Bern

Krieger im Dienst der Frauen

Die Wu-Shi-Krieger aus Bern haben es sich zur Aufgabe gemacht, Frauen vor den Gefahren der Nacht zu beschützen, indem sie sie in der Nacht sicher (und gratis) nach Hause begleiten.

Männer, die sich um Frauen sorgen: Die Wu-Shi-Krieger am Bahnhof in Bern.

Männer, die sich um Frauen sorgen: Die Wu-Shi-Krieger am Bahnhof in Bern.

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Bereits seit einer geschlagenen Stunde stehen Mike Lawson, John Lash und Ian Williamson an ihrem Platz unter dem Glasbaldachin und warten geduldig. Es ist 23 Uhr und kalt. Die drei Männer nennen sich Wu Shis, Tai-Chi-Krieger. «Wir wollen der Welt zeigen, dass es Männer gibt, die sich um Frauen sorgen», sagt John Lash, Inhaber der Berner Tai-Chi-Schule «harmonischer Drachen». Überall würden Frauen negative Schlagzeilen lesen, hörten von Vergewaltigungen und Raubüberfällen. «Aber einmal wöchentlich sehen sie Männer, die gewillt sind, für deren Schutz zu sterben.»

Dabei sind «die Krieger» im Alltag ganz normale Männer. Der 39-jährige Lawson ist Computerinformatiker, Williamson ein 37-jähriger Bauer aus dem Jura. Auch ein Arzt, ein Architekt und ein Fensterwäscher befinden sich unter den Wu Shis. John Lash selbst widmet sich ganz seiner Schule, hat zu Hause Ehefrau und vier Kinder, und lebt mit ihnen auf einem Bauernhof in Uettligen.

Noch hat an jenem Abend keine Frau von dem Gratis-Eskort-Service Gebrauch gemacht. Die drei werden neugierig beäugt, ihre wehenden Hosen und langen Stöcke fasziniert angestarrt. Einige betrunkene Jugendliche wanken vorbei, lallen die Männer an: «Chöiter üs ou begleite?» Die Wu Shis schütteln amüsiert den Kopf.

Einer gegen sechs Männer

Mike Lawson verabschiedet sich von der Gruppe. Er macht sich auf den Weg zum Lindenhof, um Pflegefachfrauen nach ihrem Spätdienst an heller belichtete Strassen zu führen. Als mein Begleiter läuft Lash los, überquert die Strasse in Richtung Tibits. Beim Gang durch den Bahnhof erntet er von vielen ein Lächeln – vielleicht bezweifeln sie, dass der 61-jährige Mann eine Frau bei einem Angriff beschützen könnte? «Bis zu sechs Männer wären gar kein Problem», sagt Lash. Er hat seinen traditionellen Stock dabei: ein flexibler Stab aus Rattan, der zu weich ist, um Knochen zu brechen oder jemanden zu töten, aber hart genug, um jemanden problemlos in Ohnmacht zu schlagen.

Die grosse Schanze ist zwar dunkel, das übliche unheimliche Gefühl durch die Anwesenheit Lashs aber wie weggeblasen. Durchschnittlich eine Frau pro Nacht möchte vom Bahnhof nach Hause begleitet werden sowie eine Pflegefachfrau vom Lindenhof. Aber: «Es sind viele mehr, die vorbeischauen, um sich zu bedanken.» Teils müssten sie auch für Erinnerungsfotos posieren, würden für Geburtstagsständchen eingespannt oder begleiten Damen vom Tibits «bis zum Loeb-Egge».

Die Motivation, sich für die Frauen so einzusetzen, wurzelt in den spirituellen Überzeugungen der Begleiter: So werden die Frauen im Taoismus, der Basis der fernöstlichen Kampfkunst Tai Chi, als heilige Wesen verehrt. Es sei die Aufgabe von Männern, zwischen ihnen und dem Negativen der Welt zu stehen. «Es dauert zwanzig Jahre, um eine sanftmütige junge Frau zu erziehen», sagt Lash. «Ein gewalttätiger Mann kann dies in einem Augenblick zerstören.»

Alltag, Wetter und Bratt Pit

Normalerweise spricht Lash mit den Frauen, die er begleitet, nicht über seine Philosophie, sondern über andere Sachen. Alltag, Wetter, Universität oder Brad Pitt. Die Wu Shis kommen aber nicht immer in den Genuss von Gesprächen – oft stehen sie sich wartend die Beine in den Bauch, spüren vor lauter Kälte das Gesicht nicht mehr, zählen die Sekunden an der grossen Bahnhofsuhr. Trotzdem denken sie nicht daran, aufzuhören. «Mittlerweile stehen 13 Wu Shis im Einsatz. Es berührt ihre Herzen, auf diese Art und Weise etwas für die Frauen zu machen.»

Vor ihrem Einsatz hätten sich alle überlegt, was im Extremfall zu tun sei, wenn zwanzig Männer mit Stock, Stein oder Klinge eine Frau bedrohen würden. «Dann wissen wir, es ist Zeit zu sterben», sagt der gebürtige Texaner lachend. Glücklicherweise ist es seit dem Anfang des Eskort-Services im November 2008 noch nie zu einer solchen Situation gekommen.

Am Ziel angelangt, verneigt sich John Lash und wünscht gute Nacht. Er dreht sich um und geht gemächlich zurück in Richtung Bahnhof – seine Schicht dauert noch bis 1 Uhr morgens.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 20.05.2010, 13:45 Uhr

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