«Judenopfer» Geri Müller

Dem politischen Gegner eins auszuwischen gehört weltweit zum politischen Alltag. Dabei sollten Herkunft und Religion keine Rolle spielen – auch in der «Gerigate»-Affäre. Chronik einer vermeintlichen Verschwörung.

Opfer oder Täter? Die Nacktselfie-Affäre um Geri Müller gibt auch Monate später noch zu reden.

Opfer oder Täter? Die Nacktselfie-Affäre um Geri Müller gibt auch Monate später noch zu reden. Bild: Keystone

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«Geri Müller bringt Juden ins Spiel», posaunt der Blick und impliziert, dass Josef Bollag, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Baden, in der Causa Geri eine unrühmliche Rolle spielt. 20 Minuten lässt sich nicht lumpen und will auch den PR-Berater und ehemaligen Blick-Chefredaktor Sacha Wigdorovits als Drahtzieher einer «jüdische Verschwörung» gegen Geri Müller enttarnt haben.

Als Beweis gräbt die Gratiszeitung ein «Strategiepapier» von Wigdorovits von 2011 aus. Dabei handelt es sich um inhaltliche Überlegungen bezüglich der Audiatur-Stiftung, mittels der sich Wigdorovits und Bollag für eine aus­gewogene Israel-Berichterstattung einsetzen.

Umstürzler und Verschwörer

20 Minuten zeichnet ein Bild von Wigdorovits, das an die antisemitische Hetzschrift «Die Protokolle der Weisen von Zion» erinnert, in der Juden als Umstürzler und Verschwörer mit dem Ziel der Weltherrschaft verleumdet werden. Als «PR-Chefstratege» mit einem «Adressbuch voll mit Kontakten in die Medienszene» sowie einem «ausgeklügelten Massnahmenplan» soll Wigdorovits die «öffentliche Debatte um Israel-Themen» in der Schweiz unterwandern. Sogar «Interventionen bei Chefredaktoren und Verlegern» seien vorgesehen.

Als ob derartige «Interventionen» nicht gang und gäbe wären, bei jeder Art von Lobbying, nicht nur wenn Juden involviert sind. Auf audiatur-online.ch, der Website der Audiatur-Stiftung, beleuchten führende internationale Journalisten und Analysten Seiten des Nahostkonflikts, die in den Schweizer Medien keine Beachtung finden.

Die Notwendigkeit der Publikation von alternativen Sichtweisen auf diesen vielschichtigen Konflikt belegt die aktuelle Studie von Monika Schwarz-Friesel. Seit mehr als zehn Jahren erforscht die Leiterin Allgemeine Linguistik und Antisemitismusforscherin an der Technischen Universität Berlin die Medienberichterstattung über den Nahost-Konflikt, mit dem Resultat: Kein anderes Land der Welt wird in den Medien so oft, so scharf und zu Unrecht kritisiert wie Israel.

«Erpresser mit Holocaust-Keule»

Nach Blick und 20 Minuten doppeln andere Medien nach. In der Sonntagszeitung stilisiert Catherine Boss Josef Bollag als «machiavellistischen Strippenzieher», als «reichen Juden», der über ein «grosses Kontaktnetz in der Schweiz, in Israel, selbst in den USA verfügt». Dieses Netzwerk steuert der «mächtige Präsident der Kultusgemeinde», der sich aus ärmlichen Verhältnissen «mühsam hochgedient» hat, aus seiner «Villa mit Pool, die hoch über Baden thront».

Lorenz Honegger (Oltener Tagblatt) und René Zeyer (BaZ) sekundieren mit Demontagen von Wigdorovits, dem «Mann fürs Grobe», «Katastrophen-­Sacha», dem «harten Hund», der «bei der ersten grösseren Krise alles falsch macht».

Ebenfalls in der BaZ wettert Roger E. Schärer, ehemals Head Public Affairs der Winterthur-Gruppe, zu Müllers Verteidigung gegen die «Holocaust-Industrie» und jammert über seine Frühpensionierung, welche «diese Erpresser» mit der «Holocaust-Keule» durchgesetzt hätten. SP-Mitglied Marco Geissbühler diffamiert in der Gewerkschaftszeitung der Unia, deren Co­- Leiter Nordwestschweiz, Hansueli Scheid­egger, bei BDS-Schweiz aktiv Israel­boykott betreibt, Wigdorovits’ «zahlungskräftigen» Kundenstamm.

Unredliche Medienvertreter

Doch letztendlich wird das unappetitliche «Juden-Allerlei» nicht so heiss gegessen, wie es von den Medien hochgekocht wurde. Die NZZ gab diese Woche nach Einsicht in die Handy-Protokolle von Müllers Chat-Partnerin Entwarnung: Wigdorovits und Bollag haben sich korrekt verhalten. Ganz abgesehen davon, dass es weltweit zum politischen Alltag gehört, dem politischen Gegner eins auszuwischen, sollten Herkunft und Religion dabei keine Rolle spielen. Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, bezüglich der Blocher/Hildebrand-Affäre, bei der gestohlene Akten den Stein ins Rollen brachten, etwas von einer «christlichen Verschwörung» gelesen zu haben.

Geri Müller ist ein unredlicher Mensch. Er hat seine Lebenspartnerin betrogen, die ganze Schweiz belogen, seine Macht als Politiker missbraucht, und er unterstützt und fördert mit der Hamas islamistischen Terror. Ebenso unredlich sind jedoch auch diejenigen Medienvertreterinnen und -vertreter, die Müller zu Hilfe eilten, indem sie Opfer-Täter-Umkehr betrieben, um die mutmasslichen Überbringer der schlechten Nachricht, die Juden Sacha Wigdorovits und Josef Bollag, medial zu köpfen.

Autor David Klein ist Musiker und lebt in Basel. (Basler Zeitung)

Erstellt: 14.11.2014, 12:27 Uhr

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