Hintergrund

Der lange Arm aus Sri Lanka

Der tamilischen Befreiungsorganisation LTTE in der Schweiz wird vorgeworfen, von ihren Landsleuten mehrere Millionen Franken für Waffenkäufe erpresst zu haben. Die Zeugensuche dürfte sich schwierig gestalten.

Starke Diaspora: Im März 2009 verlangten Demonstranten in Bern, dass sich die Schweiz für die bedrängten Tamil Tigers in Sri Lanka einsetzt.

Starke Diaspora: Im März 2009 verlangten Demonstranten in Bern, dass sich die Schweiz für die bedrängten Tamil Tigers in Sri Lanka einsetzt. Bild: Keystone

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Das Telefon von Lathan Suntharalingam steht nicht mehr still, seit die Bundeskriminalpolizei zehn Tamilen verhaftet hat. Verzweifelte Angehörige würden sich bei ihm melden und um Rat bitten, sagt der SP-Politiker, der im Luzerner Kantonsrat sitzt und tamilischen Ursprungs ist. Wer, wenn nicht Suntharalingam könne ihnen jetzt noch helfen, klagen sie.

Vorerst wohl nur der Haftrichter, der noch diese Wochen entscheiden dürfte, ob die Untersuchungshaft notwendig ist. Die Vorwürfe, derer sich die Angeschuldigten ausgesetzt sehen, sind jedoch heftig. Die Bundesanwaltschaft, die auf Antrag der Bundeskriminalpolizei die Strafuntersuchung eingeleitet hat, sieht in ihnen Kadermitglieder der tamilischen Befreiungsorganisation LTTE («Liberation Tigers of Tamil Eelam»). Die Tiger führten in Sri Lanka während Jahrzehnten einen blutigen Bürgerkrieg mit der singhalesischen Regierung um einen eigenen Staat. Wie bedeutend die Guerilla nach der militärischen Niederlage im Mai 2009 noch ist, bleibt unklar.

Die am Dienstag Verhafteten sollen in der grossen Schweizer Diaspora – rund 40 000 Tamilen leben heute hier – mit der Beschaffung von Geld für den «Kauf von Kriegsmaterialien», wie die Bundesanwaltschaft wissen will, betraut gewesen sein. Dabei sollen sie nicht zimperlich vorgegangen sein: Ihre Opfer mussten nach Erkenntnissen der Ermittler, gestützt auf gefälschte Lohnausweise, hohe Kredite aufnehmen und das Geld der LTTE abliefern. Wer sich der Forderung widersetzte, sei massiv unter Druck gesetzt und bedroht worden. Das System war wohl sehr erfolgreich: Über die Jahre sollen auf diese Weise mehrere Millionen Franken erpresst worden sein.

Kritik

Ob noch heute Geld eingetrieben wird, müssen die Ermittlungen zeigen, teilt die Bundesanwaltschaft mit. Suntharalingam glaubt nicht, dass dies der wichtigste Grund ist für die Untersuchung: «Die LTTE ist eine tote Schlange, man tut jetzt so, als gehe es darum, sie nochmals zu töten.» Er vermutet hinter der Polizeiaktion in der Schweiz den langen Arm von Sri Lankas Regierung: «Das könnte ihr Versuch sein zu verhindern, dass sich die Tamilen im Ausland politisch engagieren – für eine unabhängige Aufklärung der Kriegsverbrechen beispielsweise». Suntharalingam wundert sich vor allem über den Zeitpunkt der Ermittlungen, deren Beginn mit dem Kriegsende zusammenfällt. Kaum ist der Krieg vorüber, wird den Verlierern nachgestellt. «Die Schweiz sollte sich nicht mit solch fragwürdigen und durchsichtigen Aktionen zu willfährigen Gehilfen der sri-lankischen Propaganda machen», sagt er.

Die Bundesanwaltschaft bestreitet jede Einflussnahme. Die Rede ist von einer reinen Schweizer Aktion. Gut unterrichteten Kreisen zufolge besteht jedoch eine enge Zusammenarbeit zwischen den Schweizer und den srilankischen Behörden. So sollen im Verlauf der Untersuchung Schweizer Ermittler nach Sri Lanka gereist sein, um Beweise zu beschaffen. Dabei soll es um den Nachvollzug der Geldströme gegangen sein. In der Schweiz, heisst es, wurden mehrere vermeintliche Quartierläden ausgehoben, die als eine Art Bank für die Tiger fungiert hätten. Die Bundesanwaltschaft spricht von Schweizer Firmen, die Geldwäsche betrieben hätten, indem sie die erpressten Gelder in den legalen Kreislauf eingespiesen hätten.

«Vage Vorwürfe»

Für Marcel Bosonnet sind das alles «äusserst vage Vorwürfe». Der Zürcher Anwalt vertritt einen der Inhaftierten. Sein Mandant war bis 2009 Statthalter der Tiger in der Schweiz. Heute, versichert Bosonnet, habe er sich von der Organisation vollständig losgesagt. Welche Vorfälle dem ehemaligen Obertiger angelastet werden, weiss er nicht: «Wir erhalten keine Akteneinsicht.»

Es ist nicht das erste Mal, dass Bosonnet mit den tamilischen Separatisten zu tun hat. Bereits 1996 hat er den derzeitigen ranghöchsten Tiger in der Schweiz verteidigt. Damals wurde das Verfahren eingestellt, weil die Zeugen als nicht glaubwürdig eingestuft worden waren. Dasselbe, vermutet er, wird wieder passieren: «Die sri-lankischen Gruppierungen in der Schweiz bekämpfen sich mit allen Mitteln.» Die Schweizer Strafverfolger würden das nicht durchschauen, so sein düsterer Vorwurf. «Das ist Teil einer grossen Propagandaschlacht.» Und wie SP-Kantonsrat Suntharalingam glaubt er, dass dahinter Sri Lankas Regierung steckt.

Schweigen

Allerdings verfolgt die Schweiz die Aktivitäten der Tiger seit Jahren mit Skepsis. 1996 verhängte das Bundesamt für Justiz ein Waffentragverbot für sri-lankische Staatsbürger, weil der Konflikt zwischen den Tigern und gegnerischen Gruppierungen in der Schweiz eskaliert war. 2001 untersagte der Bundesrat Geldsammelaktionen der Organisation, denn der Verdacht auf Schutzgelderpressungen war schon damals reichhaltig dokumentiert.

Es mangelt nicht an Berichten über gewalttätige Übergriffe zwischen Tamilen. Aufgeklärt wurde kaum je ein Fall: Fast immer prallten die Ermittler an der Mauer des Schweigens in der Diaspora ab. Jetzt, nach dem Niedergang der mächtigen Tiger, hoffen sie, dass die Opfer ihre Stimme wiederfinden. (Basler Zeitung)

Erstellt: 13.01.2011, 09:17 Uhr

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