Die letzte Reise

Die Schweiz hat in Grossbritannien ein tödliches Image: Die neue Redewendung «Going to Switzerland» steht für die Reise in den gewünschten Tod, als Umschreibung für den assistierten Suizid.

Die Schweiz steht neuerdings auch für assistierten Suizid: Messebesucher informieren sich am Stand der Sterbehilfe-Organisation EXIT an der MUBA 2013.

Die Schweiz steht neuerdings auch für assistierten Suizid: Messebesucher informieren sich am Stand der Sterbehilfe-Organisation EXIT an der MUBA 2013. Bild: Patrick Staub/Keystone

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Die Schweiz steht für: Schokolade, Käse und Uhren. Für Banken, Berge und Kühe – und neuerdings auch für ­assistierten Suizid. Die Zahl der ­Aus­länder, die in die Schweiz reisen, um Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen, hat sich in den letzten vier Jahren verdoppelt. Zu diesem Schluss ist kürzlich eine Studie der Universität Zürich gelangt (TA vom 21. August).

2012 reisten 172 Menschen als «Sterbetouristen» in die Schweiz, 29 von ihnen waren aus Grossbritannien. Diese Zahl reichte bereits aus, dass sich auf der Insel die Wendung «Going to Switzerland» einbürgerte. Sie steht für die Reise in den gewünschten Tod, als Umschreibung für den assistierten Suizid.

Die britische Metapher fand weltweit Beachtung. Die Washingtoner Zeitschrift «The Atlantic» etwa nahm sie zum Anlass, über den Sterbetourismus und das zugrunde liegende Angebot in der Schweiz zu berichten. 2012 waren es immerhin sieben US-Bürger, die «in die Schweiz gingen». Und von dort weiter in den Himmel. Oder in die ewigen Jagdgründe.

Ähnlich, wenn auch weniger ernst, wurde Belize vor einem Jahr zur tödlichen Destination. Die Hauptfigur in der Fernsehserie «Breaking Bad» drohte einem Anwalt mit einer Reise in die Karibik: «I’ll send you on a trip to Belize»; das zentral­amerikanische Land weist eine der höchsten Mordraten aus. Die dortige Tourismus­behörde reagierte gewieft und lud die Filmcrew ein, sich in Belize von den Dreharbeiten zu erholen. Fortan wurden die Darsteller in Interviews gefragt, ob das Drehbuch vorsehe, sie nach Belize zu schicken.

Bereits für den normalen, den natürlichen Tod suchen wir nach Begriffen und Metaphern. Schlimmer ist der Gedanke, dass wir unser Leben irgendwann nicht mehr für lebenswert halten könnten.

«Going to Switzerland» ist ein Weg, etwas Unliebsamem auszuweichen. Themen, mit denen wir uns nicht gerne auseinandersetzen, sprechen wir auch nicht gerne an. Gerade beim Tod sind wir Meister im Beschönigen und Ausweichen. Und so werden Menschen heimgeholt, sie gehen von uns, verlassen uns, sie haben ihre letzte Reise angetreten. Manche eben über die Schweiz.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.08.2014, 07:47 Uhr

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