Ein Lehrstück zum Heulen

Die Bier-Attacke auf Mario Fehr: Was der Fall über Journalismus, Recht und Werte erzählt.

Eine schwere Beleidigung. Mario Fehr wurde im Mai 2017 an einem Match des FC Winterthurs mit Bier übergossen. Nun kocht die Affäre wieder hoch.

Eine schwere Beleidigung. Mario Fehr wurde im Mai 2017 an einem Match des FC Winterthurs mit Bier übergossen. Nun kocht die Affäre wieder hoch. Bild: Keystone

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Vor nichts fürchten sich Journalisten mehr, als vor einem leeren Blatt Papier zu sitzen und keine Idee zu haben. Der Abgabetermin drängt. «Irgendetwas muss da rein», grübeln sie verzweifelt und schreiben irgendetwas. Oft ist es etwas Erfundenes. Jedenfalls ohne mühsame Recherche.

Dieser Tage hat es wieder einige erwischt. Angefangen hat das Internet-Magazin Republik. Mit einer Suada von 18'500 Zeichen erzählt die Republik der Leseschar, «Majestät» Mario Fehr, der Zürcher SP-Regierungsrat, Polizei- und Sicherheitsdirektor, sei beleidigt, weil er ein Sprützchen Bier abbekommen habe, und er habe dann flugs seine eigene Polizei auf den Täter gehetzt. Sofort auf diese Geschichte aufgesprungen ist natürlich der Tages-Anzeiger, der brav kolportierte (abschrieb), was in der Republik stand. Tags darauf musste natürlich auch die NZZ nachziehen und kolportierte (schrieb ab), was im Tages-Anzeiger stand.

Hurra, wir schreiben ab

Diese Geschichte wäre zum Heulen, wenn sie nicht drei Komponenten hätte, über die nachzudenken sich lohnt. Erstens ist die Geschichte ein Lehrstück für schlechten Journalismus: Der Republik-Text ist ein Füllhorn von unbelegten Behauptungen. Sämtliche Quellen gegen Mario Fehr sind anonym. Nichts in diesem Text lässt sich überprüfen. Mit journalistischer Ethik hat das nichts zu tun. Eine Aussage als Original zu zitieren, aber nicht sagen, von wem diese Aussage stammt, ist ein bekannter Trick, mit dem Authentizität vorgegaukelt wird, aber meistens nur warme Luft drinsteckt.

Der Tages-Anzeiger fand es unnötig, nachzurecherchieren. Er schrieb einfach ab. Das geht schnell und ist billig. Dabei hätte gerade der Tages-Anzeiger gewarnt sein müssen. Denn genau drei Wochen bevor er die Republik-Suada samt ihren unbelegten Behauptungen kolportierte, hatte er einen ganzseitigen Verriss gegen Hanspeter Lebrument (Verleger Somedia, Ex-Präsident Verband Schweizer Medien) veröffentlicht. Der Artikel enthielt nur anonyme Zitate und eine Handvoll flapsiger Injurien. Dieser Anti-Lebrument-Artikel entsprang einer derart tiefen Schublade, dass der Verlag des Tages-Anzeigers den Artikel zurückzog. Im Archiv ist er gelöscht. Daraufhin bekannte die Tages-Anzeiger-Redaktion zerknirscht, man wolle der journalistischen Qualität (wieder) mehr Beachtung schenken. Das Versprechen hat nur drei Wochen gehalten. Die NZZ am Sonntag befleissigte sich, den Tages-Anzeiger in Schutz zu nehmen. Sie deckte einen wahren Skandal brühwarm auf. Nämlich: Hört, hört! Hanspeter Lebrument und Tamedia-Verwaltungsratspräsident Pietro Suppino sind befreundet. Der Pietro hat dem Hampi einen Gefallen getan. Igitt, was für ein gruusiger Sumpf.

Selbstverständlich durfte sich auch die NZZ über die Mario-Fehr-Bier-Story mokieren. Und auch sie, das Qualitätsblatt erster Güte, dessen Chefredaktor sich vor vierzehn Tagen an der Generalversammlung seiner Aktionäre dazu bekannt hat, voll auf Publizistik, also Qualität zu setzen, hat die Geschichte mit dem Bier auf Mario Fehrs Kopf nicht geprüft. Aber abgeschrieben. Das ist einfacher und billiger.

Journalismus, der die Sorgfalt missachtet, Journalismus, der behauptet, statt zu beweisen, hat keinen staatsbürgerlichen Wert, sondern liefert Stoff für unbedarfte Gemüter.

Hurra, ein Vorstoss

Vor nichts fürchten sich Parlamentarier mehr, als vor ereignislosen Tagen, die für einen Vorstoss oder ein Votum nichts hergeben, sodass man an der nächsten Session nichts einreichen und nichts sagen kann. Diesmal war es anders. Das von der Republik reichlich ausgeschenkte Füllhorn, dessen schwer verdaulicher Inhalt von den Zürcher Leitmedien dankbar aufgelesen wurde, bietet Stoff vom Feinsten. Die SVP ist im Zürcher Kantonsrat der Geschichte auf den Leim gekrochen. Das ist ihr angesichts der Niederlagen in kommunalen Wahlen vom vergangenen Wochenende gnädig nachzusehen. Sie lenkte geschickt ab und bediente sich in der Ratssitzung vom Montag der von den Medien verwendeten Floskeln («Majestätsbeleidigung») noch so gerne, indem sie im Rathaus mit «Sonnenkönig» noch eins draufgab. Mario Fehr habe, weil der Täter Sohn einer SP-Regierungsrätin aus dem Thurgau sei, «Willkür» walten lassen, indem er ihn schliesslich strafrechtlich nicht belangte.

Ebenfalls eingereiht in die unbedarften Zeitungsleser hat sich die Alternative Liste (AL) im Rathaus. Sie will Details erfahren, denn sie wittert «Befangenheit», weil die Kantonspolizei ermittelt habe statt die Stadtpolizei Winterthur. Die gleiche AL wollte aber nie etwas Genaueres wissen, als Nationalrat Hans Fehr (SVP) auf offener Strasse verprügelt wurde, als der Stadtzürcher SVP-Präsident Mauro Tuena und der Zürcher Stadtrat Filippo Leutenegger (FDP) auf dem besetzten Binz-Areal handgreiflich attackiert wurden. SVP und die AL haben billig von sich reden gemacht. Les extrêmes se touchent.

Erst Bier, dann...

Zweitens hat die Geschichte einen rechtsstaatlichen Hintergrund. Im Republik-Artikel und in seinen treuen Vasallen-Texten wird insinuiert, die Polizei habe Gescheiteres zu tun, als hinter jemandem her zu sein, der ein bisschen Bier verschüttet hat. Und es sei eines Magistraten unwürdig, seine Hermandad deswegen loszuschicken. Die Texten der Zeitungen stützen sich auf anonyme – also unbelegte – Aussagen unbekannter Polizisten ab. Keine Zeitung hinterfragt diese behaupteten Aussagen, keine Zeitung erkennt in der Attacke ein gesellschaftliches Problem, ein Sicherheitsproblem.

Was SP-Regierungsrat Mario Fehr zugestossen ist, ist keine Lappalie. Wer sagt denn, dass nicht irgendein Verrückter einer Politikerin oder einem Politiker einmal etwas anderes als Bier ins Gesicht schüttet? Man kommt ja problemlos an die Leute heran. Der Täter hat sich Mario Fehr ausgesucht. Er wusste, wer sein Opfer ist. Er hat gezielt gehandelt. Das war keine Affekthandlung. Das lässt sich steigern. Noch haben Politiker in unserem Land die Freiheit, sich ohne Gorillas in der Bevölkerung zu bewegen. Das ist eine grosse Errungenschaft, die man nicht leichtfertig gefährden darf. Wer sich über Bier im Gesicht eines Politikers ergötzt, erkennt das Potenzial hinter einer solchen Handlung nicht.

Polizisten, so es denn stimmt, was die Zeitungen schrieben, die einen Täter aus welchen Gründen auch immer lieber laufen lassen würden beziehungsweise die Ermittlung lieber schleifen lassen würden, machen sich strafbar. Das wäre Begünstigung. Eine solche Polizei wäre einer Demokratie unwürdig. Würden die Zeitungen wirklich etwas auf sich halten, wären sie der Begünstigung nachgegangen. Sie taten es nicht, weil sie zu Recht ahnten, dass nichts dran ist. Aber irgendetwas hinschreiben.

Keine Gaudi

Drittens lenkt die Attacke auf Mario Fehr einen kritischen Blick auf die Basis der Gesellschaft. Erziehung, Respekt und Werte. Der Täter, der Mario Fehr mit Bier überschüttete, ist kein jugendlicher Rotzbengel, sondern ein erwachsener Mann von 30 Jahren. Er wusste genau, was er tat. Er wusste genau, wen er traf. Er wusste genau, wer seine Mutter ist (Regierungsrätin, Polizeivorsteherin Kanton Thurgau). Er wusste genau, dass seine Tat Konsequenzen hat. Dennoch tat er es. Er hat damit seine Familie geschädigt. Jeder Täter weiss, dass er mit seiner Tat seine persönliche Umgebung mindestens in Erklärungsnot bringt. Das war auch hier der Fall. Und das war auch der Fall mit den Kindern des Zürcher Polizeivorstehers Richard Wolff von der AL, die genau wussten, was sie taten (sie verkehrten auf dem besetzten Koch-Areal), und genau wussten, dass sie damit ihren Vater in die Bredouille brachten.

Einfache Gemüter werden sich fragen, warum diese Eltern ihre Kinder nicht besser erzogen haben. Das lässt sich nicht vermeiden, lenkt aber vom Kern der Sache ab. Richtige Erziehung vermittelt nicht Geradesitzen und Scham, sondern die Fähigkeit, Respekt und Werte zu verstehen. Respekt und Werte werden aber nicht nur in der Kinderstube vermittelt, sondern in der Mitte jeder zivilisierten Gesellschaft immer wieder neu gelebt, gepflegt und verteidigt. Wenn sich in feuchtfröhlicher Runde junge Männer gegenseitig Bier ins Gesicht schütten, ist das nicht respektlos, sondern eine Gaudi.

Schüttet man aber die Tranksame einer fremden Person ins Gesicht, ist das je nach Kulturkreis eine schwere Beleidigung oder eine miese Respektlosigkeit, im schlimmsten Fall eine Körperverletzung. Wer eine solche Tat verharmlost oder ins Lächerliche zieht, verkennt, wie bereits gesagt, das Ausmass der Tat. Respekt ist man immer geschuldet. Nicht nur gegenüber Magistraten. Respekt gebührt selbst dem politischen Gegner. Respekt ist keine unbesehene Billigung, sondern ein kultureller Wert der freien Gesellschaft, der nicht preisgegeben werden darf.

Hartmuth Attenhofer, Zürich, war Kantonsratspräsident des Kantons Zürich und Statthalter des Bezirks Zürich. Er ist Mitglied der Sozialdemokratischen Partei. (Basler Zeitung)

Erstellt: 28.04.2018, 09:15 Uhr

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