Konstanz ächzt unter Schweizer Einkaufstouristen

Verstopfte Strassen, volle Läden, keine Parkplätze – und Einheimische sagen sogar «Konstanz ist nicht mehr Konstanz, es ist die Schweiz». Nun sucht die Stadt am Bodensee nach Lösungen.

Ein Flaschenhals ist die Bodanstrasse, Verbindungsglied zwischen Zollamt und Einkaufszentrum Lago. Foto: Doris Fanconi

Ein Flaschenhals ist die Bodanstrasse, Verbindungsglied zwischen Zollamt und Einkaufszentrum Lago. Foto: Doris Fanconi

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Kaum haben die Läden geöffnet, quellen am Bahnhof die Reisenden aus dem Zug von Zürich. Viele ziehen einen Einkaufswagen, andere tragen Rucksäcke und haben Rollkoffer an der Hand, als verreisten sie in die Ferien. Ihre Destination: Rewe, DM, Müller, Karstadt.

Konstanz steht wieder ein herausfordernder Tag bevor. Tausende Schwei­zerinnen und Schweizer stürmen jeden Tag den mittelalterlichen Stadtkern, es sind längst mehr, als er bewältigen kann; alleine das Haupteinfallstor, der Grenzübergang an der Autobahn, passieren heute im Durchschnitt doppelt so viele Autos wie noch vor zehn Jahren. Erst versuchte die Stadt, die Massen mit einem Verkehrsleitsystem zu kanalisieren, und baute bei der Autobahn 500 Parkplätze. An Spitzentagen transportiert ein Shuttle die Einkaufstouristen in die Stadt. Das entlastet den Stadtkern, aber nicht genug. Unter Hochdruck hat Konstanz deshalb ein Verkehrskonzept für die Altstadt erstellt. Nächstes Jahr beginnt die Stadt mit der Umsetzung.

Ein Flaschenhals ist die Bodanstras­se. Sie verbindet das Zollamt an der Autobahn mit dem Lago, dem Einkaufszentrum, das pro Quadratmeter am meisten Geld in ganz Deutschland umsetzt. An Spitzentagen bewegen sich die Autos keinen Zentimeter mehr, die Busse bleiben in den Kolonnen stecken. Und es gibt immer mehr Spitzentage. Zuerst waren es vor allem die Schweizer Feiertage und die Weihnachtszeit, heute sind es auch Samstage und Ferientage.

In Konstanz zum Zahnarzt

Zugespitzt hatte sich die Situation im schmucken Altstadtquartier Stadelhofen, das just zwischen zwei Grenzübergängen liegt. Auswärtige Autofahrer versuchten über Schleichwege in die Innenstadt zu gelangen, fuhren gegen den Verkehr durch Einbahnstrassen oder durch Strassen, die Anwohnern vorbehalten sind. Andere stellten dort ihr Auto ab und parkierten die engen Gassen komplett zu, Feuerwehr und Sanität kamen nicht mehr durch. Die Polizei verteilte 2013 mehrere Tausend Bussen, schleppte mehrere Hundert Autos ab.

Selbst der Gemeinderat diskutierte über mögliche Lösungen für das verstopfte Quartier. Die Parteien forderten mehr Polizisten, mehr Poller oder Parkkrallen, die Falschparkierer blockieren. Nichts davon hat sich als praktikabel erwiesen. Erst als die Behörden vor einem Jahr den Grenzübergang an der Kreuzlingerstrasse für den Verkehr sperrten, entspannte sich die Situation.

Dennoch verliert man auf offizieller Seite kein böses Wort über «unsere Schweizer Nachbarn». Walter Rügert, Pressereferent der Stadt Konstanz, sagt: «Wir sind froh über die Schweizer, die uns besuchen. Wir leben die grenzüberschreitende Zusammenarbeit.» Tatsächlich haben sich die Gemeinden der Grossregion noch stärker verflochten, seit die bilateralen Verträge in Kraft sind. Es hat sich eine klare Arbeitsteilung ergeben: Deutsche fahren in die Schweiz zur Arbeit oder besteigen in Kloten das Flugzeug, Ostschweizer gehen in Konstanz in den Ausgang oder zum Zahnarzt. Schweizer kaufen auf der anderen Seite der Grenze Kleider, Haushalts- oder Hygieneartikel; die Deutschen in der Schweiz Kaffee, Schokolade und Benzin; im kleinen Kreuzlingen stehen 14 Tankstellen, im viermal grösseren Konstanz deren 5.

Seit 2011, seit der Euro gegenüber dem Franken massiv an Wert verloren hat, sind die Autokolonnen nach Deutschland aber deutlich länger als jene in die Schweiz. Mittlerweile tragen die Schweizer ein Drittel zum ganzen Einkaufsvolumen von Konstanz bei, wie Utz Geiselhart sagt, Geschäftsführer des Handelsverbands Südbaden. Manche Geschäfte haben gar über 70 Prozent Schweizer Kunden. Geiselhart will das aber weder bestätigen noch sagen, welche Branchen besonders profitieren. Das Thema ist heikel. Im gleichen Masse, wie Konstanz profitiert, verlieren Geschäfte auf Schweizer Seite Kundschaft. Jene an der Kreuzlingerstrasse etwa hatten schon länger einen schweren Stand. Doch seit der Grenzübergang gesperrt ist, gleicht das Teilstück davor einer Geisterstrasse. Die Hochhus-Bar – leer. Die Chuchichäschtli-Bar – leer. In der früheren Apotheke stellt jemand seine Zeichnungen aus.

Zürcher Preise in Deutschland

Auf der Strasse ist der Ton zur Schweizer Einkaufsoffensive schärfer als im Stadthaus. «Viele schimpfen», sagt eine 46-Jährige, die aus einer Bäckerei tritt. «Es ist der Wahnsinn, seit der Euro auf 1.20 Franken gesunken ist. Sie sehen es ja», sagt sie und deutet in die Gasse. Eine Masse drängt sich an ihr vorbei, das Schweizer Idiom hallt von den Wänden. Ab Mittag sei die Stadt verstopft, Strassen, Geschäfte, ihr Café. Ältere Leute trauten sich gar nicht mehr in das Gewühl. Auch die Preise seien mittlerweile «hammerhart». Bekam man früher noch für 3 Euro einen Prosecco, bezahle man heute über 5. Zürcher Preise. «Viele Leute sagen: Konstanz ist nicht mehr Konstanz, es ist die Schweiz.»

Eine andere Konstanzerin wägt ab. Die Meinungen seien geteilt, sagt sie. ­Geschäftsbesitzer freuten sich über die Schweizer, die Kunden weniger. Am Nachmittag könne man nicht mehr in die Stadt, nicht einmal mit dem Fahrrad. Und vor den Kassen müsse man oft endlos lange warten, weil sich die Schweizer Ausfuhrscheine ausstellen liessen. Auf diese grünen Zettel haben es die Schweizer abgesehen: Sie können damit die deutsche Mehrwertsteuer von bis zu 19 Prozent zurückfordern, die viel tiefere Schweizer Mehrwertsteuer müssen sie erst ab einem Wert von 300 Franken bezahlen. So profitieren sie dreifach – von den tiefen deutschen Preisen, vom vorteilhaften Wechselkurs und von der rückerstatteten Mehrwertsteuer.

Jeden Tag, so sagt der Zollbeamte hinter der Glasscheibe am Konstanzer Bahnhof, stempelt er Tausende dieser grünen Zettel. Und jedes Jahr werden es mehr. 2013 gaben die Schweizer 10 Milliarden Franken im Ausland aus, 1 Milliarde mehr als im Vorjahr, wie das Marktforschungsinstitut GFK im Auftrag der grössten Schweizer Detailhändler eruierte. Es kam zum Schluss, dass sie immer gezielter und immer grössere Mengen im Ausland einkaufen und dafür immer längere Wege zurücklegen.

«Irgendwann wird es zur Gewohnheit», sagt Sara Stalder, Geschäftsleiterin der Stiftung Konsumentenschutz. Einen Grund dafür sieht sie im sogenannten Schweiz-Zuschlag. Die Politik, welche das Kartellgesetz unrevidiert liess, habe es versäumt, etwas gegen die hohen Preise zu unternehmen. Jetzt versucht die Stiftung, wenigstens Transparenz zu schaffen: «Wir empfehlen, un­bedingt die Preise zu vergleichen. So können sich die Konsumenten ein Bild der Preissituation machen. Sie sollen dort einkaufen, wo für sie Preis und Umfeld stimmen.» Die Einkaufstouristen in Konstanz befolgen ihren Rat.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.12.2014, 06:19 Uhr

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