EU wollte mehr Geld für Erasmus

Wie nun publik wurde, bestanden bereits vor dem Ja zur Zuwanderungsinitiative Probleme mit dem Austauschprogramm für Studenten. Das Parlament hatte zu wenig Geld dafür gesprochen.

Studenten sind über die Einstellung des Austauschprogramms empört: Transparent vor dem Bundeshaus. (20. Februar 2014)

Studenten sind über die Einstellung des Austauschprogramms empört: Transparent vor dem Bundeshaus. (20. Februar 2014) Bild: Marcel Bieri/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Vor dem Abbruch der Verhandlungen über eine Teilnahme an Erasmus hat die EU mehr Geld von der Schweiz verlangt. Bundesrat Schneider-Ammann bestätigte gegenüber Radio SRF entsprechende Recherchen. Einen Zusammenhang mit einem Erasmus-Aus sieht er nicht. Derweil haben über 10'000 Personen einen Appell für einen offenen Hochschulraum unterzeichnet.

«Wir haben tatsächlich aus Brüssel zur Kenntnis nehmen müssen, dass mehr Mittel erwartet sind (von der Schweiz an die EU, Anm. der Red.), als das Parlament beschlossen hatte», sagte Bildungsminister Johann Schneider-Ammann am Mittwoch im Radio. Er habe den Bundesrat zwei Wochen vor der Volksabstimmung vom 9. Februar über die neue Forderung der EU informiert.

Antrag auf Nachzahlung angeboten

Nach dem Ja zur SVP-Zuwanderungsinitiative brach die EU die Verhandlungen mit der Schweiz über das Studierendenaustauschprogramm Erasmus ab. Bei einem Nein wäre dies nicht passiert, sagte Schneider-Ammann: «Für mein Verständnis wäre das Abkommen, so wie vom Parlament beschlossen, vereinbart worden.» Man habe der EU angeboten, dem Parlament zu einem späteren Zeitpunkt einen Antrag auf zusätzliche Zahlungen an die EU zu unterbreiten.

Auch der Informationschef von Schneider-Ammanns Departement, Rudolf Christen, sieht keinen Zusammenhang zwischen den Geldforderungen der EU und dem Abbruch der Verhandlungen, wie er auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda sagte: «Es gab keine Verknüpfung. Das Abkommen wäre bei einem Nein zur Zuwanderungsinitiative in Kraft getreten.»

Keine Angaben zur Höhe der Forderungen

Das Parlament hatte im vergangenen Jahr rund 306 Millionen Franken für die Schweizer Teilnahme am neuen Erasmus-Programm bewilligt. Die Verhandlungen konnten trotzdem nicht wie geplant bis Ende 2013 abgeschlossen werden. Wie viele zusätzliche Mittel die EU von der Schweiz verlangt hatte, konnte Christen nicht sagen.

Am Dienstag hatte der Verband der Schweizer Studierendenschaften wegen des drohenden Erasmus-Aus einen «Appell für einen offenen europäischen Hochschulraum» lanciert. Gemäss Angaben des Verbands haben nun in den ersten 24 Stunden bereits über 10'000 Personen unterzeichnet. Dies teilte der Studierendenverband VSS mit. Die Unterzeichnenden stammen demnach aus der Schweiz und aus zahlreichen weiteren Ländern weltweit.

Der Appell hat zum Ziel, dass sich alle Personen der akademischen Gemeinschaft für einen offenen europäischen und internationalen Hochschulraum einsetzen. Zudem sollen sie sich dafür aussprechen, dass die Schweiz weiterhin an den europäischen Bildungs- und Forschungsprogrammen teilnehmen kann.

Studenten nehmen Blocher beim Wort

Weil nach dem Ja zur Zuwanderungsinitiative nicht klar ist, wie es mit dem Uni-Austauschprogramm weitergehen soll, hat Christoph Blocher in einem Radiobeitrag betroffenen Studenten spontan seine Hilfe angeboten. Diese reagierten prompt und deponierten ihre Anliegen an Blocher auf einer fingierten Internet-Helpline.

Er kenne selbst keine Studenten, die in den nächsten zwei Jahren nach der Abstimmung vom 9. Februar nicht wie geplant im Ausland werden studieren können. Dies sagte Blocher als Vater der SVP-Einbürgerungsinitiative am Dienstag dem Westschweizer Radio RTS.

Studierende, die wegen dem Ausschluss der Schweiz aus den europäischen Austausch- und Forschungsprogrammen Probleme hätten, sollten ihm schreiben, schlug Blocher vor: «Ich werde mir anschauen, aus welchem Grund ihr nicht im Ausland studieren könnt, und euch helfen.»

Juso installiert Helpline

Die Waadtländer Juso reagierte umgehend und setzte eine Internet-Helpline für betroffene Studenten und Studentinnen auf. «Nehmen wir ihn beim Wort! Schreiben wir ihm und fordern wir seine Unterstützung bei Erasmus», steht auf helpline-blocher.org zu lesen.

Bis zum Mittwochnachmittag waren bereits rund 120 Kommentare aufgeschaltet. Zahlreiche weitere warten noch auf ihre Freischaltung. Viele der mehrheitlich auf Französisch verfassten Kommentare waren sehr höflich geschrieben - und nicht ganz frei von Ironie.

Vielen herzlichen Dank

«Bonjour M. Blocher», schreibt etwa jemand unter dem Namen Chantal aus Lausanne. Sie sei Medizinstudentin im dritten Jahr und habe für das Studienjahr 2014/15 ein Austauschjahr in Deutschland geplant. Ohne Erasmus-Stipendium wäre dieses Projekt ins Wasser gefallen. Dank Blochers grosszügigem Hilfeangebot scheine der Austausch nun aber trotzdem möglich. «Danke im Voraus!», schliesst sie ihren Brief.

«Vielen herzlichen Dank für ihre Unterstützung», schreibt auch Jason. «Endlich ein konkreter Vorschlag.» Er werde Blocher die Rechnung für seinen UK-Aufenthalt direkt zukommen lassen. «Sie sind ein grosszügiger und guter Mensch», findet er.

Auch Etienne nahm den Volkstribun beim Wort. Er habe vorgehabt, seine Doktorarbeit in Medizin in einem Labor zu machen, das durch europäische Forschungsgelder finanziert werde. «Könnten sie die Doktorarbeit finanzieren, falls dem Labor plötzlich die Mittel abgehen?», fragt er.

Dass Blocher über die für die Einlösung seiner Versprechen nötigen finanziellen Mittel auch verfügt – daran zumindest scheint niemand zu zweifeln.

(mw/sda)

Erstellt: 05.03.2014, 19:46 Uhr

Artikel zum Thema

Studenten und Forscher fordern Beteiligung an EU-Programmen

Rund 400 Vertreter aus Bildung und Forschung protestieren mit einer Petition gegen die Rückstufung der Schweiz bei den EU-Forschungsprogrammen Horizon 2020 und Erasmus+. Mehr...

Schweizer Studenten sind auslandscheu

Trotz Erasmus bleiben viele Studierende lieber in der Schweiz – und kommen so schneller zu ihrem Diplom. Mehr...

Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Erasmus-Aus

Q&A Der Ausschluss der Schweiz aus dem EU-Bildungsprogramm Erasmus+ verunsichert Studenten und Hochschulen. Der Bundesrat kann die Situation entschärfen. Mehr...

Blog

Kommentare

Das Immobilien-Portal für Basel und die Region

Die Welt in Bildern

Wässern für die Kameras: First Lady Melania Trump posiert mit Giesskanne im Garten des Weissen Hauses in Washington DC. (22. September 2017)
(Bild: Michael Reynolds/EPA) Mehr...