«Ich kann mir nicht erklären, was in Rafz passiert ist»

Das Zugunglück in Rafz weckt Erinnerungen an jenes in Neuhausen. Allerdings sollen im aktuellen Fall die Sicherheitsanlagen auf dem neusten Stand sein.

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Bei der Kollision einer S-Bahn und eines Interregio-Zuges im Bahnhof von Rafz ZH sind sechs Personen verletzt worden. Nach Angaben der SBB stiessen die Züge auf der Ausfahrweiche in Richtung Schaffhausen zusammen. Gemäss unbestätigten Schilderungen von Augenzeugen soll die S-Bahn in Richtung Schaffhausen losgefahren sein, woraufhin sie der ebenfalls in Richtung Schaffhausen fahrende Schnellzug gerammt habe.

Der Unfall weckt Erinnerungen an die Zugskollision vom Januar 2013 in Neuhausen SH. Damals überfuhr ein Lokführer bei der Ausfahrt aus dem Bahnhof ein Signal. Zum Unfall konnte es kommen, weil die betreffende Stelle noch mit einem veralteten Zugsicherungssystem ausgerüstet war. Das Fazit der Schweizerischen Unfalluntersuchungsstelle (Sust): Eine moderne Zugsicherung hätte den Unfall verhindert.

Rafz liegt wie Neuhausen ebenfalls an der Strecke Bülach–Schaffhausen. Im Gegensatz zu Neuhausen verfügt Rafz aber über ein modernes Stellwerk. «Dies müsste theoretisch verhindern, dass ein Zug ein Signal überfährt», sagt Hubert Giger, der den Verband Schweizer Lokomotivführer präsidiert. «Ich kann mir deshalb nicht erklären, was in Rafz passiert ist.» SBB und Behörden haben sich bisher weder zu möglichen Unglücksursachen noch zu den verwendeten Signalen und Zugsicherungssystemen geäussert.

Menschliches Versagen und mangelnde Sicherung

In Anbetracht der grossen Zahl an Zugbewegungen sind Zugunglücke in der Schweiz verhältnismässig selten. Zu Kollisionen zwischen zwei Zügen kommt es in der Regel, wenn ein Lokführer ein Signal übersieht oder verwechselt. Pro Jahr ereignen sich auf dem Netz der SBB im Durchschnitt zwei Unfälle wegen der Nichtbeachtung von Signalen, bei denen es zu Zusammenstössen und/oder Entgleisungen kommt. Von 2003 bis 2013 kamen in insgesamt sieben solchen Fällen Personen zu Schaden.

Wie in Neuhausen kommt es in der Regel meist dann zu einer Kollision, wenn ein Lokführer ein Signal übersieht, das mit einem veralteten Zugsicherungssystem gesichert ist. Dabei handelt es sich um das System Signum, das die Bremsung der Züge erst auf der Höhe des Signals einleitet, womit diese je nach Geschwindigkeit mitten auf einer Weiche zum Stillstand kommen können. Das ebenfalls schon angejahrte System ZUB und das modernere ETCS sind bei entsprechender Ausrüstung des betreffenden Signals in der Lage, Züge schon vor dem Signal zum Stillstand zu bringen.

Helfen, Unfälle zu verhindern: Die Zugsicherungssysteme auf dem Schweizer Bahnnetz.

Das Problem der veralteten Zugsicherungssysteme ist bekannt, die Aufrüstung der Signale allerdings kostspielig. Aufgerüttelt durch drei Kollisionen in Neuhausen, Lenzburg und Granges-près-Marnand in den Jahren 2012 und 2013 gaben die SBB Anfang 2013 zwei Gutachten in Auftrag. Das erste befasste sich mit dem Faktor Technik und besagte, dass 2013 noch rund 3500 für das Risiko massgebende Ausfahr- und Gleisabschnittssignale nur mit dem System Signum ausgerüstet waren. Die Gutachter kamen zum Schluss, dass die geplante Aufrüstung von 1700 kritischen Signalen bis Ende 2018 geeignet sei, das Restrisiko von Kollisionen zu halbieren. Sie empfahlen allerdings, die Aufrüstung zu beschleunigen und mit weiteren Massnahmen zu ergänzen. Aktuell ist geplant, die Aufrüstung der Signale bis 2017 abzuschliessen. In der Schweiz soll dann flächendeckend das System ETCS zum Einsatz kommen.

Das zweite Gutachten befasste sich mit dem Faktor Mensch und attestierte den SBB einen hohen Sicherheitsstandard, empfahl aber, die Aufarbeitung von Fällen, bei denen es zur Missachtung von Signalen kam, zu verbessern und die Lokführer in Sicherheitsfragen besser einzubeziehen.

Hubert Giger vom Lokomotivführerverband kritisierte nach dem Unglück die SBB. Diese hätten «die Lokführer allein gelassen», sagte Giger damals der «Schweiz am Sonntag». Seine Kritik zielte darauf, dass die SBB den Abfahrtsbefehl durch Bahnhofvorstände oder K0ndukteure im Regionalverkehr abschafften, dies aber an einzelnen Bahnhöfen wie Granges-près-Marnand nicht durch technische Sicherungen kompensierten.

Inzwischen sieht Giger die Bestrebungen der SBB zur Verbesserung der Sicherheit auf einem guten Weg. «Der Fall Rafz zeigt aber, dass es auf unserem stark befahrenen Eisenbahnnetz offensichtlich immer noch Lücken und Konstellationen geben kann, die Unfälle zulassen.»

Passagiere kommen nur noch selten zu Tode

Wie die Statistik der Unfälle im öffentlichen Verkehr zeigt, hat sich die Sicherheit im Schweizer Bahnverkehr in den letzten Jahrzehnten stark erhöht; trotz steigender Anzahl beförderter Passagiere und zurückgelegter Beförderungskilometer ist die Zahl der Toten und Verletzten stark zurückgegangen.

Insbesondere kommen nur noch sehr selten Passagiere bei Bahnunglücken ums Leben. Häufiger kommen Mitarbeiter sowie Personen ums Leben, die sich in Bahnhöfen oder bei Bahnübergängen auf die Geleise begeben. Nicht berücksichtigt sind in der Statistik Suizide.

Die Unfallzahlen zeigen zuletzt allerdings wieder eine Zunahme bei der Zahl der Verletzten.

Die Gründe für die Zunahme sind nicht ganz klar, neben grösseren Einzelereignissen wie denjenigen in Neuhausen, Granges-près-Marnand und Lenzburg kommt es bei Rangierunfällen oft zu Personenschaden – und bei Unfällen auf schlecht gesicherten Bahnübergängen. Solche sollte es seit Ende Jahr gemäss Gesetz eigentlich nicht mehr geben – einige Hundert sind jedoch immer noch nicht saniert. Sobald alle Bahnübergänge und alle nötigen Signale auf dem neusten Stand sind, müsste die Zahl der Verletzten im Bahnverkehr aber wieder abnehmen. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.02.2015, 13:05 Uhr

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