«Es ist ein Wettbewerb der Moralapostel»

Giuseppe Gracia, Schriftsteller und Medienbeauftragter des Bistums Chur, sorgt sich um unsere Demokratie.

Sieht sich als Verteidiger der Meinungsfreiheit. Giuseppe Gracia kritisiert, dass sich Politiker und Journalisten zu «Heilpädagogen des sozialen Zusammenhalts» aufspielen.

Sieht sich als Verteidiger der Meinungsfreiheit. Giuseppe Gracia kritisiert, dass sich Politiker und Journalisten zu «Heilpädagogen des sozialen Zusammenhalts» aufspielen.

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BaZ: Herr Gracia, wie geht es Ihnen heute?
Giuseppe Gracia: Ich leide an mentaler Hyperaktivität und manisch unangepassten Gedanken. Das ist nichts für Leute, die gern öffentlich geschmust werden.

Mein herzliches Mitgefühl! Dann passen Sie aber bestens, wie Sie vermuten, ins «grosse, internationale Therapiehaus – ein Haus für friedliche Volksentwicklung», wie Sie die politischen Systeme in Europa und der Schweiz beschreiben.
Natürlich. Unsere Eliten führen sich oft auf wie Heilpädagogen des sozialen Zusammenhalts. Sie sorgen sich um Ängste und schlechte Gedanken in der Gesellschaft. Politiker oder Medienleute, die nicht nur Staatsgeschäfte und News, sondern auch unser Innenleben lenken wollen, um uns von falschen Ideen und Gesinnungen zu heilen.

Ihr für politische Sachbücher eher unüblich poetisches Buch widmet sich nach Ihrem letzten Roman: «Der Abschied», in welchem ein Schweizer Tennisstar vor laufender Kamera von Islamisten ermordet wird, nun der «Gewalt in der Sprache». Schiessen Sie damit nicht etwas übers Ziel, das ich irgendwo in der Rettung der Demokratie verorte, oder irre ich mich?
Gewaltfreie Sprache? Das ist, wenn niemand mehr die Wahrheit sagt, weil alle fürchten, dass jemand sich auf den Schlips getreten fühlt. Mein Buch skizziert einen neuen Klassenkampf zwischen Volkstherapeuten und Patienten. Dabei wird der Wettbewerb der Ideen und Überzeugungen abgelöst von einem Wettbewerb der Moralapostel.

Die Moralapostel schreiben nun für eine gendergerechte Sprache. Die Tatsache, dass Transsexuelle eine eigene Bezeichnung für ihr Geschlecht in Form eines Sternchens kriegen, sehen Sie aber grad als Gewaltakt?
Nein, umgekehrt: Wenn ich etwas Kritisches zum Genderdiskurs oder zum aktuellen Feminismus sage, der meiner Meinung nach von der Wirtschaft gekapert wurde – alle in die Erwerbsarbeit, Kinder in die Krippe –, dann gilt das als Hate Speech und Sexismus. Im Namen des Kampfes gegen Intoleranz und Rassismus werden heute alle dämonisiert, die sich den links-liberalen Dogmen widersetzen.

Links-liberale Dogmen? Woran machen Sie das fest?
In meinem Buch gibt es Beispiele. Etwa das Thema Migration, bei dem das Dogma der offenen Grenzen und des Multikulturalismus herrscht. Wer dagegen argumentiert, ist ein Rassist. Oder das Thema Islam, da gilt das Dogma: Extremisten missbrauchen diese Religion, wenn sie Passanten in die Luft jagen, Karikaturisten erschiessen oder Frauen steinigen. Wer den Gedanken äussert, dass dies etwas mit dem Islam selber zu tun haben könnte, ist ein islamophober Scharfmacher, in meinem Fall: ein böser Katholiban.

Chapeau, Sie erfinden Beschimpfungen gegen Sie grad selber. «Katholiban» gefällt mir fast zu gut. Doch etwas ernster: Sie sind Mediensprecher von Bischof Vitus Huonder. Als Nicht-Katholikin habe ich die Botschaft Jesu immer auch als Volkspädagogik für das Werden eines guten Menschen betrachtet. Nun regen Sie sich, zugegeben sehr klug und wortgewandt, aber nichtsdestotrotz, ausgerechnet über die Volkspädagogik der Linken auf. Ist dies nicht ein Widerspruch?
Jesus hat gesagt, die Wahrheit macht dich frei. Er hat nicht gesagt, die Pädagogik macht dich frei. Es geht auch nicht um Selbstverwirklichung, sondern um Freiheit durch Wahrheit. Und mein Buch verteidigt die Meinungsfreiheit.

Wir schreiben das Jahr 2018. Kann man da den Menschen beispielsweise wirklich nicht zumuten, das N-Wort einfach nicht auszusprechen? Oder anders gefragt: Ist die Meinungsfreiheit tatsächlich allein dadurch bedroht, dass alte weisse Männer und Frauen nicht wie bisher unbekümmert rassistische und sexistische Schimpfwörter gebrauchen dürfen?
Ich finde das N-Wort scheusslich, geht gar nicht! Aber es ist absurd, wenn man es aus Klassikern wie «Onkel Toms Hütte» entfernt. Das ist eine Gesinnungsreinigung unserer Kultur, die auf Geschichtsklitterung hinausläuft. Vergangenes politisch korrekt glattzubügeln bedeutet, das kollektive Gedächtnis zu betrügen.

Ist das nicht auch eine Art «Infantilisierung des öffentlichen Raums», den Sie messerscharf gegen die Political Correctness anwenden, wenn Sie darauf beharren, das N-Wort zu benutzen oder andere, veraltete Sprechakte als Verkörperung von Freiheit sehen?
Jetzt machen Sie das, was ich den Volkstherapeuten vorwerfe. Sie stellen mich in die Nähe von Rassisten, indem Sie mir unterstellen, was ich nie gesagt habe. Ich habe nie gesagt, Leute sollen sich rassistisch oder sexistisch äussern. Ich habe nur gesagt, dass man heute gleich so genannt wird, wenn man aus dem links-liberalen Mainstream ausschert. Und da die meisten Leute Jobs zu verlieren haben und in der Nachbarschaft nicht wie Rechtsradikale dastehen wollen, liken und posten sie brav nur das, was eben Mainstream ist.

Hier gebe ich Ihnen recht. Als Journalistin bin ich jedoch berufsgeschädigt und suche sofort Kategorien, die sich gut verkaufen lassen. Noch etwas Theorie, die mich interessieren würde: Von Stern-Gründer Henri Nannen wird der Satz: «Fragen Sie mich nicht nach dem Sinn des Lebens. Fragen Sie mich nach seiner Sinnlichkeit» überliefert. Der Ex-Leutnant einer Propaganda-Einheit unter den Nationalsozialisten und erfolgreichster Verleger des 20. Jahrhunderts plädierte für «echte» Erfahrung, das, was Gendertheoretikerinnen den «Ort des Sprechaktes» nennen würden. Was ist daran so falsch?
Nach der Gendertheorie kommen wir nicht als Frau oder Mann auf die Welt, sondern werden von der Gesellschaft dazu gemacht. Das widerspricht nicht nur den Naturwissenschaften, wie Biologie oder Neurologie, sondern auch dem gesunden Menschenverstand. Jeder, der Kinder hat, weiss, dass Buben von Natur aus anders ticken als Mädchen.

Ah, da bin ich nicht einverstanden und verweise auf meine eigenen Bücher, doch das würde nun zu weit führen. Deshalb versuche ich es nochmals anders: Könnte es nicht auch einfach sein, dass Sie als Schriftsteller und Intellektueller mitten in einem Generationenkonflikt stecken, der die «Jungen» mit deren teils naiven Wellness-Demokratie schlicht nicht mehr versteht?
Schon Platon klagte über die Jugend. Irgendwann stehen die Jungen immer gegen die Konventionen der Alten auf, das ist doch gesund. Ein bisschen mehr jugendlicher Widerstand täte unserer Gesellschaft gut, etwa gegen die Totaloptimierung des modernen Lebens, oder gegen die Banalisierung und Entwürdigung der menschlichen Sexualität zum sportlichen Hobby. Wir propagieren heute ja auf allen Kanälen die Selbstverwirklichung, die in Wahrheit zur Selbstausbeutung führt. Am Ende haben wir Depression statt Rebellion.

Sie sind ein christlicher und katholischer Moralist, der vom Staat aber hartes Durchgreifen in puncto Recht und Ordnung inklusive Säkularisierung erwartet. Ist dies nicht ein Widerspruch?
Ich bin ein Liberaler, der mit diesem Begriff noch die Verpflichtung verbindet, für die Freiheit von unangenehmen oder dummen Meinungen zu kämpfen. Und ja, ich möchte einen starken Rechtsstaat mit einer starken, verlässlichen Polizei. Der Staat soll sich aber aus Fragen der Moral und der politischen Überzeugungen raushalten.

Sagt der Katholik Gracia. Zum Schluss die Gretchenfrage des 21. Jahrhunderts: Wie halten Sie es denn mit der Ungerechtigkeit?
Da muss ich an ein Wort von Oscar Wilde denken, das ich sehr mag: «Es gibt zwei Klassen von Menschen, die Gerechten und die Ungerechten. Die Einteilung wird von den Gerechten vorgenommen.»

Am 28. November 2018 treffen sich der Schriftsteller und Politcomedian Andreas Thiel und die Politologin Regula Stämpfli zu einem Podium in Luzern zum äusserst lesenswerten und anregenden Buch von Giuseppe Gracia. Triggerwarnung: «Emotionale Tretminen» (Gracia) sollten dem Treffen wohl besser fernbleiben. (Basler Zeitung)

Erstellt: 01.10.2018, 11:00 Uhr

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