Die SRG mag keine Juden

Das schiere Ausmass der unausgewogenen Berichterstattung macht fassungslos.

Falsche Berichterstattung. Was die SRG in der Schweizer Bevölkerung «verankert» hat, ist ein ausgeprägtes Ressentiment gegen Juden.

Falsche Berichterstattung. Was die SRG in der Schweizer Bevölkerung «verankert» hat, ist ein ausgeprägtes Ressentiment gegen Juden. Bild: Keystone

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Kürzlich diskutierte ich mit einem einflussreichen Schweizer Medienmacher über die grassierende Feindseligkeit gegenüber Israel in den hiesigen Printmedien. «Wir sind ja noch heilig», so der Journalist, der ungenannt bleiben möchte, während des Gesprächs, «du solltest mal die Leute von SRF hören.»

Tatsächlich stellt das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) Juden entweder als schläfengelockte ultrareligiöse Fundamentalisten aus dem Jerusalemer Viertel Mea Shearim dar oder als nationalistische israelische Kriegstreiber. Das scheint angesichts von über 200 jüdischen Nobelpreisträgern in verschiedensten Kategorien reichlich eindimensional. Als Antwort auf die Frage, weshalb sich die SRG auf zwei negativ konnotierte jüdische Stereotype kapriziere, antwortet Marc Lehmann, Moderator der Radiosendung «Tagesgespräch» auf SRF 1 und SRF 4 News, am Telefon: «Offensichtlich ist es schwierig, andere zu finden.»

Lehmann wurde dann aber doch fündig, mit einer dritten Spezis von Juden, derer sich SRF oft und gerne bedient, dem selbsthassenden «Alibijuden» (BaZ vom 27. Juli 2017). An Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, interviewte Lehmann im «Tagesgespräch» den jüdischen Verleger Abraham Melzer, der gemäss einem Urteil des Landgerichts München vom Januar dieses Jahres offiziell als «berüchtigter Antisemit» bezeichnet werden darf.

Melzer nannte den israelischen Aussenminister einen «Blockwart» (rangniedrigster Nazi-Funktionär), israelische Ministerinnen sind für ihn schlicht «Nazi-Weiber». Als Sprecher bei der Konferenz «Palestinians in Europe» hatte Melzer Parolen wie «Jude, Jude, feiges Schwein», «Scheiss Juden, wir kriegen euch» oder «Hamas, Hamas, Juden ins Gas» als eine «durchaus verständliche Reaktion» verteidigt, «für die sich keiner entschuldigen muss». Lehmann hält Melzer aber trotzdem für qualifiziert, das SRF-Publikum über den Unterschied zwischen Antisemitismus und Israelkritik aufzuklären. Über Melzers Hintergrund erfährt die Zuhörerschaft nichts.

Israel als Jude unter den Staaten

In einer Studie zu Antisemitismus im Internet des World Jewish Congress vom Januar 2018 rangiert die Schweiz in den Top Ten auf Platz sieben. War früher die Kirche für die Verbreitung und Festigung des Ressentiments gegen Juden verantwortlich, sind es heute die Medien, die ihrem Publikum mit Auslassungen, Verkürzungen, Vorverurteilungen, Opfer-Täter-Umkehr und krassen Falschmeldungen praktisch täglich ein Zerrbild von Juden präsentieren – vertreten durch Israel, den Juden unter den Staaten.

«Es gibt eine sehr einseitige Berichterstattung in Bezug auf Israel, auch in seriösen Medien wie ARD oder ZDF. Da ist ganz klar eine propalästinensische Tendenz zu erkennen», so die Antisemitismusforscherin Monika Schwarz-Friesel, die in ihrem Buch «Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert» über mehr als zehn Jahre die mediale Berichterstattung zu Israel analysiert hat. «Kein Land wird so heftig kritisiert, so einseitig und realitätsverzerrt dargestellt wie Israel. Mit so einer Berichterstattung fördern Journalisten antisemitische Gedanken.»

Bei der antijüdischen Haltung von SRF, die dem von Schwarz-Friesel empirisch belegten Schema punktgenau folgt, sind ausgerechnet Informationssendungen wie «Tagesschau», «10 vor 10», «SRF News», «Rundschau», «Echo der Zeit» oder «DOK» die Flaggschiffe der antiisraelischen Desinformation des vermeintlich unabhängigen Medienhauses. Wenn «Rundschau»-Moderator Sandro Brotz in der Anmoderation eines propalästinensischen Beitrags mit dem tendenziösen Titel «Bauen für die Besatzer» vom palästinensischen Westjordanland, wo Kentucky Fried Chicken und die trendige Kleiderkette Mango ihre Filialen haben und es gemäss Booking.com allein in Ramallah vier Fünf-Sterne-Hotels gibt, von einem «Gefängnis» spricht, ist klar, dass SRF in eine weitere Schlacht zieht, wo Israel der Gegner ist.

Am 29. Januar 2018 veröffentlichte «SRF News» in Bezugnahme auf ein Stelleninserat der israelischen Migrationsbehörde die Schlagzeile: «Israel sucht Freiwillige für die Jagd auf Flüchtlinge». Die Meldung entpuppte sich als Fake News. Übernommen hatte SRF das Paradebeispiel antiisraelischer Propaganda von Bento, dem «jungen Angebot» von Spiegel Online, das für seine exzessive Israelkritik bekannt ist. Bild-Redaktor Filip Piatov enttarnte die antiisraelische Hetze von Bento: Im besagten, längst abgelaufenen Inserat ist weder von «Freiwilligen» noch von «Jagd» die Rede. Die israelische Regierung suchte «Migrationsinspektoren/innen zur Ausführung von Einsätzen/Aufgaben gegen illegale Flüchtlinge/illegale Einwanderer».

Erst nach diversen Reklamationen – unterdessen hatte auch die ARD-«Tagesschau» unter dem Titel «Falsche Berichte über Israel» einen Faktencheck veröffentlicht, in dem SRF explizit erwähnt wird – räumt «SRF News» Fehler ein. Es wird jedoch keine Richtigstellung veröffentlicht, sondern lediglich ein Zweizeiler, der in den Kommentaren unter dem reisserischen Artikel begraben wird. Da war der Schaden längst angerichtet, was sich in den Kommentaren zum Artikel niederschlug: «Apartheid pur», «Ausgerechnet die Juden», «Aus der Geschichte lernen, von wegen».

Auch SRF lernt nicht: Einen Tag später interviewt Simone Hulliger im SRF-«Echo der Zeit» unter dem Titel «Israel schiebt Afrikaner ab – Flüchtlinge werden ausnahmslos als Eindringlinge bezeichnet›» die deutsche Journalistin Inge Günther. Die für ihre antiisraelische Haltung bekannte Nahostkorrespondentin verniedlicht die Terrororganisation Hamas als «eine Art Bollwerk gegen den ultraradikalen globalen Jihad» und setzte sich 2012 für die Kennzeichnung israelischer Waren ein, als diese Massnahme von NPD-Mitglied Udo Pastörs, der Deutschland als «Judenrepublik» bezeichnet, als Antrag im sächsischen Landtag eingebracht und 2013 fast wortgleich in einer kleinen Anfrage der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen übernommen wurde. Günthers Hintergrund wird dem Publikum ebenso vorenthalten wie der von Melzer.

Es sind wohl derartige «Israel-Korrespondenten», von denen Marc Lehmann spricht, wenn er per E-Mail schreibt: «Selbstverständlich gibt es nicht den geringsten Anlass, Ihnen offenzulegen, mit wem ich welche Recherchegespräche führe. Sie sind ja nicht das hohe Gericht. Nur so viel: Es waren alles Leute, die für diverse Medien als Israel-Korrespondenten fungieren oder fungiert haben.»

Während einige SRF-Journalisten und Redaktoren immerhin noch vorgeben, unabhängig und ausgewogen zu berichten, macht die «DOK»-Autorin und Filmemacherin Franziska Schaffner aus ihrer Voreingenommenheit gegen Israel und ihrer Parteinahme für die Palästinenser keinen Hehl.

Auf dem «Palästina-Portal», einem der gehässigsten antiisraelischen Hetzportale, auf dem Israel als «rassistisches Kolonialprojekt» und Soldaten der israelischen Armee als «Kinderschänder» diffamiert werden, postet die SRF-Journalistin einen Protestbrief an Arte, WDR und die Talkshow «Maischberger»: Sie sei «schockiert», dass die lange unterdrückte Antisemitismus-Dokumentation «Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa» «nun doch auf ARD und Arte ausgestrahlt wird».

Die Ausstrahlung erfolgte, nachdem namhafte Antisemitismus-Experten wie die Historiker Götz Aly und Michael Wolffsohn sowie auch der Zentralrat der Juden in Deutschland von Zensur sprachen und sich öffentlich für die Freigabe des von Arte mit fadenscheinigen Argumenten abgelehnten Films ausgesprochen hatten: «Das ist die mit Abstand beste und klügste und historisch tiefste, zugleich leider hochaktuelle und wahre Doku zu diesem Thema», so Michael Wolffsohn.

Die Familie Tamimi

Dass SRF-Autorin Franziska Schaffner, deren propalästinensisches «DOK»-Machwerk «Blumen zwischen Trümmern» in sämtlichen antiisraelischen Foren und Portalen bejubelt wird, sich öffentlich gegen eine Antisemitismus-Dokumentation positioniert, die für ihre Aktualität, Faktentreue und Brisanz von renommierten Zeitungen wie Welt, Zeit oder Frankfurter Allgemeine Zeitung hochgelobt wurde, lässt erhebliche Zweifel an der Unabhängigkeit und Ausgewogenheit von SRF-Journalisten aufkommen. Ob es das ist, was Daniel Pünter, Bereichsleiter «DOK» und Reportage, Fernsehen SRF, meint, wenn er beteuert: «Autor/innen und Produktionsfirmen, die für ‹DOK› arbeiten, werden auf die SRF-Richtlinien und die journalistische Qualität hin geprüft.»

«Die hinterhältigste Lüge ist die Auslassung», schrieb einst Simone de Beauvoir. Ein wahres SRF-Glanzstück in dieser Kategorie ist die «literarische Reportage» in der Sendung «Kontext» auf Radio SRF 2 Kultur mit dem Titel «Dem Tod trotzen», eine Rezension der deutschen Reisejournalistin Bernadette Conrad des Buchs «Der Weg zur Quelle: Leben und Tod in Palästina» von Ben Ehrenreich.

Der amerikanische Journalist Ehrenreich besuchte im Westjordanland das Dorf Nabi Saleh, «das für seinen tapferen und hartnäckigen Widerstand gegen die israelische Besatzung bekannt geworden war», heisst es in der Ankündigung zur Sendung. «In Nabi Saleh schloss er sich vor allem jener Familie an, die die dörfliche Protestbewegung anführte.»

Dass diese «Familie» der Terror-Clan der Tamimis ist, der mit «Tamimi-Press» eine schlagkräftige PR-Agentur für palästinensische Propaganda unterhält, erfährt das SRF-Publikum nicht. Hier ein paar Beispiele, wie «tapfer» und «hartnäckig» die Tamimis «Widerstand gegen die israelische Besatzung» leisten. Ahlam Tamimi war 2001 am verheerenden Terroranschlag gegen das Sbarro-Familienrestaurant in Jerusalem beteiligt, bei dem ein Selbstmordattentäter 15 Menschen in den Tod riss und mehr als 140 verwundete. Unter den Ermordeten befanden sich eine schwangere Frau und sieben Kinder.

In einem auf Youtube verfügbaren Interview zeigt sich die Terroristin im Nachhinein hocherfreut über die hohe Zahl der toten Kinder, denn sie war von «nur» drei ausgegangen. Nizar und Said Tamimi stachen den Israeli Chaim Mizrahi nieder, stopften den Schwerverletzten in den Kofferraum seines eigenen Autos und verbrannten ihn bei lebendigem Leib. Ahlam, Nizar und Said Tamimi, die bis heute keinerlei Reue zeigen, wurden zu lebenslanger Haft verurteilt, mussten aber 2011, zusammen mit 1027 verurteilten palästinensischen Mördern und Gewaltverbrechern, im Austausch gegen den von der Hamas verschleppten israelischen Soldaten Gilad Shalit freigelassen werden. Nach ihrer Freilassung heirateten Nizar und Ahlam Tamimi.

«Wenn Sie beanstanden wollen, dass aus Ihrer Sicht die Auswahl der Gesprächspartner und die Berichterstattung zum Thema Israel auf SRF insgesamt nicht ausgewogen ist, dann belegen Sie es», schreibt Marc Lehmann per E-Mail. Am 26. Oktober 2017 fand bei der SRG in Leutschenbach die «Aussprache zur Israel-Berichterstattung» statt, an der ausser mir selbst weitere sechs regelmässige Beanstander, darunter ein Nationalrat, eine Bloggerin sowie ein PR- und Medienexperte, teilnahmen. Einer der Beanstander machte sich die erhebliche Mühe, über den Zeitraum von 2010 bis 2017 anhand von 68 Beispielen die Israel-Berichterstattung von SRF zu analysieren.

Das schiere Ausmass der Unausgewogenheit macht fassungslos: Die permanente Opfer-Täter-Umkehr mit Schlagzeilen wie «Gaza-Stadt: Tote Zivilisten nach Luftschlag» – obwohl der Raketenbeschuss israelischer Zivilisten durch die Hamas der Auslöser für den israelischen Gegenschlag war, die Perfidität und Hartnäckigkeit, mit der immer neue jüdische «Kronzeugen» gegen Israel in Position gebracht werden, sowie jegliche Abwesenheit von «Audiatur et altera pars», dem Anhören von Gegenstimmen, die der unkritisch dem palästinensischen Narrativ «schlechter Jude / guter Palästinenser» folgenden SRF-Berichterstattung faktenbasierte Argumente entgegensetzen würden.

Unablässig am Pranger

SRF ist sich keiner Schuld bewusst, obwohl die Israel-Berichterstattung seit Jahren kritisiert wird. Auf eine Kritik an einem SRF-«Club» antwortet die verantwortliche Produzentin: «Zu Ihrem haltlosen Vorwurf, wir propagierten den Judenhass, kann ich Ihnen nur sagen, dass der israelische Botschafter und die beiden anderen jüdischen Teilnehmer der Diskussion sich beim Moderator der Sendung für eine faire Gesprächsführung bedankt haben.» Was der Produzentin nicht auffällt: Dass sich jüdische Menschen in einer SRF-Sendung für eine «faire Gesprächsführung» bedanken (müssen), impliziert, dass man eine solche nicht gewohnt ist und auch nicht erwartet hat.

Die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG), die SRF betreibt, sieht sich gemäss ihrer Website «wie niemand sonst» als «Abbild der Schweiz», in der Gesellschaft «fest verankert». Angesichts der heftigen Diskussionen über die SRG im Zuge der No-Billag-Initiative kann man diesbezüglich sicher geteilter Ansicht sein. Was die SRG jedoch mit Sicherheit in der Schweizer Bevölkerung «verankert» hat, ist ein ausgeprägtes Ressentiment gegen Juden, indem der jüdische Staat unablässig an den Pranger gestellt wird.

Es bleibt wie immer die Frage nach dem Warum. Warum publiziert SRF fast ausschliesslich israelkritische Schlagzeilen? Warum kommen nahezu ausnahmslos Protagonisten zur Sprache – jüdische und nichtjüdische –, die Israel delegitimieren? Warum informiert sich SRF bei antiisraelischen Medien und übernimmt ungeprüft Falschinformationen? Warum schreiben SRF-Journalisten antijüdische Protestbriefe, die auf den schlimmsten israelfeindlichen Portalen gefeiert werden? Warum? (Basler Zeitung)

Erstellt: 19.04.2018, 07:42 Uhr

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