Eine einzige Enttäuschung

Die Schweizer Energie- und Umweltpolitik ist geprägt von Unwissen und Unklarheit.

Auch wenn die Schweiz die CO2-Emissionen bis 2030 auf Null reduziert, wird sich weder unser noch das Weltklima verändern. Der Effekt ist nicht messbar.

Auch wenn die Schweiz die CO2-Emissionen bis 2030 auf Null reduziert, wird sich weder unser noch das Weltklima verändern. Der Effekt ist nicht messbar. Bild: Keystone

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Die Schweiz hat am 21. Mai 2017 Ja zum sehr strengen und ehrgeizigen Energiegesetz gesagt. Viele Bedro-hungen, Angstschürungen, Übertreibungen, Erpressungen und halbe Wahrheiten haben dies ermöglicht: Ein Nein zum Energiegesetz mache den Bau neuer Kernkraftwerke unvermeidlich; ein Nein begrabe unsere Wasserkraft; ein Nein lasse das Geld nicht hier; ein Nein führe zum Verlust von vielen Tausend (subventionierten) Arbeitsplätzen. Doch die Würfel sind gefallen, und der Volksentscheid wird respektiert.

Das Pariser Klimaabkommen vom Jahre 2015 wurde inzwischen von National- und Ständerat mit dem äusserst ambitiösen Treibhausgas-Reduktionsziel von 50 Prozent abgesegnet. Gemäss Bundesrätin Doris Leuthard kostet all dies (Energiegesetz, Klimaabkommen, neues CO2-Gesetz) jährlich höchstens 40 Franken pro Familie. Eigentlich ein Geschenk für so hoch gesetzte ehrgeizige Ziele! Tatsächlich? Man sollte nicht nur Ziele definieren, man muss sie auch umsetzen und bezahlen. Und dies kostet sehr viel mehr als nur 40 Franken pro Familie.

Zurzeit steht das künftige Finanzierungsmodell in den Sternen geschrieben: Der Nationalrat und der Ständerat haben sich definitiv gegen einen Artikel zu Energie-Lenkungsabgaben in der Bundesverfassung ausgesprochen. Die Vorlage des Bundesrates betreffend das Lenkungssystem ist damit vom Tisch. Wie geht es weiter?

Ein heuchleriches Abkommen

Am 9. Juni 2017 habe ich mir die erste und ganz gewiss auch die letzte «Arena»-Sendung angesehen. Ich war tiefst enttäuscht in jeder Hinsicht: inkompetente Moderation, oberflächliche Behandlung des Themas «Klimaproblematik, Ziele und Umsetzung», komplette Inkompetenz der Disputanten, unvollständige Erklärung seitens des anwesenden Klimawissenschafters. Das Klima ist ein extrem komplexes dynamisches und nichtlineares chaotisches System (im Sinne der Systemtheorie). Das Zurückführen von Beobachtungen an einem chaotischen System auf einzelne Faktoren ist sehr schwierig.

Zu vieles wurde während dieser «Arena»-Sendung verschwiegen oder übersprungen: Wie viel kostet die Umsetzung des Energiegesetzes und des Pariser Klimaabkommens? Wie viel kostet unser neues CO2-Gesetz? Wie viele Nationen haben für das Jahr 2030 Klimaziele definiert, welche schon heute erreicht sind? Wie viele Nationen haben Klimaziele definiert, welche sie bis zum Jahr 2030 mühelos erreichen werden? Wie viele Nationen haben eindeutig unerreichbare Klimaziele definiert? Weshalb müssen China und Indien ihre Treibhausgas-Emissionen bis zum Jahr 2030 nicht reduzieren? Wie viele Nationen lassen viele energiefressende Güter in China und Indien produzieren (Exportation der Treibhausgas-Emissionen!)? Wieso wurde die Luftfahrt vom Pariser Klimaabkommen ausgeschlossen? Last but not least: Weshalb hat man im Pariser Klimaabkommen keine Sanktionen vorgesehen?

Meine Antwort: Mit Sanktionen wäre dieses heuchlerische Klima-Abkommen mit hundertprozentiger Sicherheit gescheitert! Ich befürchte, dass dieses Abkommen die gesteckten Ziele bei Weitem nicht erreichen wird. Eine eindeutig bessere planetarische Lösung wäre sicher ein globaler CO2-Zertifikatspreis. Die Forschung, die Entwicklung und ein klar geregelter Markt führten dann automatisch zu einer effizienten Treibhausgasreduktion.

Es sei einführend erklärt, dass es einen natürlichen und einen anthropogenen (vom Menschen verursachten) Treibhauseffekt gibt. Der natürliche Treibhauseffekt ist ein «guter» Effekt, er hat das Leben auf diesem Planeten erst ermöglicht. Ohne diesen Effekt hätten wir auf der Erde eine mittlere Temperatur von minus 18 Grad Celsius. Diesen natürlichen Treibhauseffekt kennen wir inzwischen recht gut. Der weltberühmte, im Jahr 1998 verstorbene Schweizer Physiker Hans Öschger (Universität Bern) hat unglaublich viel dazu beigetragen. Er war ein grosser Pionier der Klimawissenschaft. Wenn aber heute von Klimaproblematik gesprochen wird, so denkt man in erster Linie an den anthropogenen Treibhauseffekt. Ein extrem komplexes Phänomen!

Ich möchte klarstellen, dass ich als theoretischer Physiker vom anthropogenen Treibhauseffekt überzeugt bin. Doch muss der Leser wissen, dass der anthropogene Treibhauseffekt direkt und indirekt mit sehr vielen positiven und negativen Rückkopplungseffekten verbunden ist, welche wir auch mit den heutigen komplexen Klimamodellen noch nicht genügend sicher und präzis im Griff haben.

Ein einmaliges Experiment

Die Menschheit befindet sich mitten in einem erstmaligen und einmaligen historischen Experiment, welches Jahrhunderte dauert. Absolute Wahrheiten gibt es auch in der Klimawissenschaft nicht. Wir lernen alle Tage Neues, Überraschendes und Unvorhergesehenes! Es braucht noch für lange Zeit sehr viel hochqualifizierte und hochspezialisierte Forschung, Messung und Beobachtung. Wir leben zur Zeit in einem «Eiszeitalter», welches aus glazialen Kaltzeiten (oft auch Eiszeiten genannt) und interglazialen Warmzeiten (wie heute) besteht.

Es sei daran erinnert, dass im Rahmen der vorindustriellen Klimaveränderungen einige wenige Rückkopplungseffekte einen sehr grossen Einfluss auf die Temperaturzunahme und auf die Temperaturabnahme hatten. Damals waren die primären Ursachen nicht anthropogener Natur. Es handelte sich um die periodischen Änderungen der Orbitalparameter des Planeten Erde (Exzentrizität, Neigung der Erdachse, Präzession der Erdachse). Von diesen Zusammenhängen und Unterschieden hat der in der «Arena»-Sendung anwesende Klimaspezialist kein Wort gesagt. Man kann auch Kompliziertes ehrlich und verständlich mit einfachen Worten sagen. Einstein hat dies schon vor hundert Jahren bewiesen.

Für mich ist es als Bürger und Wissenschafter selbstverständlich, dass unser Land aus ethischen, sozialen und politischen Gründen an der Treibhausgas-Emissionsreduktion der Weltgemeinschaft teilnimmt. Eines muss der Leser jedoch wissen: Auch wenn wir unsere CO2-Emissionen bis 2030 auf Null reduzieren, wird sich weder unser noch das Weltklima verändern. Der Effekt ist nicht messbar. Wir sind ganz einfach zu klein.

Dies ist nicht polemisch und nicht zynisch gemeint. Es handelt sich um eine logische physikalische Tatsache. Das Klima wird durch die weltweiten Treibhausgas-Emissionsriesen verändert: China, USA, Indien, Russland, Japan, Deutschland, Iran, Brasilien, Saudiarabien, Südkorea, Kanada, Indonesien und so weiter. Für den eindrücklichen Gletscherschwund in unserem Land sind nicht wir Schweizer verantwortlich, sondern die oben erwähnten Emissionsriesen. Basierend auf dem Vorsorgeprinzip haben das Volk (Energiegesetz) und das Parlament (Pariser Klimaabkommen) entschieden, dass auch die Schweiz handeln muss. Das Vorsorgeprinzip (precautionary principle) leitet uns dazu an, frühzeitig und vorausschauend zu handeln, um schwere Belastungen der Umwelt zu vermeiden. Dies scheint mir richtig und korrekt. Aber unser verantwortliches Handeln soll nicht von Fanatismus, nicht von Psychose, nicht von ideologischer Erpressung, nicht von Subventionsspekulationen, nicht von einer Vorreiterrolle und nicht von der Weltuntergangsstimmung angetrieben sein.

Wir zielen und streben nach Nachhaltigkeit, und diese beruht auf drei Säulen: Ökonomie, Ökologie und Sozialität. Mit anderen Worten: «Wirtschafte so, dass durch deine Handlungen künftiges Handlungsvermögen nicht irreversibel zerstört, sondern nach Möglichkeit vermehrt wird.»

Ein planetarisches Problem

Es besteht leider die grosse Gefahr, dass im kommenden Herbst im Rahmen des neuen CO2-Gesetzes im Parlament der Aspekt «Ökonomie» total vergessen und vernachlässigt wird. Schon hört man von einem wahnsinnigen Ansatz von 240 Franken pro Tonne CO2. In Europa sind es momentan fünf Euro pro Tonne CO2. Auch hörte man während der «Arena»-Sendung «exotische»Stimmen, die unsere CO2-Reduktion nur im Inland realisieren wollen. Das wäre unglaublich teuer und zudem unsinnig. Mindestens 50 Prozent der Reduktion müsste man im Ausland tätigen. Es wäre weniger teuer und zudem auch sozialer (zum Beispiel Projekte in Entwicklungsländern).

Vergessen wir nicht: Der anthropogene Treibhauseffekt ist ein planetarisches Problem. Wir können als Land dank unseres Wissens, dank unserer Technik und dank unserer Erfahrung planetarisch einen wichtigen Beitrag leisten. Aber auch dieses ethisch nachhaltige Handeln muss ökonomisch und gesellschaftlich tragbar sein.

Arturo Romer ist theoretischer Physiker, ehemaliger Direktor der Kantonsschule Locarno, ehemaliger Direktor des Verbandes «Elettricità Svizzera Italiana» und emeritierter Vertrags-Professor der Università della Svizzera Italiana. (Basler Zeitung)

Erstellt: 25.06.2017, 08:15 Uhr

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