Hintergrund

Gasbonanza in der Schweiz

Der Gasrausch in den USA hat die Schweiz erreicht. Mit der umstrittenen Fördermethode Fracking planen Firmen aus Übersee Bohrungen im grossen Stil.

So funktioniert Fracking.

So funktioniert Fracking.

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Die Gasindustrie wittert in der Schweiz das grosse Geschäft mit Fracking: Zahlreiche Gesellschaften planen Bohrungen. Die Geldgeber für die teuren Unterfangen stammen meist aus den USA. Allein der texanische Konzern E-Corp International will 80 Millionen Franken investieren.

Der Schweizer Untergrund verbirgt mehr als vermutet: Angeblich schlummert in den Tiefen ein Gasvorkommen mit einem Volumen von 100 Milliarden Kubikmetern. Die Menge würde reichen, um den Bedarf der Schweiz während Jahrzehnten zu decken. Und dieses Gas, eingeschlossen in Schiefergestein, soll jetzt gefördert werden.

Viel Hoffnung hegt auch Patrick Lahusen. Er ist Mehrheitsaktionär und Vizeverwaltungsratspräsident der Aktiengesellschaft für schweizerisches Erdöl (Seag). Das Unternehmen hat seinen Sitz in Langnau am Albis ZH. Lahusen ist seit mehr als 30 Jahren im Geschäft, und jetzt wähnt er sich am Ziel. «Eine Revolution bahnt sich an», sagt er. Lange genug musste er Rückschläge einstecken.

40'000 Bohrungen in den USA

Die Revolution hängt mit dem Fracking zusammen. Mit der Bohrmethode kann das Schiefergestein aufgebrochen und das eingeschlossene Gas gefördert werden. In den USA wurden bereits über 40'000 solcher Bohrungen gemacht. Der Boom ist gigantisch. Ab 2015 dürften die USA gar zum Exporteur werden, noch bis vor kurzem waren sie auf Importe angewiesen. Nach dem ersten Rausch schielen die US-Gesellschaften nun nach Europa. Hier soll die Bonanza weitergehen. In der Schweiz mischen sechs Gesellschaften mit. Nebst der Seag sind dies Thetys Oil, Celtique Energy, Schuepbach Energy, Petrosvibri, und Geo Explorers.

Gas wird etwa unter dem Genfersee vermutet. Wie die Zuversicht kommt auch das Kapital aus den USA: Als Geldgeber der Seag fungiert der texanische Konzern E-Corp International. Das Unternehmen finanziert vorerst alle Projekte der Seag. Und das sind nicht wenige: In den nächsten 2 Jahren will die Seag schweizweit zwölf Probebohrungen vornehmen. Erstmals nennt Lahusen im Gespräch mit dieser Zeitung Zahlen. So dürfte E-Corp für die zwölf Bohrungen bis zu 80 Millionen Franken zahlen. Die Texaner wollen gar eigens einen Bohrturm bauen lassen, um in der Schweiz und in Europa nach Gas zu suchen.

Von Verbot ist keine Rede

Vorgesehen sind acht Bohrungen im Kanton Waadt, drei in der Ostschweiz und eine im Kanton Bern. Die Standortgemeinden hat Lahusen ausgewählt, er will sie aber erst nennen, wenn die Behörden informiert sind. Die Bewilligungen stehen noch aus.

Ob die kantonalen Regierungen die Pläne begrüssen, ist nicht bekannt. Klare Antworten gibt es keine: Jacques Ganguin vom Berner Amt für Wasser und Abfall verweist auf eine Interpellation aus dem Jahr 2012 von Grossrat Pierre Amstutz (Grüne). In der Antwort der Regierung heisst es, die Gesetze seien genügend griffig, um die Gasförderung zu regeln. Von einem Verbot ist keine Rede.

Andere Kantone haben das Fracking verbannt. Grund: Es soll zu Verschmutzungen des Grundwassers führen. Wird in der Schweiz tatsächlich Gas gefördert, würden die Kantone profitieren. Die Gebühr bei einer Förderung beträgt je nach Kanton zwischen 2 und 15 Prozent des Werts der Fördermenge. Profitieren würden aber vor allem die Geldgeber. Die Texaner, die das Geld in die Schweiz pumpen, würden 90 Prozent der Gewinne abschöpfen, nur 10 Prozent blieben bei der Seag.

Lahusen hofft auf Revolution

Für Lahusen ist Geld indes kein Antrieb. Er will vielmehr all jene Skeptiker Lügen strafen, die das Ende der Ressourcen predigen. Laut Lahusen reichen die weltweiten Vorkommen, um den Gasbedarf für die nächsten 300 Jahre zu sichern. «Ich bin jetzt 68 Jahre alt», sagt er, «und ich hoffe, ich kann diese Revolution noch miterleben.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 15.06.2013, 13:07 Uhr

Solche Türme könnten bald auch in der Schweiz zu sehen sein: Fracking-Bohrplatz in den USA.

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Der Untergang der Swisspetrol

Die Suche nach Ressourcen im Untergrund der Schweiz wird nicht zum ersten Mal vorangetrieben. Bereits 1959 wurde die Swisspetrol Holding AG gegründet. Die Holding vereinigte Fördergesellschaften, die in der Schweiz Öl und Gas suchen wollten. Eine Tochter war auch die Aktiengesellschaft für schweizerisches Erdöl (Seag). Die Gründe für die Rohstoffsuche lagen in der Suezkrise, die weltweit zu einer Ressourcenknappheit geführt hatte. An einigen der Swisspetrol-Gesellschaften waren die Kantone beteiligt. So erklärt sich, warum der Kanton Bern heute noch Seag-Aktien hält. Aus der Öl- und Gasbonanza wurde jedoch nichts: Von 1960 bis 1989 schafften die Gesellschaften nur gerade 16 Bohrungen. Dafür verbrannten sie 317 Millionen Franken. Der teuerste Misserfolg war eine Bohrung in Finsterwald LU, die 30 Millionen Franken kostete. Ebenfalls in einem Fiasko endete eine Bohrung in Linden bei Thun. Hier fanden die Ingenieure auf der Suche nach Erdöl zwar Gas, doch gab es keine Pipeline für den Transport. Also musste das Gas abgefackelt werden. Gebohrt wurde über 5 Kilometer tief; die Arbeiten kosteten 25 Millionen Franken.

Wegen der Misserfolge wurde die Swisspetrol-Gruppe Mitte der 1990er-Jahre samt ihrer Töchter liquidiert. Zuständig war Jurist Patrick Lahusen, der per Zufall in die Branche gekommen war: Erst amtete er als Bankenvertreter der Kreditanstalt im Verwaltungsrat von Swisspetrol, später wurde er deren Direktor. Übrig blieben die Petrosvibri SA und die Seag, die Lahusen aus dem Konstrukt herausbrach und die er nun als Mehrheitsaktionär kontrolliert.

Seit 2010 hat E-Corp eine vertragliche Zusammenarbeit mit der Seag. Der Konzern aus Texas bringt vor allem Kapital ein. (baz)

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