«Diese Tempo-Limite überzeugt mich nicht»

Der Bundesrat hat vorgestern Massnahmen im Kampf gegen Staus auf Autobahnen präsentiert. Soziologe Dirk Helbing plädiert für eine einfache, aber wirksame Lösung.

«Es gibt ein einfaches Mittel dagegen»: Stau auf der A6 in Muri bei Bern.

«Es gibt ein einfaches Mittel dagegen»: Stau auf der A6 in Muri bei Bern. Bild: Keystone

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BaZ: Herr Helbing, ärgern Sie sich eigentlich, wenn Sie in einen Stau geraten? Immerhin haben Sie in einem solchen Moment die Möglichkeit, Ihre Theorien in der Praxis zu überprüfen.
Dirk Helbing: Natürlich, über Staus ärgern sich auch Wissenschaftler. Ein spannender Forschungsgegenstand sind sie dennoch.

Wie entsteht ein Autobahnstau?
In der Regel durch einen Kapazitätsengpass. Das kann eine Zufahrt sein, das kann aber auch ein Unfall oder eine Baustelle sein, die eine Spur vorübergehend unbefahrbar machen. Der andere Fall ist der sogenannte Stau aus dem Nichts. Er tritt auf, wenn die Verkehrsdichte zu hoch ist. Dann können sich kleine Schwankungen im Verkehrsfluss so sehr aufschaukeln, dass der Verkehr zusammenbricht.

Wie passiert das?
Im optimalen Fall fahren alle Autos exakt gleich schnell. Nun ist es aber so, dass immer jemand aus irgendeinem Grund bremst. Das Folgefahrzeug muss darauf ebenfalls bremsen, und zwar etwas stärker, weil dessen Fahrer erst mit einer kurzen Verzögerung bemerkt, dass das Vorderfahrzeug abgebremst hat. Das setzt eine Kettenreaktion in Gang mit dem Ergebnis, dass der Verkehr zum Erliegen kommt, obwohl jeder einzelne Fahrer sein Bestes gibt, möglichst zügig voranzukommen.

Das heisst, Staus lassen sich nicht einmal theoretisch ausschliessen?
Der Stau aus dem Nichts erfolgt zwangsläufig, wenn die Verkehrsdichte zu hoch wird. Das haben auch Experimente gezeigt. Man liess zum Beispiel Autos im Kreis fahren und hat festgestellt, dass sich die Autos ab einer gewissen Anzahl stauten, auch wenn es Platz gehabt hätte für zusätzliche Autos. Das passiert in der Tierwelt nicht unbedingt.

Inwiefern?
Fischschwärme koordinieren sich besser, und auch auf Ameisenstrassen gibt es keine Staus. Wenn Ameisen merken, dass eine Route an ihre Belastungsgrenze stösst, eröffnen sie einfach eine zweite Strasse.

Spontan eine Autobahn zu bauen, ist für uns Menschen aber etwas schwieriger.
Das Analoge ist ein Informationssystem, das uns über Alternativrouten informiert, wenn eine Strecke blockiert ist.

Solche Systeme gibt es bereits – und trotzdem haben wir noch Staus.
Soviel ich weiss, versorgen diese Systeme alle Fahrer mit ähnlichen oder derselben Information. Das kann dazu führen, dass mehr Autos dieselbe Alternativroute benützen, als sinnvoll ist. Die Lösung wäre ein System, das den einzelnen Fahrern unterschiedliche Strecken empfiehlt. Das führt aber zum Problem, dass die einzelnen Fahrer ungleich behandelt werden. Um einen Stau zu vermeiden, müssten Einzelne eine längere Strecke fahren als andere. Das wäre für das Gesamtsystem zwar das Beste, aber eben nicht für jeden einzelnen Fahrer. Man müsste also irgendwie sicherstellen, dass sich die längeren Fahrten auf lange Sicht gleichmässig auf die verschiedenen Verkehrsteilnehmer verteilen. So weit sind wir noch nicht.

Der Bundesrat hat Massnahmen präsentiert, wie Staus auf Autobahnen reduziert werden sollen. Eine sieht vor, die Höchstgeschwindigkeit in Stosszeiten teilweise auf 80 km/h zu beschränken.
Die 80-km/h-Limite überzeugt mich nicht. Wissenschaftlich gibt es nur schwache Argumente dafür, wenn überhaupt. Die 80 km/h erscheinen nur deshalb vorteilhaft, weil das die Geschwindigkeit ist, mit der die Lastwagen fahren. Das heisst, man orientiert sich am langsamsten Verkehrsteilnehmer, weil der Verkehr dann am stabilsten ist, wenn alle ungefähr gleich schnell fahren und grössere Bremsmanöver ausbleiben. Das Problem hierbei ist: 80 km/h sind zugleich etwa die Geschwindigkeit, bei der sich der Verkehrsfluss destabilisiert. Das können Sie beobachten, wenn Sie im Auto sitzen: Fahren Sie auf der Autobahn und die Tachonadel fällt über längere Zeit unter 85 km/h, folgt fast immer ein Stau.

Aber ist das nicht eher die Folge eines aufziehenden Staus als dessen Auslöser?
Nein, es ist vielmehr die Geschwindigkeit, die zur kritischen Verkehrsdichte gehört, bei welcher der Verkehrsfluss instabil wird und daher früher oder später zusammenbricht.

Der Bundesrat will auch die Überholverbote für Lastwagen ausweiten. Wie beurteilen Sie diese Massnahme?
Das ist wesentlich wirksamer. Viele Staus entstehen, weil sich Lastwagen sogenannte Elefantenrennen liefern. Das heisst, der eine Lastwagen überholt den anderen, und weil Lastwagen für ein solches Manöver länger brauchen als Autos, bilden sich hinter ihnen Warteschlangen, die einen Stau verursachen können. Ein Überholverbot für Lastwagen in Stosszeiten wäre das einfachste Mittel, um Staus zu reduzieren. (Basler Zeitung)

Erstellt: 20.01.2012, 23:04 Uhr

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Dirk Helbing hat in Göttingen Physik studiert und ist heute Professor für Soziologie an der ETH Zürich. Er forscht seit vielen Jahren über Staus.

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