Ein Ausflug in die andere Schweiz

Der Zürcher Nationalrat Ruedi Noser zog für ein Jahr nach Genf, sein welscher Kollege Antonio Hodgers nach Bern. Sie stellten fest: Es gibt tatsächlich einiges, was ennet dem Röstigraben anders ist.

Haben ein Jahr die Seite gewechselt: Ruedi Noser (links) und Antonio Hodgers.

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Die Nationalräte Ruedi Noser (ZH/FDP) und Antonio Hodgers (Grüne /GE) haben ein Jahr in der anderen Schweiz verbracht: Hodgers in Bern und Noser in Genf. Mit der Nachrichtenagentur SDA diskutierten sie über die Unterschiede zwischen der Romandie und der Deutschschweiz.

Schon der Müll gestaltete sich als kleine Herausforderung im «anderen» Alltag der Politiker: Während der städtische Dienst in Bern die Mitnahme von Hodgers' Papierbündel verweigerte, «weil es nicht schön genug gebündelt war», suchte Noser und seine Familie in Genf vergebens nach Abfallsackmarken. Denn in Genf werden die Entsorgungsgebühren mit den Steuern bezahlt.

Mit der Mundartdebatte Aufmerksamkeit erregt

Die Westschweiz zeigte ein grosses Interesse an Nosers Umzug nach Genf. Entsprechend wurde er von Politikern und Vertretern des Genfer Finanzplatzes eingeladen. «Und ich lernte alle Genfer und Waadtländer Regierungsräte kennen.» In der Sonntagszeitung «Le Matin Dimanche» hatte Noser gar eine Kolumne.

Kaum Beachtung fand hingegen der Umzug Hodgers' nach Bern. Er sei weder Willkommen geheissen worden, noch habe er irgend eine Einladung erhalten, sagte er. Erst als er im März eine Debatte über den Gebrauch der Mundart in der Deutschschweiz losgetreten habe, hätten die Deutschschweizer Medien über ihn berichtet. «Aber der Umzug selbst war kein Thema.»

Frankreichs Idee vom starken Staat

Interessiert hatte Hodgers von Bern aus die im Sommer entbrannte Debatte über deutsche Akademiker in Zürich verfolgt. Ihm sei aufgefallen, dass die Deutschschweizer sich gegenüber den Deutschen als Minderheit fühlten. Er kenne dieses Gefühl gegenüber Frankreich nicht.

«Eine Debatte über die Deutschen, wie sie in Zürich geführt wurde, wäre in Genf undenkbar», kommt er zum Schluss. Den Einwand Nosers, die Grenzgänger seien in Genf ein Dauerthema, lässt Hodgers nicht gelten. In Genf handle es sich um ein soziales Problem. Die Grenzgänger würden vor allem auf dem Bau oder im Servicebereich arbeiten und nicht wie in Zürich als Ärzte und Professoren.

Die in den Sprachregionen unterschiedlich geführte Ausländerdebatte führt Hodgers auf die bessere Integrationspolitik der Westschweizer zurück. Hingegen sei er über den Deutschschweizer Einfluss in der Sozialpolitik froh. Die Romands seien in diesem Bereich «zu sehr» von Frankreich beeinflusst, wo ein starker Staat postuliert werde.

Noser stimmt ihm zu. In der Romandie erwarte man viel vom Staat. In der Deutschschweiz hingegen wirkt der Einfluss der alpine Kultur nach. «In den Bergen kann man nur überleben, wenn man sich gegenseitig hilft - gleichzeitig erwartet man wenig von Staat.»

Mehr Pragmatismus in der Deutschschweiz

Hodgers und Noser stellen auch Unterschiede in der Art des Politisierens fest. «Bei uns werden grosse politische Visionen entworfen», sagt Hodgers. Doch zuweilen fehle der Pragmatismus. Die Deutschschweizer hingegen politisierten pragmatisch, seine dafür aber formalistisch.

Trotz der unterschiedlichen Kulturen und Sprachen lebten die verschiedenen Landesteile gut zusammen, kommt Hodgers zum Schluss. Laut Noser lässt das Konstrukt Schweiz den Regionen zudem genügend Spielraum um zu definieren, was «Schweiz» für sie bedeutet. Doch der Zürcher hat auch seine Bedenken: «Ist die Schweiz einmal kein Erfolgsmodell mehr, kann es schnell zu einem Bruch zwischen den Regionen kommen.»

Die beiden Politiker bewerten ihren Ausflug in den «anderen» Landesteil positiv. «Ich bin davon überzeugt, dass man als Deutschschweizer nach einem Stage in der Romandie in Bundesbern besser Politisieren kann», sagt Noser.

(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.12.2010, 10:13 Uhr

Vergeblich nach Abfallmarken gesucht: Die Genfer zahlen die Entsorgungsgebühren mit den Steuern (Archivbild).

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