«Englisch kann man getrost in die Oberstufe verschieben»

Eine neue Studie zum Fremdsprachenunterricht liefert ein ernüchterndes Fazit: Frühenglisch bringt nichts. Viel wichtiger ist ein anderer Faktor.

Eine Langzeitwirkung von Frühenglisch konnte die Studie nicht nachweisen: Ein Drittklässler macht eine Englischaufgabe in einer Schule in Suhr. (25. September 2014)

Eine Langzeitwirkung von Frühenglisch konnte die Studie nicht nachweisen: Ein Drittklässler macht eine Englischaufgabe in einer Schule in Suhr. (25. September 2014) Bild: Christian Beutler/Keystone

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Simone Pfenninger, kommt es darauf an, in welchem Alter Schüler eine Fremdsprache lernen?
Praktisch nicht – zumindest, so wie heute in der Schweiz der Fremdsprachenunterricht praktiziert wird. Das Alter wird stark überschätzt. In unserer Studie verglichen wir Gymnasiasten, die ab 8 Jahren Englischunterricht hatten, mit Gymnasiasten, die erst mit 13 Englisch lernten. Nach sechs Monaten hatten die Spätlernenden die Frühlernenden bereits eingeholt – oder waren sogar besser.

Weshalb?
Frühe Fremdsprachen können auf kurze Sicht die Muttersprache beeinträchtigen. Die Frühlernenden waren in Deutschtests Anfang der Oberstufe signifikant schlechter als die Spätlernenden. Wer allgemeine Fähigkeiten wie Argumentieren, einen Text verstehen oder einen Aufsatz strukturieren in der Muttersprache gut beherrscht, überträgt diesen Vorteil auf die Fremdsprache. Nach sechs Jahren, kurz vor der Matur, sah man zwischen den beiden Gruppen gar keinen Unterschied mehr. Einen Langzeiteffekt von Frühenglisch gibt es also nicht.

Das heisst, jeder Schüler braucht eine gute Deutschbasis, bevor er mit einer Fremdsprache anfängt?
Grundsätzlich ja. Der Fremdsprachenunterricht sollte im heutigen System frühestens in der 5. Klasse beginnen. Das heisst nicht, dass ich gegen frühe Fremdsprachen bin. Aber das heutige Kurzfutterkonzept mit rund zwei Wochenlektionen in der Primarschule pro Sprache ist zum Scheitern verurteilt. Da kommt man auch mit der grössten Sprachbegabung und Motivation auf keinen grünen Zweig.

Was wäre besser?
Will man bereits in der Primarschule anfangen, braucht es mehr Wochenlektionen. Sechs bis acht Stunden pro Woche und Fremdsprache sind das Minimum.

Dann müsste bei anderen Fächern massiv gekürzt werden.
Genau. Aber das geht natürlich nicht. Unsere Studie zeigt: Englisch kann man getrost in die Oberstufe verschieben. Das Resultat ist dasselbe, und dafür könnte Französisch richtig angegangen werden.

Französisch sei schwieriger zu lernen als Englisch, wird oft gesagt.
Es kommt nicht drauf an, wie schwierig eine Sprache ist, sondern wie viel Prestige sie hat. Englisch ist die Weltsprache, das zählt. Ist eine Sprache populär, wird sie gelernt – auch wenn es Chinesisch ist. Kommt hinzu: Wer mit 13 Englisch zu lernen beginnt, ist kein Anfänger mehr. Jugendliche und Kinder sind dem Englischen ständig ausgesetzt. Dadurch erzielt man im Klassenzimmer in kurzer Zeit riesige Fortschritte.

Welche Erkenntnisse ziehen Sie aus Ihrer Studie für die politische Diskussion um den Fremdsprachenunterricht in der Schweiz?
Der Immersionsunterricht auf Sekundarstufe, also wenn beispielsweise auch Geografie oder Geschichte in einer Fremdsprache unterrichtet wird, ist äusserst erfolgreich. Das zeigen Programme etwa bei Zürcher Kantonsschulen oder bei Privatschulen. Die Schüler mit Immersionsunterricht stechen absolut heraus – egal, wann sie mit der Fremdsprache begonnen haben und wie motiviert sie sind. Die Politik sollte hier mehr Geld investieren. Und generell gilt für den Fremdsprachenunterricht: lieber spät und intensiv als lange und halbbatzig. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.12.2014, 20:08 Uhr

Die Linguistin Dr. Simone E. Pfenninger ist Oberassistentin am Englischen Seminar der Universität Zürich.

200 Gymischüler begleitet

Für die Studie der Universität Zürich wurden innerhalb von fünf Jahren 200 zufällig ausgewählte Gymnasiasten aus dem Kanton Zürich zweimal auf Lesen und Schreiben geprüft; das erste Mal Anfang Oberstufe (mit ca. 13 Jahren), das zweite Mal kurz vor der Matur (mit ca. 19 Jahren). Eine Gruppe hatte mit acht Jahren in der Primarschule mit dem Englischunterricht begonnen, die andere mit dreizehn Jahren in der Oberstufe. Es ist die erste Langzeitstudie zum Thema. (thu)

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