«Mit 17 wollte ich mich umbringen»

Pro Juventute hat eine Kampagne zur Suizid-Prävention gestartet. Eine betroffene Genferin erzählt, wie sie vor einem halben Jahr einen Selbstmordversuch überlebte.

Berührender TV-Spot: Die Werbekampagne für die Nummer 147 von Pro Juventute.


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Die 18-Jährige möchte lieber anonym bleiben, denn sie will beleidigende Bemerkungen vermeiden. «Ich habe keine Lust darauf, mir sagen zu lassen, ich hätte mich aufspielen wollen mit meinem Selbstmordversuch», gesteht sie. Als Pseudonym wählt sie, stolz auf ihren Einfall, den Namen des Restaurants, in dem wir uns in Genf treffen: Tiffany. Im März dieses Jahres und zwei Monate vor ihrem 18. Geburtstag hat Tiffany also versucht, sich das Leben zu nehmen. Am Rand der Präventions-Kampagne gegen Suizid von Jugendlichen von Pro Juventute hat sich die junge Frau, die von der Kriseneinheit für Jugendliche am Kantonsspital Genf betreut wurde, bereit erklärt, sich uns anzuvertrauen und über «den grössten Fehler meines Lebens» zu reden.

Tiffany, warum wollten Sie sich das Leben nehmen?
Ach, da war das, und, und, und. Ich wohne bei meiner Mutter und habe mich viel um sie gekümmert. Ich will nicht ins Detail gehen, aber ich fühlte mich für sie verantwortlich. Ich glaube, ich setzte mich ziemlich unter Druck. Und dann hatte ich eine geheime Beziehung mit einer mir nahestehenden Person. Ich litt darunter, nichts sagen zu können, meine Bekannten anzulügen. Ich litt auch darunter, dass ich in diesen Mann verliebt war, aber er nicht in mich. Dann war da auch meine Arbeit, die mir sehr gefällt, aber bei der ich mich auch sehr unter Druck setze, aus Angst zu enttäuschen. Mein Chef machte mal eine Bemerkung mir gegenüber. Eine normale Bemerkung – aber ich flippte völlig aus. Ich sagte mir, nichts in meinem Leben funktioniert. Und dass es auch im Job nicht mehr funktioniert. Ich sagte mir, die einzige Lösung ist der Tod. Dann hätte ich keine Probleme mehr. Diesen Winter wäre ich fast gestorben.

Hatten Sie schon früher Selbstmordgedanken?
Ja, einmal, eine Woche vor meinem Selbstmordversuch. Es war ein Uhr früh, ich hatte den Bus verpasst und stand auf der Strasse. Es war dunkel. Ich wollte meine Eltern nicht stören wegen eines Busses. Ich fühlte mich allein auf der Welt. Ich fing an zu weinen. Ich sagte mir: Ich will sterben.

Was passierte in den Tagen nach dem Suizidversuch??
Ich verbrachte neun Tage im Kantonsspital. Es gab eine Scheibe, eine Tür, ein Bett, einen Nachttisch, die Wand, die Decke. Ich war weg. Ich entschuldigte mich dauernd bei den Ärzten, meiner Familie, meinen Angehörigen.

Warum entschuldigen?
Ich sagte mir, dass ich meinen Angehörigen Unrecht getan hatte. Und ich konnte mir nicht verzeihen. Im Spital hatte ich ziemlich viel Besuch. Es tut gut, zu sehen, dass man nicht allein ist. Es berührte mich, dass die Leute sich betroffen fühlten. Am Anfang war ich völlig verstockt. Aber dann kam alles raus, Schritt für Schritt. Ich erzählte den Ärzten alles: über meine Beziehung zu meiner Mutter, den Mann, an den ich Tag und Nacht denke. Das tat mir gut. Während zwei Monaten war ich in Behandlung im Zentrum für ambulatorische Intensivbehandlung*, dann bei einem Psychiater. Die Ärzte verstanden mich und beantworteten meine Fragen. Ich hatte das richtig nötig.

Vorher hatten Sie nie über Ihre Gefühle gesprochen??
Ich getraute mich nicht mit meiner Mutter zu reden, denn ich fand, es gehe ihr schlecht. Und ich redete nicht viel mit meinem Vater. Er ist ein zurückhaltender Mensch. Ich sagte mir, ich müsse stark sein, ich wollte nicht, dass man Mitleid mit mir hat. Ich verlange viel von mir, will die anderen nicht enttäuschen. Aber wenn man zu viel unterdrückt, explodiert es irgendwann.

Wie denken Sie sechs Monate danach über das, was Sie getan haben?
Es war der grösste Fehler meines Lebens. Und ich habe schon ziemlich viel Mist gebaut (Tiffany lacht). Seit sechs Monaten sage ich mir jedes Mal, wenn ich glücklich bin, dass ich diesen Moment nicht hätte erleben können. Wenn ich meine kleinen Brüder anschaue, sage ich mir, dass ich das alles fast verpasst hätte. Vor einiger Zeit habe ich einen 19-jährigen Freund verloren, der einen Herzstillstand hatte. Er rauchte nicht, trank nicht und trieb Sport. Ich besuchte sein Grab. Er hatte nichts getan, und jetzt ist er da oben. Ich hatte an seiner Stelle sein wollen. Ich sagte mir: Du hast kein Recht dazu. Manchmal ekelte ich mich vor mir selber.

Und heute, wie fühlen Sie sich??
Es geht mir gut und ich gehe nicht mehr zum Psychiater. Meine Familie und ein paar Freunde haben mir geholfen. Ich will das Leben geniessen, glücklich sein.

Wie stehen Sie zu Ihren Eltern??
Mit meiner Mutter geht es besser. Mit meinem Vater habe ich, glaube ich, die gleiche Beziehung wie vorher.

Was machen Sie, wenn Sie deprimiert sind?
?Wenn es mir nicht gut geht, sage ich mir, dass der Tod meine Probleme auch nicht löst. Das würde nur heissen, sie den anderen aufzuladen. Ich versuche zu relativieren und ein bisschen mehr als früher mit meinem Umfeld zu reden.

Warum waren Sie einverstanden, uns von Ihrer Erfahrung zu berichten??
Ich möchte den Leuten sagen, dass der Tod nichts löst und dass das Leben zu schön ist, um es sich zu nehmen. Ich weiss, wovon ich rede. Eine Woche nach meinem Selbstmordversuch habe ich einen neuen Anfang gemacht im Leben. Das war vor sechs Monaten. Und seit einem Monat gehe ich nicht mehr zum Psychiater. Das ist das Beste, was ich machen kann (sie lächelt).

Wenn ein Jugendlicher den Eindruck hat, er sitze in einem tiefen Loch, was raten Sie ihm?
?Vor ungefähr einem Monat war meine Schwester am Telefon mit einer Freundin. Ich begriff, dass diese Freundin einen Fehler machen wollte oder schon gemacht hatte. Ich nahm das Telefon und sagte ihr: «Du spinnst. Sind deine Eltern bei dir?» Sie sagte: «Reg dich ab, es geht schon.» Ich sagte ihr, sie müsse alles auspacken, reden. Ich versprach, sie am nächsten Morgen anzurufen, was ich auch machte. Und ich rufe sie weiterhin an und will wissen, wie es ihr geht. Das Leben ist wertvoll.

Übersetzung: Sibylle Bühler Beltran
*Dieses Zentrum ist der Kriseneinheit für Heranwachsende angeschlossen, die Spezialbehandlungen für jugendliche Selbstmörder anbietet.
(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.10.2011, 14:48 Uhr

Tiffany ist heute 18 Jahre alt und will «vom Leben profitieren, glücklich sein». Sie kann auf die Unterstützung ihrer Familie und ihres Umfelds zählen. (Bild: Olivier Evard)

«Eine Telefonberatung kostet uns durchschnittlich 15 Franken», sagt Direktor Stephan Oetiker. (Bild: Pro Juventute)

Darüber reden ist wichtig

Rund zehn Tage nach dem Start der Präventions-Kampagne gegen Suizid von Jugendlichen zieht der Direktor von Pro Juventute, Stephan Oetiker, eine positive Bilanz: «Wir strahlen zum ersten Mal einen TV-Spot (siehe oben) auf den nationalen und regionalen Sendern aus, in dem wir Jugendliche auffordern, die Nummer 147 zu wählen, wenn sie nicht weiterwissen. Es gibt viele und fast nur positive Reaktionen. Eltern, die ein Kind verloren haben, rufen mich an und sagen, es sei wichtig, das Schweigetabu zum Selbstmord zu brechen. Sie haben mir gratuliert. Experten machen ebenfalls darauf aufmerksam, dass es wichtig ist, die Diskussion aufzunehmen.»

Oetiker betont, dass die Kampagne bis am 6. November dauern soll, aber viele Eltern möchten, dass sie weitergeht. «Wir brauchen Partner. Wir verhandeln zurzeit mit verschiedenen Firmen. Wir sind natürlich für Spenden offen. Haben Sie gewusst, dass eine Beratung am Telefon uns durchschnittlich 15 Franken kostet? Wenn Sie uns diese Summe überweisen, tragen Sie damit zu unserer Präventions-Kampagne gegen Suizid von Jugendlichen bei.»

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