Der «rote Tanner» erhält endlich eine Chance

Samuel Tanner wollte schon einmal Direktor der Steuerverwaltung werden. Diesmal könnte es gelingen.

Seiner Kompetenz wegen überlässt man ihm gerne die anspruchsvollen Dossiers: Samuel Tanner.

Seiner Kompetenz wegen überlässt man ihm gerne die anspruchsvollen Dossiers: Samuel Tanner. Bild: Edi Engeler/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Seit Dienstag wird die eidgenössische Steuerverwaltung (ESTV) vom stellvertretenden Direktor Samuel Tanner geleitet. Direktor Urs Ursprung wurde freigestellt, weil eine Administrativuntersuchung ihn für die widerrechtliche Auftragsvergabe im Rahmen eines Informatikprojekts verantwortlich macht (TA vom Mittwoch). SVP-Mitglied Ursprung war bei den Parlamentariern der Linken unbeliebt, sie haben teilweise schon lange auf seinen Abgang gewartet. Bei SP-Mitglied Tanner verhält es sich umgekehrt ? er hat vor allem in der linken Ratshälfte Sympathien.

Tanner hat eine lange Karriere in der Bundes-Steuerverwaltung hinter sich. 1991 hat SP-Bundesrat Otto Stich den Fürsprecher aus Bern vom Wirtschaftsprüfer PWC abgeworben. In der Privatwirtschaft hat Tanner aber nur wenige Jahre gearbeitet. Viel mehr Berufserfahrung hatte er zuvor in den rund 20 Jahren bei der Steuerverwaltung des Kantons Bern gesammelt. Tanner kennt die Mechanismen des schweizerischen Steuersystems in- und auswendig. Das wird ihm von Politikern aller Couleur attestiert. Er hat einen guten Ruf und gilt als treuer und seriöser Staatsdiener, dem wegen seiner Kompetenz gern die anspruchsvollsten Dossiers überlassen werden.

Die Geschichte wiederholt sich

Der Aufstieg an die Spitze der Steuerverwaltung wollte ihm in den 21 Jahren beim Bund trotz aller Kompetenz nicht gelingen. Die erste Chance bot sich bei der Pensionierung des damaligen Direktors Dieter Metzger im Jahr 1999. Das Finanzdepartement war inzwischen mit Bundesrat Kaspar Villiger in freisinniger Hand. Die FDP allerdings konnte mit einem obersten Schweizer Steuereintreiber mit sozialdemokratischem Hintergrund nichts anfangen. Villigers Partei soll gegen die Ernennung Tanners ? laut NZZ auch «der rote Tanner» genannt ? das Veto eingelegt haben.

So suchte Kaspar Villiger via Headhunter und fand beim Kraftwerk Laufenburg Urs Ursprung, der – gegen einen Aufschlag von 50'000 Franken über den Spitzenbeamtenlohn hinaus – in die Steuerverwaltung wechselte. Tanner wurde übergangen, nachdem er die ESTV sieben Monate lang hatte leiten dürfen, bis Ursprung im März 2000 anfing. Dass er gern Direktor geworden wäre, daraus machte er kein Geheimnis. Zwölf Jahre später wiederholt sich die Geschichte. Der Direktor tritt ab, Tanner wird Interimschef. Schafft er diesmal den Aufstieg? Ob der 62-Jährige dies überhaupt noch will, war am Donnerstag nicht zu erfahren, Tanner wollte dazu auf Anfrage keine Stellung nehmen.

Draht zu Widmer-Schlumpf

Sollte er Interesse haben, stünden seine Chancen diesmal besser. Die Rahmenbedingungen der Steuerpolitik sprechen für Tanner. Seit der Finanzkrise 2008 sind internationale Beziehungen wichtiger geworden, der interkantonale Steuerwettbewerb hat an Bedeutung verloren. Auch Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf dürfte zu Tanner einen besseren Draht haben als zum freigestellten Ursprung, zu dem sie das Vertrauen offensichtlich schon kurz nach ihrem Stellenantritt Anfang 2011 verloren hat. Mit Tanner stimmt Widmer-Schlumpf in der Steuerpolitik grösstenteils überein. Er gilt auch bei den Mitarbeitern der Steuerverwaltung als äusserst beliebt, und die Ansprechpartner in den Parlamentskommissionen, Kantonen und Verbänden sind voll des Lobes über ihn. Sie schätzen seine Offenheit, Geradlinigkeit und Sachlichkeit.

Sollte ihm der Aufstieg an die Spitze der Steuerverwaltung jetzt gelingen, würden sich Parlamentarier der SP sicher freuen. «Samuel Tanner hat die nötige Unabhängigkeit, er ist erfahren und kompetent», sagt Nationalrätin Margret Kiener Nellen. Dass er kurz vor der Pensionierung steht, sei ein Vorteil: «Er könnte mit Eveline Widmer-Schlumpf gleich noch die Legislatur beenden.» Tanners SP-Mitgliedschaft wertet Kiener Nellen nicht als Parteiabhängigkeit. «Ich sehe ihn nie an Parteianlässen. Zudem ist er auch gegenüber der SP kritisch.»

«Sachbezogen, eher trocken»

SP-Nationalrätin Hildegard Fässler bezeichnet Tanner als «sorgfältig, kritisch und kompetent». Dass er und Widmer-Schlumpf ein gutes Team wären, scheint ihr logisch zu sein: «Beide sind sachbezogen, eher trocken, haben ähnliche Erfahrungen und eine lange Karriere beim Staat.»

Bürgerliche äussern sich hingegen zurückhaltend. Einer der wenigen, die sich zitieren lassen, ist CVP-Ständerat Pirmin Bischof. Er bezeichnet Tanner als «dossierfest, geistig flexibel und kompetent.» In dieser Hinsicht sei er für das Amt sicher befähigt. Zweifel hat Bischof bei einem alten Anliegen der Bürgerlichen: «Die Steuerverwaltung muss einen Mentalitätswandel machen hin zur Kundenfreundlichkeit. Sie muss die Steuerpflichtigen ernst nehmen, deren Anliegen schnell und anständig behandeln.» Ob Tanner auch diesbezüglich gut wäre, wolle er noch nicht beurteilen.

Tanner wollte Präsident beim schweizerischen Fussballverband werden

Der Vater eines erwachsenen Sohns hat sich vor ein paar Jahren noch für einen andern Chefposten beworben: Er wollte 2009 Präsident des schweizerischen Fussballverbands werden, als dieser einen Nachfolger für Ralph Zloczower suchte. Doch Fussballfan Tanner, der sich als Spieler und Präsident des Berner FC Breitenrain sowie im Fussballverband Bern/Jura engagiert hatte, verlor die Wahl. Vielleicht klappt es nun beim zweiten Anlauf in der Verwaltung. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.06.2012, 06:37 Uhr

Artikel zum Thema

Viele Parlamentarier warten schon lange auf seinen Abgang

Feindbild der Linken Der SVP-nahe Urs Ursprung hat sich in den zwölf Jahren bei der Steuerverwaltung viele Feinde geschaffen. Politiker misstrauten ihm zunehmend. Mehr...

Die Steuerverwaltung geht nach Eklat auf Tauchstation

Der freigestellte Amtsdirektor Urs Ursprung erhält weiterhin Lohn. Wie lange noch, ist offen. Mehr...

«Wir haben harte Kritik geübt»

Das IT-Projekt der Steuerverwaltung hatte die Finanzdelegation des Parlaments seit einem Jahr auf dem Radar. Es habe viele Leiter gegeben – jeder habe etwas anderes gemacht, sagt FinDel-Präsident Urs Schwaller. Mehr...

Blog

Kommentare

Die Welt in Bildern

Kühe soweit das Auge reicht: An der traditionellen Viehschau in Schwellbrunn. (25. September 2017)
(Bild: EPA/GIAN EHRENZELLER) Mehr...