Ein Zürcher im Dienste des Papstes

Der Schweizer Theologe Martin Rhonheimer ist einer der einflussreichsten Denker im Vatikan. Der Islam sei mit dem säkularen Staat nur schwer Vereinbar, schreibt er in einem neuen Buch.

Der Islam bilde «die radikale Antithese zur säkularen Kultur des demokratischen Verfassungsstaates», sagt Martin Rhonheimer.

Der Islam bilde «die radikale Antithese zur säkularen Kultur des demokratischen Verfassungsstaates», sagt Martin Rhonheimer. Bild: Tanja Demarmels

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Als Siebenjähriger entscheidet sich Martin Rhonheimer für das ewige Leben. Jahre später hätten ihm seine Eltern erzählt, das Glaubensbekenntnis habe er bei seiner Taufe «ganz schnell heruntergehaspelt», doch die sechs Worte am Ende – «Ich glaube an das ewige Leben», die habe er laut und deutlich in die Kirche hineingerufen.

Wir treffen Rhonheimer in einer Bar im Zürcher Hauptbahnhof. Hektisch geht es zu hier, ein wenig laut ist es auch. Ein Mann im Gewand eines Priesters fällt auf, vor allem wenn auch noch eine auffallend hübsche blonde Fotografin um ihn ist. Rhonheimer ist das Ganze ein wenig unangenehm, nicht die Anwesenheit der Fotografin, denn die findet er sehr charmant, wohl aber das Aufsehen, das er hier erregt. Und so braucht es einige Zeit, bis wir den Lärm der Welt vergessen und hineingezogen werden in Rhonheimers Lebensgeschichte und Gedankenwelt.

Heute, Jahrzehnte nach seiner Konversion, zählt der 62-Jährige zu den bedeutendsten katholischen Intellektuellen der Schweiz. Als Professor für Ethik und politische Philosophie an der päpstlichen Universität Santa Croce in Rom berät er auch Papst Benedikt XVI. In die Wiege gelegt wurde Martin Rhonheimer der römische Glaube freilich nicht. «Meine Familie ist zu drei Vierteln jüdisch», berichtet er. «Nach den Nürnberger Rassegesetzen der Nazis wären wir Volljuden gewesen.» Religiös aufgewachsen seien sein Bruder und er aber nicht. Das habe die freidenkerische Mutter verhindert. Der Vater habe seine Söhne beschneiden lassen. «Lassen Sie’s mal machen, dann können sich die Kinder immer noch dafür oder dagegen entscheiden», habe ihm ein schlauer Rabbiner gesagt. Dass die Buben eines Tages katholisch werden würden, hätte da noch niemand gedacht.

Eine Kindheit am Zürichberg

Es ist eine grossbürgerliche Familie, in der Martin Rhonheimer aufwächst: eine Kindheit am Zürichberg. Der Vater Hans-Georg Rhonheimer ist Textilhändler. Als Marketingchef der Abraham AG beliefert er die bedeutendsten Pariser Couturiers mit edlen Seidenstoffen. Wie kommt man mit sieben darauf, katholisch zu werden? «Mein älterer Bruder besuchte den katholischen Religionsunterricht und wollte konvertieren», erinnert sich Rhonheimer. «Als Kind hat man einen einfachen Zugang zum Glauben.» Schon Jesus Christus habe ja gesagt: «Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, könnt ihr nicht in das Himmelreich eintreten.»

Im reformierten Zürich gehören Martin Rhonheimer und sein Bruder gleich zwei Minderheiten an. Rhonheimer illustriert das mit einer Anekdote: Anfang der 70er-Jahre hört sein Vater zufällig ein Gespräch in der «Kronenhalle» mit: «Die sind jüdisch und erst noch katholisch!», zischt einer der Gäste am Nebentisch, als das Gespräch auf Martin und seinen Bruder kommt. Die Brüder Rhonheimer zählen damals zu den führenden Köpfen der Zürcher Studentenpolitik. Sie fallen auf in der Stadt, offenbar nicht nur positiv. Dennoch: «Als Kinder spürten wir das nicht», sagt Martin Rhonheimer, wenn man ihn fragt, ob er jemals irgendwelche Nachteile gehabt habe als Katholik in der Zwinglistadt. An Fronleichnam etwa habe ihm der Lehrer ohne grosse Diskussionen Dispens erteilt, sodass er die Messe und die Prozession besuchen konnte.

«Bewusst katholisch»

Das katholische Zürich ist in jener Zeit noch ein in sich abgeschlossenes Milieu, eine religiöse Minderheit, die vor allem aus Zuwanderern aus der Innerschweiz besteht. Rhonheimer als Konvertit gehört nicht dazu. «Wir waren bewusst katholisch, die anderen waren in den Katholizismus hineingeboren worden», sagt er. Auch später, auf der Klosterschule im obwaldnerischen Sarnen, habe er das so empfunden. Vielleicht wurde er gerade deswegen zum Konservativen. Es ist die Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils. In den 60er-Jahren befindet sich die Weltkirche im Aufbruch, es ist eine Kirche, die sich modernisiert. Ein Weg, den Martin Rhonheimer nicht immer mitgeht. «Andere schwammen mit den Trends, wir schwammen bewusst gegen den Strom.»

1970 kommt Rhonheimer zum Studium zurück nach Zürich. Die Ereignisse der vergangenen Jahre haben ihn politisiert. Als «konservativ und antimarxistisch» bezeichnet er sich damals, dem linken Zeitgeist, der an der Universität herrscht, will er etwas entgegensetzen. Also engagiert er sich in der Studentenpolitik. Es ist eine aufregende Zeit. Mit dem heutigen grünen Nationalrat Daniel Vischer, der damals aus Basel nach Zürich kam, habe er oft «die Klingen gekreuzt». «Ein richtiger Kommunist» sei Vischer damals noch gewesen, erinnert sich Rhonheimer schmunzelnd.

1971 wird der Philosoph Hermann Lübbe nach Zürich berufen. Lübbe, liberal-konservatives SPD-Mitglied, hat sich in Deutschland einen Namen als Bildungsreformer gemacht. Nun will er nur noch weg aus seinem Heimatland. Studentische Mitbestimmung, endlose Diskussionen, all das hat es ihm unmöglich gemacht, überhaupt noch zu forschen und zu unterrichten. Linke ZürcherStudenten verteilen Flugblätter: «Wir wollen Lübbe nicht.» Rhonheimer erinnert sich an Lübbes Probevorlesung: In W-Form hätten sich die linken Kommilitonen im Hörsaal verteilt, um bei der Diskussion den Eindruck zu erwecken, sie seien ungeheuer zahlreich. Dennoch: Lübbe wird berufen – und Martin Rhonheimer, der zu den engagiertesten Fürsprechern Lübbes gehört, wird sein Assistent.

Akademische Irritationen

1974 stösst Rhonheimer zur katholischen Laienorganisation Opus Dei, später studiert er Theologie und wird schliesslich Priester. Für seine akademische Karriere erweist sich die Mitgliedschaft im Opus Dei, das als konservativ gilt, nicht unbedingt als vorteilhaft. Otfried Höffe, bei dem Rhonheimer in Freiburg habilitieren will, wird misstrauisch, als er erfährt, dass der einen Jugendclub der Organisation leitet. Schliesslich setzt Rhonheimer seine Habilitation bei Wolfgang Kluxen fort.

Manche würden Rhonheimer wohl als reaktionär beschreiben, doch er selbst bezeichnet sich als «katholischen Liberalen». Lebensfremden Dogmatismus kann man ihm nicht vorwerfen. 2004 veröffentlicht er einen Aufsatz im katholischen Magazin «The Tablet», in dem er die Ansicht vertritt, man solle Prostituierten nicht davon abraten, Kondome zu benutzen: «Es wäre ja Unsinn, ihnen zu sagen: Macht es ohne Kondom, dann sündigt ihr weniger.» Auch wenn ihr Lebensstil abzulehnen sei, würden sie damit zumindest etwas Verantwortungssinn zeigen. Eine Position, die Benedikt XVI. 2010 übernimmt.

Keine leichte Sommerlektüre

Nun aber doch noch zum eigentlichen Grund unseres Gesprächs, Rhonheimers neuestem Buch. Fast 500 Seiten hat es, alles andere als leichte Sommerlektüre. Dennoch ist nach vier Monaten bereits die zweite Auflage erschienen, und in akademischem Kreisen erfährt das Werk hohe Anerkennung. Ein international renommierter Rechtsgelehrter hat das Vorwort beigesteuert: Ernst-Wolfgang Böckenförde, früher Richter am deutschen Bundesverfassungsgericht.

Rhonheimers These, stark vereinfacht gesagt: Die Trennung von Staat und Religion ist aus dem Christentum hervorgegangen, Aufklärung und Moderne sind folglich auf dem Boden des Christentums gewachsen. «Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist», predigte schon Jesus Christus. Es ist aber nun nicht so, dass Rhonheimer die abendländische Geschichte beschönigend darstellen würde: Über die Jahrhunderte war das Verhältnis von Staat und Kirche nicht frei von Spannungen und Konflikten: Mal verbündete sich die Kirche mit dem Staat, dann wieder rangen beide um Macht und Einfluss.

Trennung beider Sphären

Aber gerade dadurch, dass die Kirche ihre Freiheit gegenüber weltlichen Machthabern immer wieder verteidigen musste, seien überhaupt erst die Voraussetzungen für die Trennung beider Sphären entstanden, meint Rhonheimer – und damit auch die Grundlagen für die Gewaltenteilung und die Anerkennung der Menschenrechte, durch die sich der westliche Rechtsstaat auszeichnet.

Ganz anders im Islam: Seit der Gründung der Religion durch Mohammed im 6. Jahrhundert seien zumindest dem Ideal nach religiöse und staatliche Autorität ein und dasselbe. Habe das Christentum von Anfang an das Römische Recht anerkannt, so sei die Rechtsprechung in der islamischen Welt aus den heiligen Schriften, dem Koran und der Scharia, hervorgegangen. Vor diesem Hintergrund ist Rhonheimer skeptisch, was die Vereinbarkeit von Islam und säkularer Moderne angeht. «Um den säkularen Staat und die westliche Demokratie anzuerkennen, müsste der Islam wesentliche Elemente seiner theologischen Substanz aufgeben», gibt er zu bedenken. Vorläufig bilde der Islam «die radikale Antithese zur säkularen Kultur des demokratischen Verfassungsstaates».

Auch die jüngsten Ereignisse in der arabischen Welt sieht Rhonheimer mit gemischten Gefühlen. Wohin sich der «arabische Frühling» entwickeln werde, und ob man überhaupt von einem «Frühling» reden könne, das sei noch völlig offen. Politische Voraussagen wolle er keine machen, darauf legt Rhonheimer Wert. Es gehe ihm nicht darum, einen Kampf der Kulturen herbeizureden, vielmehr wolle er die theologischen Gründe dafür zeigen, dass der Islam bis heute kein positives Verhältnis zur Säkularität und den Werten der Aufklärung gefunden habe.

Blick über den Tellerrand

Martin Rhonheimers Interessen sind breit gestreut. Ein Philosoph müsse auch etwas von Geschichte, Recht und Ökonomie verstehen. Gerade beschäftigt er sich mit der Österreichischen Schule der Nationalökonomie, liest Friedrich von Hayek und Ludwig von Mises, Wirtschaftswissenschaftler, die gerade im deutschsprachigen Raum als unverbesserliche Ultraliberale verschrien sind. Rhonheimer ist überzeugt, sie könnten als Einzige die Gründe der derzeitigen Wirtschaftskrise erklären.

Über ökonomische Theorien referiert er genauso engagiert und kenntnisreich wie über Papst Gelasius, der Ende des 5. Jahrhunderts die Autorität der Kirche von der Macht des Kaisers abgrenzte. «Ich wollte die Welt verstehen», sagt Rhonheimer über seine Studienzeit. Das ist bis heute so geblieben. (Basler Zeitung)

Erstellt: 25.07.2012, 12:19 Uhr

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