Hintergrund

Italien will die Wahrheit im Fall Mongelli wissen

Auch nach fast zehn Jahren ist nicht geklärt, wer Luca Mongelli zum Invaliden machte. Die italienische Regierung setzt nun Druck auf in der Affäre, die ein schlechtes Licht auf die Justiz des Kantons Wallis wirft.

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Das Drama um Luca Mongelli begann am 7. Februar 2002. Tina Mongelli fand ihren damals siebenjährigen Sohn Luca auf einem verschneiten Feld bei Veysonnaz VS in einem schlimmen Zustand – schwer verletzt und bewusstlos, nackt und stark unterkühlt. Sein vierjähriger Bruder Marco stand mit blutverschmiertem Gesicht daneben. In der Nähe war auch der Schäferhund der Familie Mongelli, Rocky, den der Untersuchungsrichter zwei Jahre später zum «Schuldigen» des Dramas erklären sollte. Im Jahr 2004 stellte die Walliser Justiz die Strafuntersuchung ein. Damit begann der Kampf der Eltern von Luca Mongelli, die vor einigen Jahren nach Italien gezogen sind. Sie wollen wissen, wer ihren heute 17-jährigen Sohn zum blinden Tetraplegiker gemacht hat. «Luca verdient die Wahrheit», sagte der Vater, Nicola Mongelli, der italienischen Zeitung «Corriere della Sera».

Tina und Nicola Mongelli vertreten bis heute die These, dass ihr Sohn von vier Jugendlichen angegriffen worden war, wie es Luca immer wieder erzählte. Die offenen Fragen rund um den Fall sowie die Belege, dass Lucas Verletzungen nicht vom Hund stammen könnten, seien vom Untersuchungsrichter ignoriert worden. Offenbar habe die Walliser Justiz kein Interesse gehabt, das mutmassliche Verbrechen von Veysonnaz aufzuklären. Die Familie Mongelli lässt sich nicht entmutigen, sie beharrt auf einer neuen Untersuchung. Aber die Zeit drängt, denn im kommenden Februar wird der Fall verjähren.

Italiens Regierung solidarisiert sich mit Familie Mongelli

Der Fall Mongelli bewegt nun die italienische Öffentlichkeit. Und er ist sogar zu einem Politikum geworden, das selbst die Regierung in Rom beschäftigt. Es war die populäre TV-Sendung «La vita in diretta» auf RAI UNO, die das Schicksal von Luca thematisierte und eine grosse Welle der Solidarität mit der Familie Mongelli auslöste. In Italien sind die Meinungen gemacht, die Walliser Justiz erscheint in einem schlechten Licht.

«Diese Justiz deckt seit Jahren Kriminelle, die beinahe einen kleinen Knaben umbrachten», polterte Alessandra Mussolini im Fernsehen. Mussolini ist nicht nur die prominente Enkelin des faschistischen Diktators Benito Mussolini, sondern auch seit Jahren Mitglied der italienischen Abgeordnetenkammer. Als Präsidentin der parlamentarischen Kommission für Kinder- und Jugendfragen hat sich Alessandra Mussolini des Falls Mongelli angenommen und die italienische Regierung eingeschaltet. An einem rasch einberaumten runden Tisch waren neben den Eltern von Luca auch drei Minister der neuen Regierung von Mario Monti anwesend. Auf Anordnung des italienischen Aussenministeriums hat mittlerweile auch die italienische Botschaft in Bern die Arbeit im Fall Mongelli aufgenommen. Der italienische Staat will so lange Druck auf die Schweiz ausüben, bis die Walliser Justiz den Fall neu aufrollt.

Staatsanwaltschaft des Kantons Wallis markiert Gelassenheit

Die Walliser Behörden reagieren – zumindest offiziell – gelassen auf die italienischen Bemühungen im Fall Mongelli, wie die Westschweizer Zeitung «Le Matin» berichtet. Bei der Staatsanwaltschaft seien noch keine Begehren oder Anfragen aus Italien zum Fall Mongelli eingegangen, wird Generalstaatsanwalt Jean-Pierre Gross zitiert. «Wenn die Italiener neue Fakten liefern, werden wir diese gerne anschauen.»

Die Hoffnungen auf eine Wiederaufnahme des Verfahrens beruhen nicht zuletzt auf einer Zeichnung, die Marco, der jüngere Bruder von Luca, in der Schule angefertigt hatte. Die Zeichnung zeigt, wie Luca von mehreren Personen angegriffen wurde. In einer Voruntersuchung schlug die Walliser Staatsanwaltschaft drei Experten vor, die die Zeichnung von Marco analysieren sollten. Der Anwalt der Familie Mongelli befand, dass mindestens einer der drei Experten nicht qualifiziert sei für diese Aufgabe. Und er leitete rechtliche Schritte ein, um das Expertengremium neu zu bestellen. Das Bundesgericht hat ihm kürzlich recht gegeben, wie die «Tribune de Genève» berichtete.

«Luca nannte die Namen der Täter, und er beschrieb sie»

Unterstützung erhält die Familie Mongelli auch von namhaften italienischen Anwälten, Kriminaltechnikern und Kinderpsychiatern. Und diese betonen, dass beim invaliden Luca die kognitiven und intellektuellen Fähigkeiten nicht beeinträchtigt seien. Es sei nicht nachvollziehbar, dass die Walliser Justiz die Aussagen von Luca nicht glauben wollte.

«Luca sagte von Anfang an, dass ihn vier Jugendliche angegriffen hatten», erklärte der von der Familie Mongelli engagierte Privatdetektiv Fred Reichenbach gegenüber baz.ch/Newsnet. Das sagte er im Herbst 2010, als die Familie Mongelli eine Petition mit knapp 10'000 Unterschriften, die eine neue Untersuchung verlangt, bei der Walliser Staatskanzlei einreichte. «Luca nannte die Namen der Täter, beschrieb sie. Man weiss, wer sie sind. Sie waren damals 16, 14, 11 und 9 Jahre alt», sagte Reichenbach weiter. Nach Ansicht des Privatdetektivs hatte der zuständige Untersuchungsrichter das Verfahren eingestellt, weil er sonst die Söhne zweier einflussreicher Familien aus Sion hätte zur Rechenschaft ziehen müssen.

Luca, der ein grosser Kämpfer ist, besucht das Gymnasium

Luca lebt heute mit seiner Mutter und seinem Bruder in der Nähe von Bari in Apulien. Sein Vater hält sich vorwiegend in der Schweiz auf, wo er als Gastrounternehmer tätig ist. Inzwischen hat der 17-jährige Luca die obligatorische Schulbildung in einer Normalklasse abgeschlossen, wie Medien berichten. Luca besucht nun ein klassisches Gymnasium. Er mag Literatur und Latein, und er will jeden Tag dazulernen. «Luca ist ein grosser Kämpfer», sagt seine Mutter Tina. «Er erteilt uns immer wieder echte Lebenslektionen.» (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.12.2011, 15:57 Uhr

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