Der wortgewaltige Wüterich

Otto Fischer war in den Siebzigerjahren einer der wichtigsten Politiker der Schweiz. Er war es, der aus dem Gewerbeverband eine einflussreiche Organisation machte, die alle präsidieren wollen.

«Himmeltraurige, miese Typen»: Otto Fischer machte aus der Abneigung gegen die Bundesräte keinen Hehl. Das Bild wurde 1991 in seiner Wohnung aufgenommen.

«Himmeltraurige, miese Typen»: Otto Fischer machte aus der Abneigung gegen die Bundesräte keinen Hehl. Das Bild wurde 1991 in seiner Wohnung aufgenommen. Bild: Keystone

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SVP-Nationalrat Bruno Zuppiger ist als Präsident des Gewerbeverbands zurückgetreten. SVP, FDP, CVP, sogar die BDP – alle schielen auf das frei gewordene Amt, wollen den Verband für Parteizwecke nutzen (siehe Kasten). Dieses Interesse entbehrt nicht der Ironie: dass nämlich der Gewerbeverband zu einem einflussreichen, gelegentlich gefürchteten Akteur der Schweizer Politik geworden ist, das ist das Verdienst eines Mannes, der sich um Parteiräson nie auch nur einen Deut geschert hat. Sein Name: Otto Fischer. Seine Partei: FDP.

Heute fast vergessen, war Fischer einst der bekannteste Neinsager des Landes, ein politischer Haudrauf, wie ihn die Schweizer Konsenskultur kaum je hervorgebracht hat. Es konnte vorkommen, dass er von den Bundesratsmitgliedern als den «himmeltraurigen, verachtungswürdigen, miesen Typen» sprach, «die unser Land in Brüssel verkaufen wollen» – um in einer letzten rhetorischen Steigerung hinzuzufügen: «Ich will nicht sagen, dass es keine Landesverräter sind.» Seine Reden probte er zu Hause vor dem Spiegel, wie ein Schauspieler bereitete er sich auf seine Auftritte vor. Glücklich der Bundesrat, der nie seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Fischer ging in den seltensten Fällen als Verlierer vom Platz.

Sagte er Nein, wurde es schwierig

Denn: Otto Fischer war nicht nur ein wortgewaltiger Wüterich, er war, zumal in den Siebzigerjahren, auch einer der wichtigsten Politiker der Schweiz. Von 1967 bis 1983 sass er für die FDP im Nationalrat, doch sein Einfluss gründete vor allem auf seinem Engagement im Gewerbeverband. 1947 trat er in dessen Geschäftsstelle ein, von 1963 bis 1979 führte er den Verband als Direktor.

In jenen Jahren machte er aus dem einst behäbigen Gewerbeverband, was dieser bis vor einigen Jahren war: eine gefürchtete Referendumsorganisation. Sagte Fischer Nein – und das kam nicht selten vor –, hatte ein neues Gesetz in einer Abstimmung einen schweren Stand. Allein in den späten Siebzigerjahren bodigte er den Konjunkturartikel und zwei Finanzvorlagen des Bundes – gegen den Willen seiner eigenen Partei. Fischers lapidarer Kommentar: «Der Bund soll sparen statt steuern!»

«Er dominierte auch Blocher»

1979 gab Fischer die Führung des Gewerbeverbands ab. Bis 1983 sass er noch im Nationalrat, ab 1986 leitete er die «Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz», die Auns. Was heute oft als SVP-Club beschrieben wird, war ursprünglich ein überparteiliches Projekt, angeführt von einem Freisinnigen. Paul Eisenring, alt Nationalrat der CVP und Weggefährte Fischers, erinnert sich: «Er dominierte damals auch Blocher. Der Otti Fischer liess niemanden zu Wort kommen. Der redete einen an die Wand.» 1992 trat Fischer nochmals gegen seine Partei an – und obsiegte ein letztes Mal: Am 6. Dezember verwarf die Schweiz den Beitritt zum Europäischen Wirtschaftsraum. Wenig später, im Oktober 1993, verstarb Fischer 78-jährig.

Der Gewerbeverband hat unterdessen längst an Einfluss eingebüsst – und am Montag einen Tiefpunkt erlebt: Präsident Bruno Zuppiger, angeschlagen wegen einer Erbschaftsaffäre, musste von seinem Amt zurücktreten. Um seine Nachfolge balgen sich die bürgerlichen Parteien, doch die Zeiten sind vorbei, als der Gewerbeverband die Politik vor sich hertreiben konnte. Der Mann, der dies einst möglich gemacht hatte – er hätte für die jüngsten Vorgänge einige böse Worte gefunden. (Basler Zeitung)

Erstellt: 21.12.2011, 13:18 Uhr

Ein Präsidenten-Job und viele Kandidaten

Wird der Schweizerische Gewerbeverband (SGV) den vakanten Präsidentensitz umgehend wieder besetzen? Heute befindet der Vorstand des SGV darüber. Das 13 Personen zählende Gremium muss entscheiden, ob nach dem Rücktritt von SVP-Nationalrat Bruno Zuppiger eines seiner Mitglieder das Amt übernehmen soll. Werner Messmer jedoch, der selber im Vorstand sitzt, sagt der BaZ: «Es eilt nicht.» Der Präsident des Schweizerischen Baumeisterverbandes erklärt: «Die SGV-Sektionen sollten Gelegenheit haben, sich zu äussern.» Demnach würde die Entscheidung über Zuppigers Nachfolge erst am Gewerbekongress vom 23. Mai 2012 fallen.

Die Spielregeln immerhin sind laut Messmer jetzt schon klar: «Es sollte ein Bürgerlicher sein, und er sollte dem eidgenössischen Parlament angehören.» Für Messmer, den kürzlich zurückgetretenen Thurgauer FDP-Nationalrat, ist eine Kandidatur darum «kein Thema». Dafür stehen andere Persönlichkeiten bereit, den Verband, der 300 000 Unternehmen vertritt, zu dem zu machen, was er einst war: eine einflussreiche Organisation (Text oben). Der Freiburger SVP-Nationalrat und Sägereibesitzer Jean-François Rime sagt: «Als Welscher wäre ich gut geeignet.» Auch die Aargauer SVP-Nationalrätin Sylvia Flückiger-Bäni, Besitzerin eines Holzhandelbetriebes, ist «interessiert». Im Gespräch sind ferner CVP-Nationalrat Ruedi Lustenberger (LU), FDP-Nationalrat Markus Hutter (ZH) und CVP-Ständerat Jean-René Fournier (CVP). mfu

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