebensmittel wurden teurer, während die Löhne an Kaufkraft verloren, viele Männer wurden ins Militär eingezogen und blieben ohne Verdienst, während ihre Familien vom Staat kaum unterstützt wurden, gleichzeitig ging es einigen wenigen immer prächtiger, weil sie wie etwa die Unternehmer an der Kriegsrüstung verdienten oder wie die Bauern aus den ständig steigenden Nahrungsmittelpreisen Nutzen zogen. Wenn eines aber diese Misere vertiefte, dann die Arroganz der Regierenden. Trotz der offensichtlichen Missstände, so heisst es in dieser Erzählung, zeigten sich die bürgerlichen Politiker, insbesondere der durchwegs bürgerliche Bundesrat, ausserstande, etwas dagegen zu tun, oder man blieb ganz davon unbeeindruckt: Sie sahen nichts, sie hörten nichts, sie wussten nichts.

Kurz, was die Sozialisten seit Jahren vertreten hatten, dass selbst die demokratische, schon damals sehr wohlhabende Schweiz nichts anderes als eine unfaire Klassengesellschaft sei – es schien sich endlich zu bestätigen, sodass es nicht erstaunt, dass nach vier Jahren Krieg die grossen Spannungen zwischen oben und unten sich in einer mächtigen Protestbewegung entluden. Die Linke suchte den Konflikt mit den herrschenden Kreisen, verlor – aber langfristig, so Hubacher, gelangte sie umso mehr an ihr Ziel. Manche Forderungen, die die Streikenden damals gestellt hatten, unter anderem das Proporzverfahren für die Wahl des Nationalrats, das Frauenstimmrecht, die 48-Stunden-Woche oder die AHV, wurden schliesslich eingeführt, einmal früher, einmal später, aber auf jeden Fall. Ohne Generalstreik, ohne den mutigen Kampf der 250'000 wäre das Bürgertum nie oder viel, viel später zu solchen Konzessionen bereit gewesen. Die Niederlage, denn das war der Generalstreik zunächst (das Militär siegte), erwies sich am Ende als ein Sieg.

Auf gutem Weg

Nicht alles an dieser Darstellung ist falsch. Ohne Zweifel nahm die Not während des Krieges zu, doch ausgerechnet im Jahr 1918 besserte sich die Lage deutlich, und zwar etliche Monate vor dem Generalstreik; schon im Sommer 1918 waren umfangreiche Getreidelieferungen aus den USA eingetroffen. Neueste Forschungsergebnisse zeigen, dass von einer «Verelendung» breiter Bevölkerungskreise keine Rede sein konnte, den Schweizern ging es selbst während des Krieges immer noch besser als etwa den Italienern vor dem Krieg. Ein Forscher, der die Grösse von Säuglingen untersucht hat, die während der Kriegszeit in der Schweiz zur Welt gekommen waren, stellte fest, dass die Kinder von Eltern, die der Unterschicht angehörten, grösser wurden, wogegen Neugeborene von gut situierten Eltern eher schrumpften, ein Beleg dafür, dass die Qualitätsunterschiede in der Ernährung zwischen Arm und Reich nicht so ausgeprägt gewesen sein können, wie man früher angenommen hatte. Ebenso wenig trifft zu, dass der Bundesrat verständnislos auf die Not und die Anliegen der Arbeiter reagiert hätte.

Das Oltener Aktionskomitee, jene Organisation von SP und Gewerkschaften, die sich Anfang 1918 gebildet hatte, um die Interessen ihrer Mitglieder wirkungsvoller zu vertreten, konnte schon im Sommer vom Bundesrat zahlreiche Konzessionen erreichen. Unter anderem wurde ein Ernährungsamt eingerichtet, sodass in jenen Tagen selbst Leute wie der spätere Streikführer Robert Grimm der Meinung waren, man habe genug erzielt. An einer Sitzung im August 1918 kamen SP, Gewerkschaften und Oltener Aktionskomitee zum Schluss, dass der Bundesrat «grosse Zugeständnisse» gemacht habe. Hatte man vorher in diesen Kreisen häufig mit dem Gedanken eines «Generalstreiks» gespielt, um politischen Forderungen zum Durchbruch zu verhelfen, schrieb die Berner Tagwacht, ein Organ der Arbeiterbewegung, ebenfalls im August, eine solche Aktion sei «als beendet zu betrachten». Gerade Grimm, der neuerdings einen Sitz im Ernährungsamt besetzte, und dessen Karriere an Fahrt aufnahm, zeigte kaum Interesse mehr an allzu heftiger Konfrontation.

Trotzdem kam es wenige Monate später zum Streik. Warum? Der Militärhistoriker Rudolf Jaun und der Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann sind unlängst in einem ausgezeichneten Aufsatz dieser Frage nachgegangen. Ihre Interpretation hat etwas Bestechendes: Wie so oft schaukelten sich in jenen fatalen Monaten kurz vor Ende eines langen, brutalen Krieges die Extremisten auf beiden Seiten gegenseitig hoch. Im Juli 1918 fand in Basel ein Kongress der schweizerischen Linken statt, wo man darüber entscheiden wollte, ob unverzüglich ein Generalstreik anzustreben sei oder ob man auf weitere Verhandlungen setzte. Mit 277 zu 4 Stimmen beschlossen die Delegierten die zweite, kompromissbereite Variante, und als man wenig später vom Bundesrat die gewünschten Konzessionen erhielt, verzichtete man im August offiziell auf die Option eines Generalstreiks. Interessanterweise waren aber im Plenum vorwiegend jene zu Wort gekommen, die sofort einen Generalstreik ausrufen wollten, also die Radikalen, vorab die jungen, gewaltbereiten Extremisten der Arbeiter-Union Zürich, die später allesamt der Kommunistischen Partei beitreten sollten.

Der Spion in Basel

Weil die Armeespitze, die schon seit Längerem einen Generalstreik befürchtete, sich darauf vorbereitete, wie ein solcher zu bekämpfen wäre, schickte sie einen hohen welschen Offizier als Spion nach Basel. Dieser setzte sich in die Versammlung, ob in Uniform oder getarnt als Zivilist, wissen wir nicht – auf jeden Fall machte er sich interessiert Notizen. Dabei scheint er vor allem auf die jungen Extremisten gehört zu haben. Dass diese in der Schlussabstimmung katastrophal unterlagen, scheint Claude de Perrot, so hiess der Offizier, wenig gekümmert zu haben, lieber hielt er fest, wie die Zürcher von der nahen Revolution schwadronierten und von den russischen Bolschewiki schwärmten – wobei zuzugeben ist, dass selbst Grimm so redete: «Unsere Bourgeoisie stellt sich heute dar als eine Aktienkompanie zur Ausbeutung des Volkes und ihr Prophet ist der schweizerische Bundesrat», sagte er zum Beispiel, der ansonsten brav mit diesem Bundesrat verhandelte.

Wie so oft in linken Zusammenhängen brach in Basel ein seltsamer Wettbewerb aus: Wer war der Radikalste? Wer der Revolutionärste? Weil Grimm sich offensichtlich unter Druck fühlte von Seiten der Radikalen, gab er rhetorisch vor, was er in der Abstimmung keineswegs vollzog – auch er redete also dem Streik, wenn nicht der Revolution das Wort. Er liess sich zu Feldzügen des Wortes hinreissen, der Mann aus dem Zürcher Oberland drohte die gegenseitige Vernichtung an. Mit Blick auf einen Streik warnte er die «Bourgeoisie»: «Setzt ihr schon alles auf das Spiel, nun wohlan so wisset, dass wir nicht allein langsam zugrunde gehen, dass ihr, die ihr uns zum Äussersten treibt, mitzukommen habt!» Schliesslich drohte er: «Die Herren vergessen, dass revolutionäre Situationen ihre eigenen Gesetze haben und diesen folgen.» Es gehe darum, «die Stellung der Arbeiterschaft zu behaupten gegenüber der Reaktion und einen Schritt vorwärts zu machen im Interesse des Sozialismus und der Erreichung des sozialistischen Endziels.»

Im Ghetto

Claude de Perrot hatte gut zugehört und schrieb für den General und den Generalstabschef einen Bericht, der von einer bemerkenswerten Paranoia geprägt war. Wer seine Zeilen liest, erhält den Eindruck, der Mann habe im blutigen Petrograd an einer Versammlung von Lenin teilgenommen, und nicht an einem Arbeiterkongress in Basel am sauberen Rhein. De Perrot schien überzeugt, die Bolschewisten ergriffen auch in der Schweiz bald die Macht. Seither rechnete die Armee mit dem Schlimmsten. Ein Extremist der Armee hatte auf die Extremisten der Arbeiterbewegung gehört. Im November reagierte deshalb die Armeespitze zuerst überzogen, dann das Oltner Aktionskomitee: Unter dem Eindruck des Truppeneinsatzes forderte die Arbeiter-Union den Generalstreik, und weil Grimm sich erneut unter Druck fühlte und ebenfalls Opfer der eigenen Brutalo-Rhetorik wurde, riefen auch er und sein Komitee einen Streik aus, dessen wichtigste Forderungen Grimm kurz vorher auf einen Zettel notiert hatte. Schliesslich musste man den Leuten erklären können, warum sie Kopf und Kragen riskierten. Anlass zum Generalstreik waren diese Forderungen aber nicht. Das Ganze war – abgesehen von den Toten und Verletzten – im Grunde eine Tragödie und Farce zugleich.

Im Gegensatz zu Hubacher glaube ich, dass der Landesstreik der SP und der Arbeiterbewegung nur geschadet hat. Auf Jahre hinaus fiel es den Bürgerlichen sehr leicht, noch das moderateste Ziel der SP zu dämonisieren und damit zu erledigen. Selbst die harmlose AHV geriet in den Geruch des bolschewistischen Umsturzes. Wer die Revolution wollte, und dieser Eindruck herrschte im schweizerischen Bürgertum vor – ob zu Recht oder Unrecht, war einerlei –, der hatte in der demokratischen Schweiz nichts mehr auszurichten. Die Sozialdemokraten wurden endgültig zur geduldeten, unbeliebten und gefährlichen Minderheit, für lange Zeit. Ohne Generalstreik, davon bin ich überzeugt, wäre die SP schon in den 1920er-Jahren in den Bundesrat eingezogen. Wenn die SP dieses Jahr den Generalstreik feiert, dann feiert die Partei keinen Sieg und keine Errungenschaft, sondern die grösste Niederlage und den grössten Irrtum ihrer Geschichte. (Basler Zeitung)

Erstellt: 03.03.2018, 08:23 Uhr

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