Jugend am Anschlag

Früher wandten sich Jugendliche mit Fragen rund um Liebe und Sexualität ans Sorgentelefon. Heute wegen Suizidgedanken und Selbstwertproblemen.

Persönliche Krisen, Angst oder gar Suizidgedanken: Die meisten Anrufe von Jugendlichen auf das Sorgentelefon 147 drehen sich heute darum.

Persönliche Krisen, Angst oder gar Suizidgedanken: Die meisten Anrufe von Jugendlichen auf das Sorgentelefon 147 drehen sich heute darum. Bild: Keystone

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Das Sorgentelefon der Pro Juventute berät jeden Tag rund 350 Kinder und Jugendliche. Meistens geht es dabei um persönliche Krisen, Angst oder gar um Suizidgedanken. Beispielsweise haben die Jugendlichen Angst davor, in der Schule zu versagen oder unter den Mitmenschen nicht zu genügen.

Fast 30 Prozent der Jugendlichen, die 2017 die Nummer 147 gewählt haben, gaben ein persönliches, schwerwiegendes Problem zu Protokoll, wie die Pro Juventute am Donnerstag mitteilte. 2009 betrug dieser Anteil noch rund 10 Prozent.

Dabei äusserten viele dieser Jugendlichen auch Suizidgedanken, im Schnitt waren es drei pro Tag. Bernhard Bürki von der Pro Juventute sieht die Ursache dafür im steigenden Leistungsdruck. «Eltern wollen für ihre Kinder meistens die besten Voraussetzungen schaffen, aber sie setzen sie damit auch unter Druck.» Beispielsweise hätten Kinder heute kaum mehr Hobbys, die aus Sicht der Bildung nicht sinnvoll sind. Und sie hätten kaum mehr unverplante Zeit, was das Empfinden von Leistungsdruck verschärfe.

Weniger Fragen um Sexualität

Noch vor neun Jahren handelten die meisten Anliegen der Jugendlichen, die ans Sorgentelefon gelangten, von Liebe und Sexualität (insgesamt 40 Prozent).

Heute ist dieser Anteil auf die Hälfte gesunken. Der Grund sei die Verfügbarkeit von Informationen im Internet, sagt Bürki. Doch auch dies sei zweischneidig.

«Zwar können Jugendliche im Internet schnell herausfinden, wie man ein Kondom richtig anwendet oder wo man die Pille danach bekommt.» Anderseits werde ihnen im Netz mitunter ein Bild von Liebe und Sexualität vermittelt, das nicht der Realität entspricht, weil dieses viel differenzierter ist. Und dieses Bild, oder gewisse Informationen, könnten den Leistungsdruck und das Gefühl, nicht zu genügen, ebenfalls verschärfen, sagt Bürki.

Auch Kinderärzte, Psychologen, Lehrer und Sozialpädagogen haben es häufiger mit Kindern und Jugendlichen zu tun, deren Leiden medizinisch nicht erklärbar ist. Dies berichtete die «NZZ am Sonntag» vor kurzem. Laut mehreren Fachleuten gebe es drei Faktoren, die für diese Entwicklung verantwortlich seien: Stress in der Schule, familiäre Belastungen und die Gesellschaft, die immer mehr Möglichkeiten, aber keine allgemein gültigen Normen mehr kenne, oder keine klaren Grenzen mehr biete.

Beratung bei Gleichaltrigen

Die Pro Juventute will ihr Beratungsangebot erweitern. Mithilfe eines so genannten Peerchats, mit jungen Leuten im Alter von 17 bis 21 Jahren, will sie den ratsuchenden Jugendlichen eine Beratung durch Gleichaltrige ermöglichen. Damit will Pro Juventute die Schwelle für eine Kontaktaufnahme mit dem Beratungsangebot weiter senken, sagt Bernhard Bürki. Der Peerchat startet am 9. April.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.04.2018, 13:30 Uhr

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