Jeden Tag ein bisschen besser

Ich kenne den Mann nicht, hatte bis gestern keine Ahnung, dass es ihn gibt, und ich weiss auch nicht, was er so kocht. Aber ich bewundere den Mann.

Der Norddeutsche Heiko Nieder aus Reinbek.

Der Norddeutsche Heiko Nieder aus Reinbek. Bild: Keystone

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Der Restaurantführer Gault Millau hat für das Gebiet Schweiz einen neuen Koch des Jahres vorgestellt – den Norddeutschen Heiko Nieder aus Reinbek, 46 Jahre alt, der in Zürich im «Dolder Grand» wirkt. Ich kenne den Mann nicht, hatte bis gestern keine Ahnung, dass es ihn gibt, und ich weiss auch nicht, was er so kocht.

Aber ich bewundere den Mann, seit ich ihn im Radio sprechen hörte. Natürlich äusserte er sich voller Stolz zur erfahrenen Ehre, und natürlich will er nicht abheben und derselbe bleiben wie bisher. So weit nicht überraschend. Ein Satz aber hat mich schwer beeindruckt: Er will auch künftig jeden Tag das gleiche Ziel vor Augen haben, nämlich: besser sein als tags zuvor.

Wir müssen uns jeden Tag verbessern, betonte der Spitzenkoch. Das auf die Frage, was sich jetzt für ihn, den so hoch Ausgezeichneten, ändern werde. Eigentlich nichts, denn schon morgen steht er wieder in der Küche und will besser sein als am Vortag. Nichts mehr, aber auch nichts weniger. Und seine Gäste werden es ihm danken.

Ich bewundere den Mann wegen seiner Berufsauffassung. Viele Menschen, vor allem solche, die im Dienstleistungsbereich arbeiten, könnten sich bei ihm eine dicke Scheibe abschneiden. Zunächst einmal alle, die im Gastrobereich tätig sind. Der missmutige Kellner zum Beispiel, dem eine Bestellung regelrecht aufgezwungen werden muss. Aber auch die offensichtlich gelangweilte Frau am Bahnschalter, die vielleicht gar nicht merkt, dass jeder Kunde einen Teil ihres Lohnes mitbezahlt.

Die schnippische Telefonistin, die kein Gespür dafür entwickelt, was der Anrufer wünscht. Die übel gelaunte Kioskverkäuferin, welche es nicht für nötig hält, einem in der Stadt unkundigen Touristen eine brauchbare Auskunft zu geben. Dem Verkäufer im Warenhaus, bei dem man abblitzt bei der Suche nach einem bestimmten Kaufgegenstand und der ohne mit der Wimper zu zucken behauptet: «Das haben wir nicht im Sortiment.» Obwohl das Gegenteil stimmt.

Tramkontrolleure, Bankpersonal, Versicherungsberater, Service-Handwerker, Glaceverkäufer, Angestellte des Detailhandels (ob sie Schuhe, Kleider oder Lebensmittel verkaufen), Taxichauffeure, Gärtner, Pflegefachleute, Polizisten, BuchhändlerInnen, Reinigungspersonal, Kondukteure und andere Zugbegleiter, ja auch wir Zeitungsleute – sie alle können sich nicht allzu viel erlauben.

Schlechte Manieren, nachlässige Kleidung, aufdringliches Parfüm, zu viel oder zu wenig Deo, ungeputzte Schuhe, lange Fingernägel, Nasenbohren, am unpassenden Ort telefonieren, und so weiter: Das und vieles mehr geht eigentlich nicht, dürfte es nicht geben, kommt aber immer wieder vor. Wobei schon klar ist, dass sich die überwiegende Mehrheit korrekt verhält und ihrem Beruf alle Ehre antut. Sie leiden ebenfalls unter den Fehltritten der wenigen, die sich nicht zu benehmen wissen. Was ein paar wenige falsch machen, bleibt bekanntlich immer an allen hängen.

Jeden Tag ein bisschen besser sein als am Tag zuvor – versuchen wir es doch einmal. Auch wenn es oft nicht leicht sein wird, angesichts der vielen ungehobelten Klienten und Kunden, denn diese – das muss auch gesagt sein – gibt es eben auch.

Heiko Nieder jedenfalls wünschen wir weiterhin viel Erfolg in seinem Beruf. (Basler Zeitung)

Erstellt: 10.10.2018, 13:10 Uhr

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