«Keine Schweizer Standards für Flüchtlinge»

Ökonom Reiner Eichenberger fordert ein radikales Umdenken bei der Integration.

Wenig erfolgreich. Simonetta Sommaruga besucht ein Integrationsprogramm für Flüchtlinge.

Wenig erfolgreich. Simonetta Sommaruga besucht ein Integrationsprogramm für Flüchtlinge. Bild: Keystone

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Unter SP-Justizministerin Simonetta Sommaruga ist die Schutzquote so gestiegen, dass jeder zweite Asylbewerber in der Schweiz bleiben kann. Von 2010 bis 2016 erhielten insgesamt 69'276 Personen ein Bleiberecht. Jährlich kommen Tausende neu dazu.

Keinen Fortschritt hat dagegen die Integration dieser Menschen gemacht: Die grosse Mehrheit aller Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommener lebt auch nach Jahren in der Schweiz von der Sozialhilfe. Dies obwohl Bund, Kantone, Gemeinden und ein Heer von Fachleuten seit Jahren Förderprogramme, Integrationsgesetze und Massnahmenpakete verabschieden. Erst letzte Woche trafen sich Vertreter aus Bund, Kantonen und Gemeinden zur dritten Integrationskonferenz. Simonetta Sommaruga rief bei dieser Gelegenheit eine neue «Integrationsagenda Schweiz» ins Leben – der Effekt dürfte auch dieses Mal bescheiden sein.

Auch Fachleute erwarten keine bahnbrechenden Veränderungen. «Es ist enttäuschend, wie wenig konkrete und rasch umsetzbare Ergebnisse es aus der Konferenz gibt», sagt Felix Wolffers, Co-Präsident der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (Skos).

2200 Bewerbungen für drei Jobs

Dass die Integration derart schleppend verläuft, liegt zum einen daran, dass die Mehrheit der anerkannten Flüchtlinge und der vorläufig Aufgenommenen über keine oder nur über eine unzureichende Ausbildung verfügt. Zum anderen fehlen die Stellen für Ungelernte und schlecht Qualifizierte. Laut Felix Wolffers liegt die gesamtschweizerische Erwerbslosenquote für Personen ohne Berufsbildung bereits heute bei hohen elf Prozent – Tendenz steigend.

Was das bedeutet, erlebte Christoph Rüegg kürzlich. Der Sozialdienstleiter von Oberglatt fragte beim Zürcher Uni-Spital an, ob sich einer der arbeitslosen Flüchtlinge oder vorläufig Aufgenommenen in seiner Gemeinde für einen der drei ausgeschriebenen Raumpflegerjobs bewerben könne. Der Personalchef der Uniklinik winkte ab, weil er für die drei unqualifizierten Stellen bereits 2200 Bewerbungen erhalten hatte. «Wir erleben einen immer härter werdenden Kampf um die wenigen verbliebenen Jobs», so Rüegg.

Für Skos-Co-Präsident Felix Wolffers ist klar, dass eine nachhaltige berufliche Integration nur über eine berufliche Qualifizierung gelingen kann. «Nur mit einer anerkannten Ausbildung finden Migranten eine Stelle mit einem auch für eine Familie existenzsichernden Lohn und leisten zugleich einen Beitrag gegen den herrschenden Mangel an Fachkräften.» Allerdings ist es bis dahin ein langer Weg. Aufgrund ihrer mangelnden Schulbildung müssen die meisten zuerst mit Sprach- und Integrationskursen sowie mit Beschäftigungsprogrammen und Praktika auf eine Ausbildung vorbereitet werden.

Laut dem Diskussionspapier der Skos, dauert es drei bis fünf Jahre bis jemand fit ist für eine Ausbildung oder für eine Stelle im ersten Arbeitsmarkt. Und weil alle Bemühungen nicht fruchten, wenn jene nicht mitmachen, die es zu integrieren gilt, fordert Wolffers neben mehr Engagement von Behörden und Wirtschaft auch eine gesetzliche Ausbildungspflicht für Migranten. Dass es genug Ausbildungsplätze gibt, bezweifelt er nicht, zumal 2016 schweizweit 10'000 Lehrstellen unbesetzt blieben. Für Wolffers ist klar: «An der beruflichen Qualifizierung führt kein Weg vorbei.»

Tieferer Lohn für Migranten

Wirtschaftsprofessor Reiner Eichenberger zweifelt hingegen am Erfolg einer Ausbildungsoffensive. «Die Annahme, dass man mit mehr Geld und Engagement aus allen Top-Berufsleute machen kann, ist gewagt.» Zumal was die Erwachsenen unter den Flüchtlingen und vorläufig Aufgenommenen angeht. «Die Unternehmen suchen Lehrlinge mit bestimmten Voraussetzungen und nicht einfach einen Flüchtling.»

Wichtig sei zwar, dass die Leute rasch Deutsch lernten. Integration funktioniere aber vor allem über den Arbeitsmarkt. Er schlägt vor, wie es im Ausland der Fall ist, in Branchen wie dem Gastgewerbe, der Reinigung oder der Haushaltshilfe Jobs zu schaffen. Gleichzeitig sollten die Gesetze gelockert werden, damit Migranten zu tieferen Löhnen arbeiten könnten. Statt in teure staatlich Beschäftigungsprogramme, die wenig brächten, will Eichenberger in den Schutz der Schweizer Arbeitnehmer in Tieflohnjobs investieren indem diese Zuschüsse für jeden verdienten Franken erhalten.

Den Vorwurf, so eine Zwei-Klassen-Gesellschaft zu bilden, weist Eichenberger zurück. Es sei illusorisch zu glauben, dass es Gleichheit für alle gebe, wenn ein Teil der Bevölkerung aus komplett anderen Kulturen komme. «Wir müssen aufhören, Schweizer Standards auf diese Menschen anzuwenden. So hindern wir sie daran, selbstständig zu leben, und schaffen nur eine wirklich üble Zwei-Klassen-Gesellschaft: arbeitende Einheimische und sozialfällige Ausländer.» (Basler Zeitung)

Erstellt: 29.06.2017, 07:36 Uhr

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