«Die evangelische Volkskirche geht kaputt»

Pfarrer Bernhard Rothen zeichnet ein düsteres Bild der protestantischen Kirchen: Sie hätten ihre Gestaltungskraft verloren, würden Gemeinplätze vertreten und nicht mehr wahrgenommen.

Die Kirche kreise um sich selbst, sagt Pfarrer Rothen. Reformierte Kirche Tenna im Safiental GR. Foto: Ueli Meier (Comet Photoshopping)

Die Kirche kreise um sich selbst, sagt Pfarrer Rothen. Reformierte Kirche Tenna im Safiental GR. Foto: Ueli Meier (Comet Photoshopping)

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An Ostern haben evangelische Oberhirten ins Land gerufen: Unsere Kirche ist zwar klein, aber lebendig und innovativ. Sie hingegen sprechen vom Zerfall dieser Kirche. Sind Sie ein Spielverderber?

Vielleicht. Die evangelischen Kirchen in Europa stehen kümmerlich da, sie werden ihre letzten Bindekräfte verlieren und zerfallen. Die protestantische Gewissheit ist geschwunden. Die Kirchen haben nicht die Ressourcen, um politische Innovationsprozesse demokratisch abgestützt durchzuführen. Sie finden zu keiner gestaltenden Kraft mehr, sie kreisen nur um sich selber.

Religionssoziologen sagen seit Jahren, die evangelischen Kirchen würden kleiner, älter und ärmer.

Das stimmt, die Landeskirchen verlieren demografisch. Die Kirchen sind auch von innen her gehemmt, sich neu zu ent­wickeln. Denn die jungen Leute, die heute Theologie studieren, kommen nicht aus der kirchlichen Jugendarbeit, die es nicht mehr gibt, sondern meist aus dem freikirchlichen Milieu. Heute studieren fromme, evangelikale Studenten bei liberalen theologischen Lehrern.

Sind die Kirchen nicht auch derart bedeutungslos, weil der Sozialstaat sie beerbt hat?

Das ist offenkundig, der moderne Sozialstaat hat fast alle Aufgaben der Kirche übernommen, im Kultur- und im Freizeitbereich. Als ich vor 30 Jahren Pfarrer wurde, hatten meine Vorgänger der Jugend im Zwinglibund ein Fenster der Freiheit angeboten und so zur Emanzipation verholfen. Heute machen Staat und Unterhaltungsindustrie solche Angebote. In Hundwil hatte der Pfarrer einst den Krankenpflegerverein gegründet. Heute ist das in den Spitex-Ver­einigungen automatisiert. Liebe wird vom Sozialstaat zentral verwaltet. Es gibt kein freiwilliges soziales Netz mehr.

Ist der Sozialstaat der grösste Konkurrent der Kirche?

Die grösste Konkurrenz für die Kirche sind die zivilreligiösen Angebote: Sport-, Pop- oder Volksmusik-Events oder der ICF mit seiner religiösen Begeisterung. Ich kenne Leute, die im 7-Tage-Rhythmus von Match zu Match leben. Andere kultivieren die Zivilreligion der Naturbegeisterung und fliehen am Wochenende in ihre Berghütte. Nicht zu vergessen das politische Engagement, das Leute ­innerlich bindet und erfüllt.

Sie nennen das Zivilreligion?

Ja, nehmen wir Marignano: SVP-Leute zelebrieren mit religiöser Inbrunst das Narrativ der Schweizer Freiheits­geschichte. Sie sind im Innersten gekränkt, wenn man infrage stellt, dass es diese Schweizer Heldengeschichte mit religiöser Fundierung gegeben hat.

Sie kritisieren das Pfarrerbild. Sie sprechen von der romantischen Rückkehr zur Person. Warum ärgert Sie das?

Heute überwiegt das Persönliche die ­inhaltliche Auseinandersetzung, und zwar überall, auch im Journalismus. Im Kirchenleben konzentriert sich seit dem ­romantischen Theologen Friedrich Schleiermacher alles auf die Frage des Genius des einzelnen Menschen: Ist der Pfarrer nun eine charismatische Person oder nicht? Als Pfarrer muss ich argumentieren und handeln können, und zwar aufgrund der Bibel, welche die ­lebendige Autorität ist.

Sie sagen, heute verstehe sich jeder Pfarrer als Mystiker und wolle Begegnungen mit Gott ermöglichen. Sollte er das etwa nicht?

Mystiker, die befruchtend wirkten, haben immer die kirchliche Autorität respektiert. Franz von Assisi wagte dank seiner mystischen Erlebnisse einen sozialen Aufbruch, hat sich aber der ­Hie­rarchie untergeordnet. Heute wird Mystik absolut gesetzt. Jeder Pfarrer stellt seine eigene mystische Ader ins Zentrum. Das kann nicht zu einer kirchlichen Gemeinschaft führen. Man macht keine gemeinsamen Erfahrungen mehr. Vor 30 Jahren wusste noch jeder, was ihn bei einer Abdankung oder Konfirmation erwartet. Heute macht jeder Pfarrer wie ihm beliebt, mal Rock, mal Barock.

Sie fürchten, wenn jeder etwas für sich macht, bleibt die Frömmigkeit rein privat und wird nicht politisch?

Aus persönlicher Überzeugung kann man nichts sagen, das dann für alle gelten soll. Es ist ein Faktum, dass wir zu keiner Handlungskraft mehr finden. Es gibt kein Erschrecken mehr über Jesu Wort: «Was ihr getan habt einem dieser geringsten Brüder, das habt ihr mir getan.» 1895 beim ersten grossen Armenier-Massaker ging durch die evangelische Schweiz eine Solidaritätswelle, überall entstanden Komitees. Jetzt ruft der Schweizerische Evangelische Kirchenbund dazu auf, für die Christen in Syrien eine Lösung zu finden. Doch es bleibt bei formalen Appellen. Kirchenleute sind Häuptlinge ohne Indianer. Es ist alles so harmlos.

Der Schweizerische Evangelische Kirchenbund sagt Ja zu ­homosexuellen Beziehungen und zur ­Fristenregelung. Ist das schlecht?

Es ist irrelevant. Die Kirche vertritt fast nur Gemeinplätze, sie betätigt sich als ­religiöses Megafon für die moralischen Forderungen der Zeit und tut niemandem weh. Im Moment ist sie noch gegen Sterbehilfe, irgendwann wird sie nicht mehr dagegen sein. Die Kirche passt sich an und wird irrelevant.

Ist die katholische Kirche mit ihrer Ablehnung der Fristenregelung, der Sterbehilfe oder der gelebten Homosexualität relevanter?

Nein, aber ihre Meinung zeichnet sich ein, man redet darüber und reibt sich daran. Wenn man in der Öffentlichkeit über Kirche redet, dann über die ka­tholische. Die reformierte Kirche wird nicht zur Kenntnis genommen.

Gegenwärtig will man die Kirchen gesundschrumpfen. Was halten Sie von Fusionen der Kirchgemeinden?

Alle Reformvorschläge münden in die gleiche Forderung: Die kirchlichen Einheiten sollen grösser werden, Gemeinden solle fusionieren. Was sie aber an ­administrativen Aufgaben zusammenführen und vereinfachen, ist erkauft mit einer ausgedünnten Anteilnahme. Die Zahl derer, die mitwirken, wird kleiner.

In der Stadt Zürich ist man dabei, 34 evangelisch-reformierte Kirchgemeinden zu einer einzigen zu fusionieren.

Man müsste einen Unternehmensberater fragen, ob das je gelungen ist, 34 gleichberechtigte Unternehmen zu fusionieren. In Appenzell Ausserrhoden wollte man aus 20 Kirchgemeinden drei grosse machen. Das war für mich der Weckruf, mein Buch zu schreiben. Ich wusste: Wenn diese Reform wirklich angeschoben wird, machen wir fünf Jahre lang nur noch Kirchenpolitik. Mein Buch war dann auch für Kollegen eine Befreiung, dass sie sich wieder um unser Kern­geschäft, das Wort Gottes, kümmern dürfen, statt die Zeit mit Struktur­sitzungen zu vergeuden.

Megafusionen binden nur Kräfte?

Das auch. Megafusionen können vor allem zu einem manipulativen Prozess werden. Das höre ich aus der Stadt Zürich. Ein paar wenige haben den Prozess in der Hand. Stellt man das infrage, gilt man als Spielverderber. Ich finde, man sollte warten, bis die Not da ist. Wahrscheinlich bin ich der letzte Pfarrer in Hundwil. Dann muss die Gemeinde halt bei anderen anklopfen und um Hilfe bitten. Erst wenn die Not gross genug ist und sich ein paar Leute zusammentun, kann man mit göttlicher Hilfe rechnen.

Trotzdem, was spricht gegen zentral geführte Kirchgemeinden?

Die Behördenmacht. Behörden schüren den Moralismus, dass alle zusammenspannen müssen, alle das Gleiche tun wollen. Damit wird der Druck auf die ­Gewissen immer grösser, dass alle am gleichen Strick ziehen. Das kostbarste Gut der Reformation, die Gewissens­freiheit, wird zur Disposition gestellt.

Auch der Evangelische Kirchenbund investiert viel Energie in eine Verfassungsrevision. Alles unnütz?

Ich finde die Revision irrelevant und unnötig. Ich halte es mit Luther, der sagte: Zuerst soll sich das Leben entfalten, dann organisieren wir es. In Appenzell Ausserrhoden hat man sich vor 15 Jahren eine wunderbare Kirchenverfassung ­gegeben. Jetzt merkt man, dass man das Leben nicht hat, um sie zu füllen.

Sie geben der evangelischen Volkskirche keine Zukunft?

Das ist meine ganz grosse Sorge. Der Sozialstaat funktioniert perfekt, aber die Gefahr ist gross, dass es eiskalt wird. Der moralische Druck wird wachsen, dass man die Sozialkosten mit pränataler ­Diagnostik und dem Giftbecher für über 90-Jährige eindämmt. Wenn es in dieser sozialen Kälte nur noch Freikirchen gibt und daneben eine geschrumpfte hierarchisch-katholische Kirche, ist das für mich ein Schreckensszenario. Ich glaube, dass die evangelische Volkskirche kaputtgeht. Mit dem Druck auf die Ge­wissen wird man sie jedenfalls nicht ­retten können. Der Gott der Bibel hat es nicht nötig, sich einem Volk im über­satten Wohlstand anzudienen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.04.2015, 23:30 Uhr

Der 60-jährige Paul Bernhard Rothen ist seit 2010 Pfarrer in Hundwil AR. Zuvor war er Basler Münsterpfarrer. Für viele zu offen, zu engagiert und zu kritisch, wurde er dort entlassen. Rothen hat Bücher über Karl Barth und Mani Matter geschrieben, aber auch über die Grundlagen des Pfarramts. Sein letztes Werk: «Auf Sand gebaut. Warum die evangelischen Kirchen zerfallen». (mm)

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