Lage der katholischen Kirche «dramatisch»

Flammender Appell: Der Einsiedler Abt Martin Werlen will, dass sich die katholische Kirche den aktuellen Problemen stellt.

Die Kirche sei in der Geschlechterfrage «unbeholfen und ratlos»: Abt Martin Werlen. (15. September 2012)

Die Kirche sei in der Geschlechterfrage «unbeholfen und ratlos»: Abt Martin Werlen. (15. September 2012) Bild: Keystone

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Die katholische Kirche hat im Urteil von Martin Werlen in den letzten Jahren sehr viel an Glaubwürdigkeit eingebüsst. Die Situation der Kirche sei «dramatisch» – nicht nur weil es immer weniger Priester und Ordensleute gebe. Das wirkliche Problem sei nicht numerischer Natur, sondern: «Es fehlt das Feuer!» Dies schreibt der Abt des Klosters Einsiedeln in der Broschüre «Miteinander die Glut unter der Asche entdecken», welche der «Sonntag» auszugsweise publizierte.

Die Polarisierung zwischen konservativen und progressiven Kreisen habe zu einem Graben geführt, der kaum mehr einen Dialog zulasse. Auf beiden Seiten würde nicht selten der anderen Seite die Kirchlichkeit abgesprochen.

Zölibat infrage gestellt

Es gehe nicht darum, «uns dem Zeitgeist anzupassen», sondern vielmehr darum, «den Zeitgeist wahrzunehmen». Es gebe Kirchenmänner, die heute darüber klagten, dass seit 40 Jahren immer die gleichen Probleme thematisiert würden. «Das sollte eigentlich einen durchschnittlich intelligenten Menschen nicht überraschen: Die gleichen Probleme werden immer wieder thematisiert, weil sie noch nicht gelöst sind», betont Werlen.

Etwa bei der Frage der Ehelosigkeit von Priestern erachtet Werlen andere Wege als möglich. Die zölibatäre Lebensform sei ein möglicher Weg – «genauso wie die eheliche Lebensform». Die Zulassung zur Weihe könnte auch anders gestaltet werden. Auch mit der Integration von Frauen tue sich die Kirche immer noch schwer. Sie zeige sich in der Geschlechterfrage «unbeholfen und ratlos».

«Theologische Inkompetenz»

An Glaubwürdigkeit verliere die Kirche zudem, wenn kirchliche Amtsträger heute noch in der Öffentlichkeit sagten, dass die meisten sexuellen Übergriffe nicht in der Kirche geschähen, sondern in Familien. Solche Aussagen zeugten nicht zuletzt von «theologischer Inkompetenz»: Wenn sexuelle Übergriffe in Familien von Getauften geschähen, «so sind das genauso Übergriffe in der Kirche. Zur Kirche gehören alle Getauften.»

Das «Jahr des Glaubens» steht im Zusammenhang mit dem 50-Jahr-Jubiläum des II. Vatikanischen Konzils. 1962 kamen über 2000 Bischöfe aus 116 Staaten in Rom zusammen, um eine grundlegende Reform der Kirche anzustossen. Zudem nahm die katholische Kirche damals den ökumenischen Dialog auf. (rub/sda)

Erstellt: 11.11.2012, 16:18 Uhr

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